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Jamaika-Koalition : Der Grünstreifen am Horizont

Damals waren die Grünen eine geschlagene Partei, obwohl das damalige Ergebnis kaum schlechter war als diesmal. Niemand hatte für Gespräche mit der Union irgendetwas vorbereitet. Dem Spitzenduo aus Trittin und einer eher mitlaufenden Katrin Göring-Eckardt war es im Wahlkampf gelungen, zunächst zweistellige Umfrageergebnisse mit Steuerdrohungen, Vegetarismus und dem Versprechen umfassender Volkserziehung fast zu halbieren. Trittin hatte zudem mit der pädophilenfreundlichen Vergangenheit seiner Partei zu kämpfen. Er war am Ende fast aus der Öffentlichkeit verschwunden.

Jürgen, das Schreckgespenst

Mit einem solchen Mann, geschwächt und von der eigenen Partei auch schon gleich abgemeiert, ließ sich damals nicht gut verhandeln. Es gehört zu den Besonderheiten heutiger Tage, dass der Nord-Grüne Robert Habeck sich beim kleinen Parteitag vor zwei Wochen ausdrücklich für diesen Umgang mit Trittin entschuldigte und ihn ebenso wie Claudia Roth für unentbehrlich erklärte. Eine rhetorische Verbeugung, die der Machtmensch gleich für bare Münze nahm und seither keinen Fernsehauftritt mehr absagt. Jürgen, das Schreckgespenst, ist wieder da. Jahrelang hatte Guido Westerwelle den rot-grünen Veteranen als Dosenpfand-Minister gehänselt, jetzt muss Westerwelles Erbfolger Christian Linder irgendwie mit ihm klarkommen.

Die Delegation der Grünen für die Sondierungsrunden der nächsten Woche repräsentiert also neben regionalem und politischem Proporz auch diese historischen Wegmarken: Bütikofer ist abermals dabei, Trittin, Winfried Kretschmann, Robert Habeck und Claudia Roth, die auch als Stimmungskanone gegen Klimakiller wie Markus Söder von der CSU eingesetzt werden könnte. Außerdem wird der temperamentvollen Roth zugetraut, auf einem Parteitag die Parteilinken hinter das Koalitionsvorhaben zu bringen. Simone Peter kann so was eher nicht, sie bringt aber Erfahrungen als Ministerin in der kurzlebigen schwarz-grün-gelben Koalition im Saarland mit. Hauptperson der Parteilinken ist bei solchen Gesprächen allerdings der Bayer Anton Hofreiter. Bei der Kandidatenwahl der Grünen war Hofreiter auf dem dritten Platz gelandet. Der langhaarige Biologe hat dennoch Einfluss, welcher sich allerdings weniger über Parteitagsreden oder bei Bundestagsdebatten bemerkbar macht. Manche Parteifreunden sorgen sich, Trittin könne ihm unterbuttern, aber Hofreiter argumentiert, Trittin sei ministerialerfahren, sachkundig und ein guter Stratege. Die Stimmen der Delegierten aller Ebenen gehörten im Konfliktfall jedoch ihm, Hofreiter. Dessen scheint er sich sicher.

Tatsächlich hatte der Fernsehliebling Trittin in der letzten Woche wieder allerlei Auftritte. Der vorläufige Höhepunkt war erreicht, als er erst im „heute journal“ und dann bei den „tagesthemen“ auftrat. Da rieb sich mancher verwundert die Augen: Ist das der Obergrüne? Und was bedeutet das für Koalitionsgespräche mit Union und FDP?

Zunächst das: Einer darf der Böse sein. Trittin spielt eine Rolle in der grünen Verhandlungskommission, die ungefähr dem Part entspricht, den Wolfgang Schäuble in den letzten Jahren öfters bei der Union hatte – der grimmige, mit allen Wasser gewaschene, pessimistisch klingende Betonklotz, den die weicher auftretenden Chefs brauchen, um zu verdeutlichen, wie weit und schwer der Weg zu Einigung ist. Trittin scheint aber auch seine Grenzen zu kennen. Jedenfalls wurde bemerkt, dass er bei seinen Auftritten zwar die Unions-Einigung zur Flüchtlingspolitik scharf kritisierte, dies aber in Wendungen tat, die auch Katrin Göring-Eckardt benutzt hatte. Wortgleich. Von Roten Linien keine Rede.

Trittins Motive kennt nur er selbst. Will er Minister werden oder Staatssekretär bei Anton Hofreiter – oder möchte er diesmal beim Gelingen helfen, um für die Historie zu belegen, dass 2013 die Zeit noch nicht reif war? Alles, was in diesen Tagen passiert, ist jedenfalls die Zeitgeschichte von morgen. Die Reputation, die Özdemir und Göring-Eckardt derzeit in der Partei und auch darüber hinaus genießen, ist ein Vorschuss, mit dem sich politisch arbeiten lässt. Wolfgang Schäuble hat Özdemir durch ein ausführliches Zweiergespräch kurz vor der Wahl im Fernsehen geradezu geadelt. Göring-Eckardt ist im Wahlkampf diesmal sie selbst gewesen, anders als beim letzten Mal, wo sie dem radikaleren Kurs Trittins folgte. Das hat ihrem Ansehen gut getan.

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