https://www.faz.net/-gpf-7hig7

Grüne und Pädophilie : Graben

Es gibt ein Bedürfnis, Missbrauchsverbrechen als Einzeltaten von Einzeltätern wegzuordnen. Oder als Perversion des eigentlich Gemeinten. Doch geschehen sie immer in einer asymmetrischen Beziehung, in einem Machtgefälle - und meist in einem institutionellen Rahmen.

          3 Min.

          Henning Mankell schreibt in einem Roman, es gebe zwei Sorten Journalisten: Die einen graben, und die anderen schaufeln wieder zu. Christian Füller gräbt. Als 2010 Missbrauchskandale die Republik aufwühlten, gehörte er zu den Aufklärern. Er hat auch seinen Anteil daran, dass die „taz“ sich selbstkritisch mit ihrer eigenen Verstrickung auseinandersetzte. Das war tapfer, aber das sollte es dann auch gewesen sein. Aufgeklärt. Punkt.

          Nun geht Füller auf die Grünen los. Er nennt sie Täter und verlangt Wiedergutmachung an den Opfern. Er vergleicht die Grünen mit der katholischen Kirche, und die Grünen kommen, was die Aufarbeitung betrifft, dabei sogar schlechter weg. Füller ist schonungslos, für die Angesprochenen beleidigend. Er behauptet, die Ideologie der „sexuellen Befreiung des Kindes führte geradewegs auf den Schoß von Pädosexuellen und deren Mitläufern“.

          Mit Cohn-Bendit fing es an

          Mit Cohn-Bendit fing es an: Den hatte Füller schon vor einigen Monaten, besonders in der F.A.S., aufs Korn genommen. Das schien manchen unverzeihlich. Cohn-Bendits Eitelkeit ist zwar unaufhaltsam wie Brechdurchfall, aber er hat treue Freunde, die diesen Makel in Kauf nehmen, weil sie den Mann als menschlich, herzlich und hilfsbereit erlebt haben. Ihnen tut es weh, den Freund, und anderen, das Idol als Pädokriminellen verunglimpft zu sehen. Füller nennt Cohn-Bendit „den populärsten und schamlosesten grünen Propagandisten von kindlichem Sex“. Und es hilft nichts: Der Satz ist zwar scharf, aber historisch genau. Zutreffend schilderte Füller in der F.A.S. auch Cohn-Bendits Einsatz in der Odenwaldschule, wo er dem kriminellen Schulleiter - unter Berufung auf die sexuelle Befreiung - half, einen Aufstand der Anständigen zu ersticken.

          Cohn-Bendit hat sich diesen Anschuldigungen nicht ernsthaft gestellt. Er hat seine Rolle bedauert, aber sie zugleich verniedlicht. Er hat mit Schmerz von seiner eigenen Jugend gesprochen und mit Wärme über die Heimat Odenwaldschule, über den Zeitgeist und über Irrtümer. Seine Verstrickung hat er nicht benannt. Und damit eine Chance vertan. Denn die Wahrheit macht frei.

          Füllers Legitimation ist das Graben

          Es mag ja sein, dass Füller hier und da überspitzt: Doch er spricht für die Opfer. Seine Legitimation ist seine Arbeit. Das Graben. Andere nennen es „mit Dreck werfen“. So kann man es natürlich auch sehen. Doch geht es nicht um Rechthaben in abstrakten, ideologischen Fragen. Es geht um Menschen. Um Kinder, die missbraucht wurden. Klaus Mertes, der als Direktor des Berliner Canisius-Kollegs 2010 mit einem ehrlichen Brief an die Ehemaligen den Stein ins Rollen brachte, schreibt dazu: „Wissen um Mitwissen ist nichts, das man defensiv abwehren muss, wenn es einem vorgeworfen wird. Im Gegenteil: Der Vorwurf ist, auch wenn er einem im Ton der Selbstgerechtigkeit, der Übertreibung oder Unterstellung entgegenschlägt, die Gelegenheit zur Selbstprüfung.“

