https://www.faz.net/-gpf-78ebu

Gründungsparteitag der AfD : In Wut vereint

  • -Aktualisiert am

Bringt die „Alternative für Deutschland“ in Stimmung: Gründer Bernd Lucke Bild: AP

In Berlin begeht die „Alternative für Deutschland“ ihren ersten Parteitag. Bernd Lucke, Kopf der Partei, nutzt die dominante Gründungshochstimmung, um ein Programm durchzusetzen, bevor die inhaltliche Diskussion zerfasert.

          Am Anfang stand ein Ärgernis: Ausgerechnet die NPD hatte angekündigt, auf der Budapester Straße in Berlin demonstrieren zu wollen, genau vor dem Hotel, in dem die eurokritische „Alternative für Deutschland“ (AfD) ihren ersten Bundesparteitag abhielt. „Raus aus dem Euro! Es gibt nur eine Alternative - die NPD!“, unter diesem Motto, das den Zielen der AfD doch bitter nahe kam, wollten die Rechtsextremen zusammenkommen. Es kamen dann aber nur 15 von ihnen zusammen und auch nicht viel mehr Gegendemonstranten - eine Demonstration, sagte ein gelangweilter Polizist, konnte man das eigentlich kaum nennen. Das fand ein Parteitagsbesucher, der vor dem Hotel im Sonnenschein mit Zigarette vom Geschehen drinnen pausierte, schade: Beim Schießen auf eine rechtsextreme Demo mit linksextremen Gegendemonstranten könne man den Falschen gar nicht treffen, sagte er, was im Kreise der übrigen rauchenden Parteigenossen einige Lacher erntete, bevor sich ihr Gespräch wieder Ernsterem widmete, der Frage nämlich, ob der Staat die NSU-Morde inszeniert habe, ja oder nein? Man kam zu keinem Schluss.

          Anders drinnen, wo alles wie am Schnürchen lief, was die Sorgen der AfD-Führung zerstreute; denn wo sich eine neue Partei gründet, kommt zusammen, was im Etablierten keine Heimat finden konnte, in der Hoffnung, dass die neue Kraft endlich die richtige sein möge. Die Führung befürchtete dementsprechend, dass sich der Parteitag, ganz nach Art der Piraten, ins schier endlose Gerede zerfasern könnte, dass man sich vor der üppig vertretenen Presse gar lächerlich machen könnte, indem man am Ende ohne Programm und gewählte Häupter dastehen könnte. Doch nichts dergleichen.

          Abnicken mit einigen Schnitzern

          Schon bei der Begrüßungsrede des Journalisten Konrad Adam, einem der Gründungsväter der Partei, war eine große Euphorie im Saal zu spüren, eine erstaunliche Euphorie geradezu in Anbetracht der Tatsache, dass der durchschnittliche Besucher ein Herr vorgerückten Alters war. Adam begrüßte die Gäste, speziell auch einige Diplomaten aus Amerika und Holland; eine Dame, die von der Europäischen Kommission dazugekommen war, wurde vom Publikum hingegen mit Buh- und Pfui-Rufen geschmäht. Dann redete Adam über die Themen, die den Tag tragen sollten, Euro, Demokratie, Rechtsstaat, und machte noch ein bisschen Mut: „Populist“, diesen Vorwurf solle man als Auszeichnung begreifen, und forderte zum Abschluss von den Parteigenossen ein hohes Maß an Disziplin, damit man die gemeinsamen, hohen Ziele erreichen könne. Das Publikum erhob sich begeistert von den Plätzen - monatelang hatte sich dieser Tag angebahnt, der Tag, an dem die „Alternative für Deutschland“aus der Taufe gehoben würde, nun war er endlich da.

          Weiter ging es indes eher dröge: Abnicken der Tagesordnungspunkte, mit einigen Schnitzern. So wurde das Parteitagspräsidium vorgestellt, bevor es überhaupt gewählt war. Über manche Punkte gab es Streit; zum Beispiel tauchte jemand vorn auf dem Rednerpult auf, der sich als Mitbegründer von „Liquid Democracy“ vorstellte und dann forderte, dass alle reden dürfen müssten, wofür er ausgebuht wurde. Es musste beschlossen werden, wie viele wie lange reden dürften. Dann entbrannte ein Streit über die Frage, ob Koalitionen im Bundestag von einem Parteitag genehmigt werden müssten. Alle waren am Ende dafür; dass es nach der Bundestagswahl eine Koalition geben würde, bezweifelte kaum jemand im Saal.

