https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/groenland-reise-frau-merkels-gespuer-fuer-schau-1463288.html

Die Kanzlerin in Grönland : Frau Merkels Gespür für Schau

  • -Aktualisiert am
„Hier wird der Klimawandel sichtbar, ja fassbar”
          4 Min.

          Smilla heißt das kleine Boot, auf dem Angela Merkel durch Grönlands berühmtesten Eisfjord schippert. Es ist die Gegend an der Westküste nördlich vom Polarkreis, aus der Fräulein Smilla stammt, die Romanfigur. Nein, sagt die Bundeskanzlerin, sie habe den Thriller „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ des Dänen Peter Høeg leider nie gelesen. Nun aber fährt sie ebenso zwischen den Eisbergen in der Diskobucht wie dieses Fräulein Smilla, die eine misstrauische Naturwissenschaftlerin ist, die ihr Gespür für Schnee im ewigen Eis schärfen will, um geschehenes Unrecht aufzuklären. „Verstehen wollen heißt“, lautet ein Schlüsselsatz in dem Roman, „dass wir zurückzuerobern versuchen, was wir verloren haben.“

          Angela Merkel will auch verstehen, was verlorengeht, sagt sie. Und sie will die Welt davor schützen, dass es noch mehr wird, verspricht sie. Deshalb sei sie nach Grönland geflogen, wo die Gletscher schmelzen. „Hier wird der Klimawandel sichtbar, ja fassbar“, begründet Frau Merkel ihre Reise. „Wir müssen vorangehen, um aufzuhalten, was die Menschheit zur Erderwärmung beiträgt.“

          Alle filmen und knipsen die Kanzlerin

          Mit ihr auf dem Boot fährt Umweltminister Sigmar Gabriel. Er hat seiner Kanzlerin Lob gezollt für ihren Einsatz und beteuert, das Klimathema sei nicht parteipolitisch besetzt. Beide sagen, es gebe keinen Wettlauf zwischen CDU und SPD um die bessere Klimapolitik. Die Volksparteien hätten endlich begriffen, dass sie dem Willen des Volkes nachkommen müssten. „Gemeinsam müssen wir uns dafür stark machen“, sagt Gabriel.

          Das Duo aus Deutschland mit Ministerpräsident Rasmussen
          Das Duo aus Deutschland mit Ministerpräsident Rasmussen : Bild: AFP

          Eigentlich wollte er allein fahren. Dann aber ließ ihn die Chefin wissen, dass sie auf Grönland-Tour geht. Dänemarks Ministerpräsident Rasmussen hatte sie im Dezember eingeladen – wegen des Klimawandels. Gabriel bat daraufhin die Bundeskanzlerin: „Dann nehmen Sie mich mit.“ Ob er nun in ihrem Schatten steht? „Es geht um die Sache“, sagt Gabriel. Er kann offenbar damit leben, dass Ober Unter sticht.

          Nun stehen beide auf der Smilla – zwei, die für ihre konkurrierenden Parteien das Thema Umweltschutz ganz groß machen wollen. Dazu dient Frau Merkels Gespür für Schau. Denn um ihr Boot kreisen vier andere, beladen mit Kameramännern, Fotoreportern und Journalisten aus Dänemark, Grönland und Deutschland. Sie alle filmen und knipsen die einstige Umweltministerin und sich jetzt als Umweltkanzlerin gebende, wie sie gleich einer Polarforscherin im roten Anorak der Seenot-Rettungsgesellschaft auf die Eisschmelze hinter sich weist.

          Die Schmelze hat begonnen

          Die Opposition hat diese Bilder gefürchtet. Noch am Morgen des Donnerstags, als die Bundeskanzlerin und ihr Umweltminister aufbrachen zur Zweitagesreise, höhnte der Grünen-Vorsitzende Bütikofer: „Die Reisegruppe Merkel/Gabriel wird im schmelzenden Grönlandeis nicht das finden, das sie am dringendsten bräuchte: die politische Entschlossenheit zum konsequenten Handeln gegen den Klimawandel.“ Und der FDP-Vorsitzende Westerwelle gab ihnen warnend mit auf den Weg: „Es ist ein historischer Fehler, die Umweltpolitik auf Symbolik zu beschränken.“

          Eine grüne Mappe hat die Bundeskanzlerin bei sich auf dem Boot, in der Potsdams Institut für Klimaforschung ihr die jüngsten wissenschaftlichen Daten zusammengestellt hat. Es sind Stichpunkte, die gefährlich klingen: Grönland schmilzt rasant; Meeresspiegel seit 1993 pro Jahr um 3,1 Millimeter gestiegen, allein um 0,2 Millimeter im Jahr durch Grönlands Erwärmung; würde ganz Grönland schmelzen, stiege der Meeresspiegel um sieben Meter. Satelliten-Aufnahmen der weltgrößten Insel liegen bei.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Kanzler Olaf Scholz am Dienstag bei einer Pressekonferenz mit Mahmud Abbas

          Holocaust-Äußerung von Abbas : Der Kanzler muss Flagge zeigen

          Deutschland hat gute Gründe für seine Sicht auf den Holocaust und dessen Einzigartigkeit. Diese Haltung gilt es zu verfechten. Doch Bundeskanzler Scholz steht wie ein begossener Pudel da, anstatt Farbe zu bekennen.
          Straßenverkäufer Fernando Lopes macht derzeit ein gutes Geschäft mit Badetüchern.

          Präsidentenwahl in Brasilien : Populist gegen Populist

          In Brasilien tritt Präsident Jair Bolsonaro gegen seinen Vorgänger Lula da Silva an. Wenn der Amtsinhaber verliert, könnte es zu Ausschreitungen kommen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.