          Die Grünen waren die Partei der sogenannten „Neuen Sozialen Bewegungen“. Ihre Wurzeln reichen weiter zurück, in die sozialistische Emanzipations- sowie die Reformbewegung der vorletzten Jahrhundertwende. Dazu gehörte auch damals schon die sexuelle Befreiung. Es ist verständlich, dass Anhänger dieses Ideals sich verletzt fühlen, wenn man es mit Verbrechen in Verbindung bringt. Nicht anders geht es aber auch katholischen Christen mit ihrem Glauben. Beide wollen gut sein als Teil von etwas Gutem. Und sie wollen sich nicht Schuld zuschieben lassen für die Verbrechen anderer.

          Es gibt kein Entrinnen

          Deshalb gibt es ein Bedürfnis, sie als Einzeltaten von Einzeltätern wegzuordnen. Oder als Perversion des eigentlich Gemeinten. Doch Missbrauchsverbrechen geschehen immer in einer asymmetrischen Beziehung, in einem Machtgefälle - und meist in einem institutionellen Rahmen. (Dazu zählt auch Familie.) Wenn diese Verbrechen ans Licht zu kommen drohen, kriegen die Opfer diese Macht ein zweites Mal zu spüren. Man will sie nicht hören und bringt sie zum Schweigen. Ist aber die Tat ans Licht gelangt, hat sich die Macht komplett verflüchtigt. Es will auch niemand Teil an ihr gehabt haben.

          Die Macht ist niemals schuld, und damit bleibt sie sich treu.
          Durchbrechen kann das nur, wer Mitverantwortung für die Institution übernimmt, der er angehört: die Familie, die Kirche, das Milieu, die Bewegung, die Partei oder die Nation. Und zwar auch für das Böse. Wie leicht man Teil von etwas Bösem werden kann, daran erinnern in allen Städten Deutschlands Stolpersteine. Man kann die Verantwortung abweisen, auf seiner Unschuld beharren. Doch gerade damit macht man sich schuldig. Man schlägt sich auf die Seite der Täter und treibt die Opfer aus. Man kann ausgraben oder zuschütten. Das ist eine Entscheidung, für jeden. Es gibt kein Entrinnen. Die Welt ist nicht heil.

          Volker Zastrow

          Correspondent at large.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Tausende fordern Aufnahme von Flüchtlingen Video-Seite öffnen

          Seebrücke-Demo in Berlin : Tausende fordern Aufnahme von Flüchtlingen

          In Berlin haben mehrere tausend Menschen für die Aufnahme weiterer Flüchtlinge demonstriert. Alle Migranten aus dem zerstörten Lager im griechischen Moria müssten nach Deutschland gebracht werden, forderten die Demonstranten.

          Warum jeder glaubt, Recht zu haben

          Hanks Welt : Warum jeder glaubt, Recht zu haben

          Insbesondere Grüne und Liberale vertragen sich einfach nicht, vor allem wenn es um Klima, Corona oder den Kapitalismus geht. Woran liegt das? Eine Anleitung zur Rechthaberei.

          Topmeldungen

          Smartphonenutzer vor einer Wechat-Werbung in Hongkong

          China kommt gut weg : Was Trumps Tiktok-Kompromiss bedeutet

          Die umstrittene Video-App darf ein Bündnis mit Oracle und Walmart schließen. Aber die Chinesen behalten Einfluss. Auch das Unternehmen hinter der Kommunikations-Plattform Wechat kann wegen eines amerikanischen Gerichtsurteils vorerst aufatmen.

          F.A.Z. exklusiv : „Daimlers Diesel genügen den Richtlinien“

          Als Vorstand für Integrität und Recht hat Renata Jungo Brüngger gerade mehrere Diesel-Verfahren gegen Daimler in Amerika befriedet. Ihren Einsatz für mehr Regeltreue sieht sie aber nicht am Ende. Im Gespräch berichtet sie von Herausforderungen in einem globalen Unternehmen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.