          Lucke schimpft über den Euro

          Als Bernd Lucke, Wirtschaftsprofessor und Kopf der Partei, seine Eröffnungsrede gehalten hatte, gab es dazu auch keinen Anlass mehr, so großartig war die Laune der Beteiligten im Saal da wieder. Alle standen, klatschten, skandierten „Jetzt geht’s los!“, wie bei einem Fußballspiel. Ein bärtiger, nett, aber vielleicht auch ein bisschen wirr aussehender Senior kletterte gar auf seinen Stuhl, um die Deutschlandfahne zu schwenken, bis sie ihm weggerissen wurde und er sich lächelnd wieder setzte. Was Lucke dem Saal gesagt hatte, war, dass die AfD eine Partei aus der Mitte der Gesellschaft sei, getragen von einer Woge des Enthusiasmus, aber auch getrieben von Zorn über die „heillose Eurorettungspolitik“. Die AfD gleiche dem Vormärz, als das Volk die Macht der Herrschenden in Frage stellte. Er sprach von Geburtswehen, die junge Parteien hätten, von Kindersterblichkeit gar; man müsse taktisch klug vorgehen.

          Mit seiner merkwürdigen Intonation, bei der jedes letzte Wort hochgezogen und betont wird, sagte Lucke, die Partei werde die etablierten Kräfte da angreifen, wo sie schwach seien, bei den Themen Euro, Europa, Rechtsstaat, Demokratie; man wolle sich nicht auf andere Themen einlassen, sondern auf diesem Feld attackieren und attackiert werden. Das Schimpfen kam auch nicht zu kurz, auf den degenerierten Bundestag, den Brüsseler Wasserkopf, die dumme Idee, eine seiner Meinung nach offenkundig gescheiterte Rettungspolitik weiterzutreiben, auf den falschen Stolz, den politischen Riesenfehler Euro nicht eingestehen zu können. Das Ende der Rede war dann die Aufforderung an das Publikum im Saal, das schon zwischendrin immer wieder gejubelt, gejohlt, gefeiert hatte, den Antritt der Partei zur Bundestag per Akklamation zu beschließen, und da gab es kein Halten mehr: „Lucke, Lucke, Lucke!“ skandierten die Leute.

          Diese Gründungshochstimmung nutzte Lucke dann flugs, um das Programm der AfD durchzubringen. Zunächst warnte er die Partei abermals vor dem Zerfasern, vor endlosen Debatten. Dann sagte er, deshalb müsse man das Parteiprogramm erst beschließen, später dann könne man anfangen, über die Inhalte zu diskutieren, „das Pferd von hinten aufzäumen“. Lucke hastete durch die Folien mit dem Programm; ein Programm des breiten Konsenses, sagte Lucke, das nicht links und auch nicht rechts sei, sondern gegründet auf gesundem Menschenverstand. Das Programm beinhaltet die Auflösung des Euroraums, eine Steuerreform nach dem Vorbild Paul Kirchhofs, eine großzügigere Asylpolitik gegen eine strengere Einwanderungspolitik. Am Ende dieser Aufzählung fragte Lucke in den Saal, ob man für dieses Programm sei, und die Leute reckten begeistert die Arme in die Höhe. So ward es beschlossen, und danach stand Lucke die Erleichterung ins Gesicht geschrieben: Der schmale Mann schaute auf die jubelnde Menge im Saal, und in diesem Moment sah die Zukunft dieser Leute, die sich noch nicht darüber unterhalten haben, was sie jenseits von Euro-Krisenangst und Wut auf die Retter miteinander gemein haben und die jetzt in einer Partei vereint sind, recht rosig aus.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nach Unwettern : Verkehr in Teilen Deutschlands gestört

          Ein starkes Unwetter sorgt in Teilen Deutschlands für Störungen und Ausfälle im Bahnverkehr. Auch auf vielen Autobahnen gibt es massive Behinderungen. Am Frankfurter Flughafen wird die Abfertigung zwischenzeitlich eingestellt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.