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Gründung der Grünen : Aller Anfang verlangt Verlierer

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Anfang und Ende: Springmann und Gruhl auf der zweiten Bundesversammlung der Grünen im März 1980 in Saarbrücken Bild: Ullstein

Eine neue Partei aufzubauen ist nichts für Weicheier: Abneigung, Streit und Unterwanderung gehören dazu. Die Entstehungsgeschichten von Grünen und AfD zeigen so manche Parallele.

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          Das Podium von Parteitagen besetzt, die Polizei vor der Tür. Wüstes Geschrei im Saal. Austritte von Gründungsmitgliedern. Abspaltungen zuhauf: Das war die Realität der Gründungsphase der Grünen. Im Vergleich zu dem, was sich in den Jahren 1979 bis 1982 im politischen Spektrum der Grünen zutrug, erscheint das, was sich in diesen Tagen und Wochen in der „Alternative für Deutschland“ – Bernd Lucke gegen Frauke Petry – abspielt, ein Kinderspiel zu sein: Der Kampf zwischen wenigen Personen, der Streit zwischen zwei Strömungen – Wirtschaftsliberale gegen Nationalkonservative.

          Und doch: Die Grünen schafften es, sich zu behaupten. In der alten Bundesrepublik waren sie die erste und einzige Partei, die – nach dem Entstehen des sogenannten Drei-Parteien-Systems aus Union, SPD und FDP zu Beginn der sechziger Jahre – den Einzug in den Bundestag schaffte. Eigentlich können die Grünen dieses Alleinstellungsmerkmal auch im größeren Deutschland für sich reklamieren. Die Erfolge der Linkspartei fußen immer noch auf einem Fundament aus der organisatorischen Stärke der alten SED-Kader in der früheren DDR. Die Grünen aber waren eine wirkliche Neugründung.

          Im Kern waren die Grünen ein Produkt der sogenannten „sozialen Bewegungen“, die sich – auch im Gefolge von „1968“ – in den siebziger Jahren gebildet hatten. Proteste gab es gegen den Bau von Atomkraftwerken. An den Hochschulen gab es eine Fülle von großenteils sektiererischen sozialistischen und kommunistischen Gruppen. Die „Frauenbewegung“ kämpfte für die Freigabe der Abtreibung. Konservative Naturschützer beklagten die angebliche Zerstörung der Umwelt. Christliche Gruppen setzten sich für die „Dritte Welt“ ein. Die „Friedensbewegung“ erwachte neu – im Kampf gegen neue Raketen der Nato als Antwort auf die Aufrüstung des Warschauer Paktes mit Mittelstrecken-Raketen.

          Zugleich stritten Moskau-treue Leute mit Anhängern der „Charta 77“, die sich wegen der Invasion der Sowjetunion in der Tschechoslowakei in der Bundesrepublik zusammengetan hatten. Hausbesetzer gab es. Deutschnationale Organisationen einerseits und K-Gruppen („K“ für kommunistisch) wollten mit dabei sein. Ihr Grundkonsens: Sie alle fühlten sich von den – damals so genannten – „Altparteien“ nicht vertreten. CDU und CSU sowie die FDP waren für sie ohnehin keine Ansprechpartner. Von der SPD und vor allem von der Politik des Bundeskanzlers Helmut Schmidt waren sie enttäuscht.

          Der erste Grüne kam aus der CDU

          Die mediale Prominenz der Wortführer hielt sich in engen Grenzen. Eigentlich gab es in der Presse und im Fernsehen nur einen, der über die grüne Szene hinaus bekannt war: Herbert Gruhl. Gruhl (Jahrgang 1921) war seit 1969 CDU-Bundestagsabgeordneter, ein prinzipientreuer Politiker mit einem Hang zum autoritären Auftreten, der sich zu Höherem berufen fühlte. In der Unions-Fraktion war er für Umweltpolitik zuständig. In einer Bundestagsrede 1971 machte er auf das „Waldsterben“ aufmerksam. 1975 veröffentlichte er das Buch „Ein Planet wird geplündert“, das ein Bestseller wurde – auch in der Folge der ebenso populären Studie „Grenzen des Wachstums“, die drei Jahre zuvor vom „Club of Rome“ veröffentlicht worden war. Gruhl, der keinesfalls „links“ war, wurde zum Gegner der Kernenergie – und zum Einzelgänger in seiner Fraktion. 1978 trat er aus der CDU aus. Er gründete eine Partei, die sich „Grüne Aktion Zukunft“ (GAZ) nannte. Als „Fraktionsloser“ blieb er im Bundestag – immerhin der erste „Grüne“. Genutzt hat ihm das Parlamentsmandat nicht. Zudem: Öffentliche Prominenz wurde bei den Grünen damals missachtet. So sollte es später auch anderen ergehen. Gruhl aber war das erste Opfer.

