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Gründungsparteitag der AfD : In Wut vereint

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Lucke schimpft über den Euro

Als Bernd Lucke, Wirtschaftsprofessor und Kopf der Partei, seine Eröffnungsrede gehalten hatte, gab es dazu auch keinen Anlass mehr, so großartig war die Laune der Beteiligten im Saal da wieder. Alle standen, klatschten, skandierten „Jetzt geht’s los!“, wie bei einem Fußballspiel. Ein bärtiger, nett, aber vielleicht auch ein bisschen wirr aussehender Senior kletterte gar auf seinen Stuhl, um die Deutschlandfahne zu schwenken, bis sie ihm weggerissen wurde und er sich lächelnd wieder setzte. Was Lucke dem Saal gesagt hatte, war, dass die AfD eine Partei aus der Mitte der Gesellschaft sei, getragen von einer Woge des Enthusiasmus, aber auch getrieben von Zorn über die „heillose Eurorettungspolitik“. Die AfD gleiche dem Vormärz, als das Volk die Macht der Herrschenden in Frage stellte. Er sprach von Geburtswehen, die junge Parteien hätten, von Kindersterblichkeit gar; man müsse taktisch klug vorgehen.

Mit seiner merkwürdigen Intonation, bei der jedes letzte Wort hochgezogen und betont wird, sagte Lucke, die Partei werde die etablierten Kräfte da angreifen, wo sie schwach seien, bei den Themen Euro, Europa, Rechtsstaat, Demokratie; man wolle sich nicht auf andere Themen einlassen, sondern auf diesem Feld attackieren und attackiert werden. Das Schimpfen kam auch nicht zu kurz, auf den degenerierten Bundestag, den Brüsseler Wasserkopf, die dumme Idee, eine seiner Meinung nach offenkundig gescheiterte Rettungspolitik weiterzutreiben, auf den falschen Stolz, den politischen Riesenfehler Euro nicht eingestehen zu können. Das Ende der Rede war dann die Aufforderung an das Publikum im Saal, das schon zwischendrin immer wieder gejubelt, gejohlt, gefeiert hatte, den Antritt der Partei zur Bundestag per Akklamation zu beschließen, und da gab es kein Halten mehr: „Lucke, Lucke, Lucke!“ skandierten die Leute.

Diese Gründungshochstimmung nutzte Lucke dann flugs, um das Programm der AfD durchzubringen. Zunächst warnte er die Partei abermals vor dem Zerfasern, vor endlosen Debatten. Dann sagte er, deshalb müsse man das Parteiprogramm erst beschließen, später dann könne man anfangen, über die Inhalte zu diskutieren, „das Pferd von hinten aufzäumen“. Lucke hastete durch die Folien mit dem Programm; ein Programm des breiten Konsenses, sagte Lucke, das nicht links und auch nicht rechts sei, sondern gegründet auf gesundem Menschenverstand. Das Programm beinhaltet die Auflösung des Euroraums, eine Steuerreform nach dem Vorbild Paul Kirchhofs, eine großzügigere Asylpolitik gegen eine strengere Einwanderungspolitik. Am Ende dieser Aufzählung fragte Lucke in den Saal, ob man für dieses Programm sei, und die Leute reckten begeistert die Arme in die Höhe. So ward es beschlossen, und danach stand Lucke die Erleichterung ins Gesicht geschrieben: Der schmale Mann schaute auf die jubelnde Menge im Saal, und in diesem Moment sah die Zukunft dieser Leute, die sich noch nicht darüber unterhalten haben, was sie jenseits von Euro-Krisenangst und Wut auf die Retter miteinander gemein haben und die jetzt in einer Partei vereint sind, recht rosig aus.

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