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Autoritäre SED-Regierung : Große Sehnsucht nach Vater Staat

Autoritär: das SED-Regime mit führenden sowjetischen Politikern bei einer Militärparade 1989 Bild: dpa

Egal ob wirtschaftlich, politisch oder ganz alltäglich: Für Probleme wurde in der DDR stets der Staat verantwortlich gemacht. Die Folgen der SED-Herrschaft machen sich bis heute bemerkbar.

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          Der ältere Mann beim „Bürgerdialog mit Michael Kretschmer“ in Ostsachsen ist sichtlich aufgebracht. Jahrelang und durch alle Instanzen habe er gegen die hohen Beiträge gekämpft, die ihm der Abwasserzweckverband seiner Meinung nach „völlig ungerechtfertigt abknöpfen“ wollte. Doch alle Mühe sei letztlich vergebens gewesen, er habe verloren. Unerhört sei das, rief er, und überhaupt: „Das ist doch keine Demokratie!“ Großes Gejohle im Saal. „Genau! Dafür sind wir ’89 nicht auf die Straße gegangen!“, ruft eine ebenfalls ältere Frau. Sachsens Ministerpräsident wartet einen Moment, bis sich die Aufregung gelegt hat, und beginnt dann zu erläutern, dass eine freie Gerichtsbarkeit ein Wesensmerkmal einer funktionierenden Demokratie sei, dass man vor Gericht auch verlieren könne und das dann eben – auch wenn's schmerzt – aushalten müsse.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Die Ansicht, dass „Demokratie ist, wenn ich recht bekomme“, erlebt nicht nur Kretschmer immer wieder, wenn er im Lande unterwegs ist. Sie beruht auf einem fundamentalen Missverständnis, das es besonders in Ostdeutschland seit der Wiedervereinigung gibt und das sich in den Dialog- und Gesprächsformaten, die seit dem Aufkommen von Pegida und AfD allerorten veranstaltet werden, und erst recht auf Demonstrationen nun auch häufig öffentlich Bahn bricht. Für den Historiker Stefan Wolle, einen exzellenten Kenner der DDR-Geschichte und wissenschaftlichen Leiter des DDR-Museums in Berlin, ist das nicht überraschend. „Nach wie vor haben vor allem ältere Menschen im Osten ein grundsätzlich anderes Politikverständnis“, sagt er. „Sie verwechseln häufig Verfassungsfragen mit politischen Entscheidungen oder ihrer persönlichen Situation.“

          Der große Frust gegen die Entscheider

          Eine Erklärung dafür sieht Wolle in den Erfahrungen in der DDR, wo der Staat und die SED als Staatspartei quasi eins waren. Sie beanspruchten nicht nur, alle Belange des öffentlichen Lebens zu regeln, sondern wurden von den Bürgern auch dafür verantwortlich gemacht. Ob es in den Läden an Obst, Gemüse oder Spülmittel fehlte, ob es in der Apotheke nicht das benötigte Medikament gab, man monatelang auf einen Termin beim Handwerker oder vergeblich auf die Sanierung einer Straße wartete – schuld waren stets „die da oben“, gern verbunden mit dem allgegenwärtigen, aber eben auch wahren sozialistischen Alltagsseufzer: „Man kann ja nichts machen.“ Der Satz diente zugleich als Ventil gegen unhaltbare Zustände, aber auch als Entlastung der eigenen Person: Verantwortlich waren die anderen.

          Der SED, der jede Eigeninitiative von vornherein suspekt vorkam, war das zwar ganz recht, allerdings weckte sie damit auch eine überbordende Erwartungshaltung an sich und den Staat, die sie zu erfüllen niemals in der Lage war. Am Ende war die Enttäuschung darüber so groß, dass das Volk die Partei hinwegfegte, in seiner Mehrheit dann aber nicht das Schicksal in die eigenen Hände nahm, sondern sich erwartungsvoll dem vermeintlich reichen Onkel aus dem Westen zuwandte. Der – so manchen Teilnehmern allerdings auch sehr peinliche – Spruch auf einem damaligen Demo-Transparent „Helmut, nimm uns an die Hand, führ uns ins Wirtschaftswunderland“ war beredter Ausdruck der Hoffnung, nun endlich alle Wünsche „von oben“ erfüllt zu bekommen. Und Helmut Kohl bediente diese Erwartung nach Kräften.

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