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Erdogans Gegner : „Widerstand ist überall“

Gegen das türkische Regime: Rund 30.000 Menschen nutzten in Frankfurt das Newroz-Fest, um Freiheit für Öcalan zu fordern. Bild: Helmut Fricke

Rund 30.000 Kurden nahmen am Samstag an einer Demonstration gegen Erdogans Regime in Frankfurt teil. An das Fahnenverbot hielten sich nicht alle Protestierer. Blieb es dennoch friedlich?

          3 Min.

          Es ist gegen elf, als es vor der Alten Oper ungemütlich wird. Ein kalter Wind zieht über den Platz, der graue Himmel, der seit dem Morgen wie eine bleierne Decke über der Stadt hängt, verdüstert sich zusehends. Bis eben noch haben die Kurden auf dem Opernplatz zu Volksmusik getanzt. Hand in Hand, in einem großen Kreis. Doch dann, wie auf ein stilles Kommando hin, werden Fahnen gehisst und das Bild des PKK-Führers Abdullah Öcalan enthüllt. In diesem Moment vermag niemand, weder Veranstalter noch die Polizei, abzusehen, ob die friedliche Demonstration nicht doch in letzter Minute kippt.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Keiner der Kurden, die an diesem Samstag aus ganz Europa angereist sind, hält sich an das Fahnen-Verbot, das erst vor wenigen Tagen vom Bundesinnenministerium noch einmal ausgeweitet worden war. Im Gegenteil. Das Verbot sei „ein Kniefall vor Erdogan“, kritisieren sie. „Deutschland hat sich von ihm abhängig gemacht.“ Per Lautsprecherdurchsage fordert die Polizei die Demonstranten auf, verbotene Symbole nicht mehr zu zeigen. Andernfalls werde „jeder Verstoß dokumentiert und strafrechtlich verfolgt“. „Was wollen die von uns?“, fragt ein Mann, der seine Fahne fest in den Händen hält. „Wir sind doch keine Terroristen. Wir kämpfen hier nur um die Freiheit des kurdischen Volkes.“ Dann packt er die Fahnenstange fester und hält sie hoch. Um ihn herum rufen die anderen: „Freiheit für Öcalan!“

          „Wir müssen zeigen: Der Widerstand ist überall.“

          Dass die Kurden-Demonstration, an der am Ende rund 30.000 Menschen teilnehmen, zu einem Balanceakt wird, war von vornherein klar. Die Polizei hatte sich auf alle denkbaren Szenarien vorbereitet: auf Störungen durch türkische Nationalisten, auf politische Provokationen, auf gewaltsame Auseinandersetzungen. All das bleibt aus. Spätestens als einige Kurden ihre Fahnen demonstrativ den Polizisten entgegenstrecken, die entlang der Route stehen und den Aufzug filmen, wird den Beamten bewusst, dass das „Flaggen-Thema“ den gesamten Einsatz dominieren wird.

          Dennoch lässt die Polizei die Demonstration laufen, nach einer langen Abwägung. „Wir haben gesehen, dass sich der überwiegende Teil der Demonstranten an die Vorgaben gehalten hat. Diesen Menschen wollten wir das Recht auf Versammlungsfreiheit auch gewähren“, sagt später Polizeisprecherin Carina Lerch. Die Staatsanwaltschaft prüfe nun jeden Einzelfall und leite gegebenenfalls Verfahren ein. Man habe die Verstöße umfassend dokumentiert. Obwohl sich die größte Sorge, Provokationen seitens türkischer Nationalisten, nicht zu bestätigen scheint, stehen während der Demonstration die Beamten vor allem im Bahnhofsviertel dicht an dicht. Die ursprüngliche Strecke durch die Münchner Straße hatte die Versammlungsbehörde aufgrund von Sicherheitsbedenken auf die Kaiserstraße verlegt, weil es dort weniger türkische Geschäfte gibt. Als am Nachmittag ein Auto die Mainzer Landstraße entlangfährt und die Insassen vor den Augen der Demonstranten die türkische Fahne flattern lassen, gehen die Kurden einfach weiter, als hätten sie die Provokation nicht wahrgenommen. Dabei sind unter ihnen einige, die ihren Hass auf das Regime Erdogans offen zeigen. Ein junger Mann, Anfang zwanzig, ist mit Freunden aus der Türkei angereist. Er sagt, diese Demonstration sei vor allem ein Zeichen gegen Erdogan und sein Referendum. Er habe sieben Monate im Gefängnis verbracht, berichtet er, weil er in seinem Heimatland gegen das Regime auf die Straße gegangen sei. Nun wolle er eine Weile in Deutschland bleiben und vor hier aus gegen die türkische Politik protestieren. „Wir müssen zeigen: Der Widerstand ist überall.“

          Am Nachmittag, als die 30.000 Teilnehmer, unter ihnen viele Familien mit kleinen Kindern und ältere Frauen, am Europagarten angekommen sind, spricht Janine Wissler. Die Fraktionsvorsitzende der Linken im Hessischen Landtag steht auf der Bühne, die so groß ist wie bei einem Open-Air-Festival, und fordert: „Das Referendum Erdogans muss scheitern.“ Sie erkläre sich solidarisch mit allen Kurden, die sich kriminalisiert fühlten, nicht zuletzt auch durch das Flaggenverbot. Das Flüchtlingsabkommen nennt Wissler ein „Schande für Europa“. Dann verstummen die politischen Töne. Von der Bühne schallt wieder Musik, die noch im Umkreis von einem halben Kilometer zu hören ist. Entlang der Europa-Allee sind Buden aufgestellt mit Essen, Kleidung, Schmuck. Die Menschen breiten Pappe auf dem feuchten kalten Boden aus und verbringen dort den Nachmittag ihres Newroz-Fests, das eigentlich erst am 21. März begangen wird. Der Himmel ist noch immer düster.

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