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Die Kanzlerin in Grönland : Frau Merkels Gespür für Schau

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Auch die Zahlen des IPCC sind in der Mappe, jenes Forschungsberichts der Vereinten Nationen, für den Frau Merkel während des G-8-Treffens in Heiligendamm auch die Akzeptanz des amerikanischen Präsidenten gewonnen haben will. Danach wird die Erde bis zum Ende des Jahrhunderts um zwei bis vier Grad wärmer werden. Die Schmelze in Grönland beginnt schon bei einem Temperaturanstieg von einem Grad - und sie hat sichtbar begonnen.

Krieg zwischen Eis und Meer

Neben der Reling, an der Frau Merkel und Gabriel stehen, kracht es gewaltig. Eine Eislawine rutscht ins Polarmeer. Wellen schaukeln das Boot. Hier in der flachen Diskobucht stauen sich Eisberge, die aus der Landesmitte angeschoben kommen, so hoch wie das Erzgebirge. Es sind die Ausläufer des produktivsten Gletschers der nördlichen Hemisphäre. 60 Kilometer weiter liegt seine eigentliche Abbruchkante, dort ist das Eis dreitausend Meter dick - noch.

Täglich brechen 20 Millionen Tonnen Eis ab und setzen die ganze Masse in Bewegung, immer schneller, je wärmer es wird. Dort dröhnt es alle paar Wochen, dort herrscht Krieg zwischen Eis und Meer: bis zu 1000 Meter dicke Brocken brechen vom Festeis ab und werden treibende Berge, von denen nur ein Zehntel aus dem Wasser ragt. Am Freitag wird die Bundeskanzlerin mit dem Hubschrauber an die Abbruchkante geflogen, um aus der Nähe zu sehen, was zu einem immer größeren Problem der Welt wird.

„Grönland ist der lebende Beweis, dass der Klimawandel im vollen Gange ist“, gibt sich Rasmussen überzeugt, der seine Gäste auf der ganzen Reise begleitet. Dänemark ist für die Außenpolitik des ansonsten kaum noch an Kopenhagen gebundenen Grönland zuständig. Ständig treibt Rasmussen nun hohe ausländische Politiker durchs Eis. „Aber Frau Merkel ist bisher die wichtigste“, sagt er. „Ich wusste, wie sehr sie sich für die Problematik interessiert.“

Fachgespräche unter erschwerten Bedingungen

Grönlands Ministerpräsident Enoksen, der Frau Merkel wie alle anderen vor ihr ebenfalls begleitet, macht nicht den Eindruck, als freue er sich über diesen Weltuntergangstourismus. „Das Schmelzen ist zumindest gut für die Fischer und Jäger“, sagt er auf Grönländisch. Enoksen ist ein so inselpatrotischer Innuit, dass er sich dem Dänischen total verweigert. Er könne es gar nicht, heißt es. Seine Dolmetscherin tut sich hingegen schwer mit dem Deutschen, sie sagt immer Verschmelzen anstatt Abschmelzen, was Fachgespräche zwischen Frau Merkel und Enoksen zusätzlich erschwert. Deshalb führt Rasmussen das Wort: „Der Gletscher hat sich während der letzten fünf Jahre um 15 Kilometer zurückgezogen“, sagt er und sein stetes Lächeln ist gewichen: „Grönland ist zum Symbol des Klimawandels geworden. Darauf brauchen wir eine globale Antwort.“

Deutschland, versichert die Bundeskanzlerin, wolle diese Antwort mit Dänemark geben, das 2009 den Vorsitz der Konferenz der Klimarahmenkonvention innehat. Frau Merkel nennt alle noch unter ihrer G-8-Präsidentschaft anstehenden Termine, auf denen sie sich für Klimaschutz einsetzen will: von der Generalversammlung der Vereinten Nationen über ein weiteres G-8-Treffen der Sherpas bis hin zum Weltumweltgipfel in Bali im Dezember. Dort sollen Weltklimaziele festgelegt werden, die 2012 das Kyoto-Klimaprotokoll ablösen. „Wir müssen mit Engagement die nächsten Stufen nehmen und die anderen überzeugen“, sagt Frau Merkel.

Sie traut sich zu, das Klima auf der Erde zu retten, auch wenn ein Temperaturanstieg um 1,5 Grad schon jetzt unabänderlich ist. „Ich glaube, dass wir alle Chancen haben, dieses Thema zu bewältigen“, sagt die Bundeskanzlerin so nah am Nordpol, am Ende der Welt.

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