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Lausitz und Mitteldeutschland : Millardenschwere Großforschungszentren für Kohlereviere

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Sie hat ihren Beitrag geleistet, aber tun das auch die Länder? Wissenschaftsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) Bild: dpa

Als Kompensation für den Kohleausstieg finanziert der Bund zwei Forschungszentren. Nun teilte Ministerin Stark-Watzinger mit, welche Projekte den Zuschlag bekommen.

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          Für die Wissenschaft in Deutschland und für die beiden vom Braunkohleausstieg betroffenen Regionen Lausitz und Mitteldeutschland hatte die Bundesregierung am Donnerstag gute Nachrichten. Dass in jedem dieser Reviere auch ein neues Großforschungszentrum als Kompensation für den Verzicht auf die Kohleverstromung entstehen sollte, war seit zwei Jahren bekannt. Nun lüftete Bundesforschungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) das Geheimnis, welche zwei Projekte aus den verbliebenen sechs Finalisten das Rennen gemacht haben.

          Stefan Locke
          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          In der Lausitz wird sich das Deutsche Zentrum für Astrophysik ansiedeln, während im Mitteldeutschen Revier das Zentrum für Chemieresilienz entstehen soll. Jedes dieser Zentren wird bis 2038, wenn das letzte Kohlekraftwerk vom Netz gehen soll, vom Bund mit 1,1 Milliarden Euro und von den Ländern Sachsen und Sachsen-Anhalt mit jeweils 100 Millionen Euro gefördert werden.

          „Wir legen damit heute einen Meilenstein“, sagte Stark-Watzinger. „Die Menschen in den Revieren können zu Recht erwarten, dass die Bundesregierung den Strukturwandel unterstützt.“ Es gehe darum, neue Perspektiven zu eröffnen, und Forschung sei dazu ein Schlüssel. „Hier soll etwas Neues entstehen, bevor etwas Altes abbricht“, sagte Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU). Das sei der wesentliche Unterschied zum Strukturwandel nach 1989, als praktisch über Nacht Hunderttausende Arbeitsplätze in den ostdeutschen Revieren wegfielen, was vor allem den Leuten, die trotz allem in den Regionen blieben, bis heute in den Knochen steckt. Die Forschungszentren würden die gesamte Region befruchten, sagte Sachsen-Anhalts Regierungschef Reiner Haseloff (CDU), der wie Kretschmer dem Bund für die Unterstützung dankte.

          Unter-Tage-Labor in 200 Metern Tiefe

          Das von dem Astrophysiker Günther Hasinger von der European Space Agency in der Lausitz geplante Zentrum für Astrophysik soll riesige Datenströme zukünftiger Großteleskope bündeln und verarbeiten. Dabei überschreite man die aktuellen Grenzen der Technik, sagte Stark-Watzinger. So soll in 200 Metern Tiefe ein Unter-Tage-Labor im Städtedreieck Bautzen-Kamenz-Hoyerswerda entstehen, weil der dort befindliche Granitblock „seismische Ruhe“ garantiere.

          Dieser eigne sich darüber hinaus als Standort für das Einstein-Teleskop, ein geplantes europäisches Gravitationswellen-Observatorium unter der Erde, das einem Tunnelsystem mit den Maßen zehn mal zehn mal zehn Kilometer gleicht. Zudem sollen in frühzeitiger, enger Kooperation mit Industrie, Universitäten und außeruniversitären Instituten im Verbund neue Technologien, etwa Halbleiter-Sensoren und Silizium-Optiken für Observatorien entwickelt werden. Damit komme „Spitzenforschung in die Lausitz“, sagte Kretschmer, der aus Görlitz stammt, wo ein Teil des künftigen Zentrums angesiedelt werden soll.

          Das „Zentrum für Chemresilienz“ Mitteldeutschen Revier will „eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft chemischer Erzeugnisse“ etablieren. Das von dem Biochemiker Peter Seeberger aus Potsdam initiierte Projekt will sich der Erforschung nachwachsender Rohstoffe und nachhaltiger Produktionsprozesse in der Chemiewirtschaft widmen, um Energie einzusparen, Rohstoffe zu substituieren und damit auch die Abhängigkeit von Lieferländern zu reduzieren. Die Versorgung Deutschlands und Europas mit Chemikalien, aber auch Medikamenten war insbesondere während der Corona-Lockdowns schwierig geworden. Die Zentrale dafür wird im sächsischen Delitzsch im Dreieck zwischen Bitterfeld, Halle und Leipzig errichtet werden, während in den traditionellen mitteldeutschen Chemiestandorten in Sachsen und Sachsen-Anhalt geforscht werden soll.

          In jedem der beiden Zentren sollen zunächst rund 1500 direkte Arbeitsplätze entstehen in der Hoffnung, dass diese in erfolgreiche Projekte sowie Ausgründungen und neue Unternehmen münden. Für die Wissenschaft – jedenfalls in Deutschland – war dieser Wettbewerb ein bisher einmaliges Verfahren. Vor einem Jahr wählte eine Kommission aus Wirtschaft und Wissenschaft sechs Kandidaten aus mehr als hundert Bewerbungen aus. Diese erhielten jeweils 500.000 Euro vom Bund, um ihre Projekte auszuarbeiten. Die endgültige Entscheidung traf eine mit 63 Fachleuten international besetzte Kommission dann in der vergangenen Woche. Die Kommission zeigte sich „überzeugt, dass diese beiden Zentren den Wissenschaftsstandort Deutschland nachhaltig stärken“ und den vom Strukturwandel betroffenen Regionen „neue Perspektiven eröffnen“ werden.

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