          Dutzende von Grünen-Initiativen waren in jener Zeit über das Land verstreut – in Städten und Gemeinden und in Bundesländern. Sie hießen Grüne Liste Umweltschutz (GLU), Alternative Liste (AL), Grüne Liste Schleswig-Holstein, Bunte Liste und eben GAZ. Manche waren linksradikal und wollten die vermeintlichen Arbeitermassen mobilisieren. Andere wollten nur Nahrungsmittel essen, die aus deutscher Produktion stammten – und aus ökologischem Anbau natürlich. Ältere Herrschaften kämpften noch einmal um politischen Einfluss. Formale Hierarchien gab es nicht. Im Kampf „Mann gegen Mann“ und „Mann gegen Frau“ bildeten sie sich erst langsam heraus. Wer glaubte, bloß wegen einer Wahl zum Vorsitzenden einer Organisation das Sagen zu haben, hatte schon verloren.

          Gruhl dachte in diesen Kategorien. In Bremen kam die Bremer Grüne Liste 1979 in die Bürgerschaft – für die grüne Bewegung der erste Erfolg bei einer Landtagswahl; die Bundespartei gab es noch nicht. Monate zuvor aber hatte die Bewegung einen ersten Achtungserfolg errungen: Für die Europawahl hatte sich eine Fülle von grünen Gruppen zusammengetan – nach den Erfordernissen des Wahlrechts nannten sie sich „Sonstige Politische Vereinigung – Die Grünen“. Sie kam auf 3,2 Prozent. Was wichtiger war für die folgende Zeit: Wahlkampfkosten-Erstattung von 4,2 Millionen Mark. Spitzenkandidatin: Petra Kelly, nicht Gruhl.

          Fortan wurde über die Gründung einer Bundespartei geredet. Sogar die Grundsatzfrage war umstritten, ob man sich mit dem – bei vielen verhassten – politischen System gemein machte, wenn man sich um Parlamentsmandate bemühte. Auch die Frage, ob der SPD als „kleinerem Übel“ mit der Gründung einer neuen Partei geschadet würde, spielte eine Rolle. Gestritten wurde über die politische Ausrichtung der Partei: konservative Naturschützer gegen linksalternative Ideologen. Jeweils mit ihrem Anhang erschienen sie im Januar 1980 zum Gründungskongress einer Partei.

          Auf dem Weg zu einer „normalen“ Partei

          Das damals wesentliche Thema: der Streit über die „Doppelmitgliedschaft“. Formal verbarg sich dahinter die Frage, ob Grünen-Mitglieder zugleich Mitglied einer sozialistisch-alternativen Gruppierung sein dürften. An jenem Samstag wurde – zur Zufriedenheit Gruhls – eine „Doppelmitgliedschaft“ untersagt. In der Nacht drohten die „Alternativen“ damit, die Parteigründung zu verhindern – genügend Delegierte dafür hatten sie. Am Sonntag dann wurde ein Kompromiss gefunden. Gruhl war dagegen. Er unterlag. Dass die Grünen aber auf dem Weg zu einer „normalen“ Partei waren, hatte der Ort der Veranstaltung gezeigt. Die Leute tagten in Karlsruhe, weil in Baden-Württemberg wenige Wochen später Landtagswahlen anstanden. Trotz des nach gängigen Maßstäben desaströsen Parteitages kamen die Grünen mit 5,3 Prozent erstmals in den Landtag eines „Flächenlandes“.

          Das war – so gesehen – die zweite Niederlage Gruhls. Der Erfolg der Grünen in Baden-Württemberg widersprach den vermeintlichen Gesetzmäßigkeiten, wonach innerparteilicher Streit bei Wahlen schade. Die Grünen aber inszenierten mit Erfolg ihre internen Auseinandersetzungen. Dass sie diese öffentlich austrugen, schadete nicht, sondern brachte ihnen ein hohes Maß an Publizität. Sitzungen des Bundesvorstands waren „presseöffentlich“. Solche der späteren Bundestagsfraktion auch. Zwar fielen viele Entscheidungen in den sogenannten Hinterzimmern. Doch das Entstehen einer Hierarchie wurde auch öffentlich vorgeführt.

          Gruhl aber fühlte sich als klassischer Parteiführer, der mit den „basisdemokratischen“ Ansprüchen der jüngeren Aktivisten nicht umzugehen wusste. Die Grünen würden „von links unterwandert“, war seine Befürchtung. Es war kein Wunder, dass er sich – ein paar Wochen nach dem Gründungsparteitag – beim nächsten Parteitag in Saarbrücken bei der Wahl zu einem der drei „Parteisprecher“ (vulgo: Parteivorsitzenden) nicht durchsetzen konnte. Vorsorglich hatte er auf eine Kandidatur verzichtet: Er wäre nicht gewählt worden. Er sagte, das sei nicht mehr „seine“ Partei. Gruhl zog sich aus der Parteiarbeit zurück. Im Januar 1981 trat er aus und gründete eine neue Partei, die „Ökologisch Demokratische Partei“ (ÖDP). Viele folgten ihm – darunter auch Baldur Springmann, ein skurriler Mann mit brauner Vergangenheit. Den Grünen hat es nicht geschadet. Gute zwei Jahre später wurden sie in den Bundestag gewählt – von einem Spektrum, das von einem linksradikalen Steinewerfer bis hin zur Gattin des Apothekers reichte.

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