https://www.faz.net/-gpf-8uymy

Grüne im Umfragetief : Trotzig in den Niedergang

Keine Experimente: Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt Bild: Matthias Lüdecke

Die Grünen wollen sich von ihren schlechten Umfragewerten nicht verunsichern lassen. Doch der Erfolg von SPD-Kandidat Schulz bringt die Partei ins Grübeln.

          4 Min.

          Die Grünen haben ein Trotz-Gen, das sich gern meldet, sobald die Partei sich in Umfragen nicht länger vom Wahlpublikum beachtet findet, sobald sie sich miss- oder unverstanden fühlt oder ungerecht behandelt. Das Trotz-Gen sagt den Grünen, dass für solche unbequemen Situationen nicht sie selbst, sondern andere verantwortlich sind. Die Grünen, die gern selbst von ihrer „DNA“ sprechen, wenn sie ihr programmatisches Erbe meinen, bewahren darin nicht nur die Erinnerung an ihre Positionen in der Anti-Atomkraft-Bewegung oder der Rechtsangleichung für Homosexuelle, sondern zugleich auch das Gefühl dafür, wie es damals war, als Minderheit gegen etablierte Mehrheiten zu streiten.

          Johannes Leithäuser

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Solche Erinnerungen bemühen viele im politischen Führungskreis der Partei, wenn es gilt, die aktuelle Lage zu erläutern und zu beschwichtigen. Ja, heißt es dann, die Grünen seien zwar in Umfragen auf Werte gestürzt (zuletzt sieben Prozent), die noch unter dem Bundestagswahlergebnis des Jahres 2013 (8,4 Prozent) liegen, doch habe es ja vor einem Jahrzehnt auch noch weniger rosige Zeiten für die Grünen gegeben, auch in den Jahren nach der Wiedervereinigung sei das so gewesen.

          Und gerade weil vermeintlich die ökologischen und die Klimathemen, mit denen die Grünen zuallererst identifiziert werden wollen, gegenwärtig eher nachrangig im öffentlichen Interesse stünden, müsse die Partei eben „ihr Profil schärfen“, wie die Formel lautet, müsse zeigen, dass es auf die Grünen ankomme.

          39.000 Parteimitglieder beteiligten sich an der Urwahl

          Die Grünen gestehen auch staunend, dass sie der Sympathieerfolg des SPD-Spitzenkandidaten Martin Schulz überrascht hat. In den ersten Tagen nach der Verkündung, dass Schulz der Kandidat werde, traten die Führungsverantwortlichen der Grünen noch selbstbewusst auf, schließlich hatten sie selbst zum zweiten Mal die Kür ihrer Spitzenkandidaten in vorbildlich basisdemokratischer Weise bewerkstelligt – mit einer Urwahl, an der sich 39.000 Parteimitglieder beteiligten. Bei der SPD hingegen, sagten die Grünen kopfschüttelnd, habe ja ein Interview des Parteivorsitzenden Gabriel gereicht, um den Spitzenkandidaten Schulz zu nominieren.

          Nach dessen demoskopischem Höhenflug sind zwar auch bei den basisdemokratisch eingenordeten Grünen Zweifel aufgekommen, ob nicht ein frisches Gesicht – etwa das des schleswig-holsteinischen Umweltministers Robert Habeck, der mit nur 75 Stimmen Unterschied die Urwahl verlor – mehr Aufmerksamkeit auf die Partei gelenkt hätte als alle Mitgliederbeteiligungsprozeduren. Aber solche Fragen bringen kurzfristig keine Antworten darauf, wie die Partei aus ihrem Umfrageloch wieder herausklettern könnte.

          Auf der jüngsten Sitzung der Bundestagsfraktion meldete sich fast ein Drittel der Abgeordneten zur internen Zukunftsdebatte, viele ließen das Trotz-Gen erkennen: Jetzt müssten sich die Grünen erst recht hinter den beiden Spitzenkandidaten – Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir – versammeln, erst recht für ihre eigenen Themen Klima, Landwirtschaft, Gerechtigkeit werben.

          Niemand ließ sich laut mit dem Vorschlag vernehmen, dass es besser wäre, wenn die Grünen in einem Lagerwahlkampf zwischen Union einerseits und SPD andererseits sich einem Lager zuordneten, also etwa mit einer rot-rot-grünen Bindung auf sozialdemokratische Wechselwähler hofften, statt sich mit ihrem Kurs der Eigenständigkeit zwischen alle Stühle zu setzen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Knickauge zählt mit: Lewandowski schießt drei Tore gegen Frankfurt und erhöht seine Saisonbilanz auf zehn.

          0:5 in München : Eintracht von der Bayern-Walze überrollt

          Die Eintracht ist in München überfordert, vor allem Lewandowski können sie nicht stoppen. Die Bayern gewinnen 5:0, verlieren aber Davies mit einer vermutlich schweren Verletzung.
          Der Begriff „Milliardenhöhe“ ist mit Betrugsgeschichten bislang zumindest hierzulande selten gewesen.

          Wirecard-Skandal : Insolvenzverwalter: Konzern wurde leergeräumt

          Der Insolvenzverwalter von Wirecard erhebt schwere Vorwürfe gegen das ehemalige Management des Konzerns. Mit dem Teilverkauf in dieser Woche kommt aber ein wenig Geld in die Kassen, um den Skandal mit Unterstützung von Anwälten aufzuklären.
          Protest gegen die alte Verfassung in Santiago.

          Abstimmung über Verfassung : Chile ringt um seine Zukunft

          Am Sonntag stimmen die Bürger in Chile darüber ab, ob es eine neue Verfassung gibt. Die bisherige stammt noch aus der Zeit von Diktator Augusto Pinochet – und gilt Gegnern als Wurzel aller Ungerechtigkeit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.