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Minister Kotzias in Hessen : Auf die internationale Solidarität

  • -Aktualisiert am

Ein „offener Geist“: Nikos Kotzias bei seinem Empfang in Marburg. Bild: Marcus Kaufhold

Der griechische Außenminister Nikos Kotzias besucht Marburg, wo er einst studierte, lehrte und auch sonst wirkte. Mit seinem Auftritt widerlegt er so manches Vorurteil.

          Für halb fünf hat die Linkspartei in Marburg die Pressekonferenz mit ihrem Freund, dem griechischen Außenminister Nikos Kotzias, angesetzt. Aber um halb fünf ist Kotzias noch nicht da. Wer da ist – und wie! –, ist Diether Dehm, Bundestagsabgeordneter der Linkspartei und erfolgreicher Songwriter („1000 und eine Nacht“). Mit Zigarre im Mund, das Haupthaar wild wie ein Weltumsegler, sagt Dehm: „So sind sie, die Griechen, immer zu spät.“ Und: „Nehmen Sie sich eine Wurst, um über das ganze Elend hinwegzukommen.“

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Das ist natürlich nur Spaß, denn warum sollten die Griechen unzuverlässig sein? Schuld daran, dass Kotzias schließlich mit ein paar Minuten Verspätung eintrifft, sind denn auch nicht die Nachfahren der Begründer der abendländischen Kultur, sondern die Deutschen: Die Eintragung ins Goldene Buch der Stadt Marburg hat sich etwas hingezogen. Unzuverlässigkeit ist also das erste Vorurteil, das Kotzias bei seinem Besuch am Sonntag widerlegt. Das zweite, die Verschwendungssucht, erledigt sein Auto: ein Opel Insignia, den Joschka Fischer zu seinen großen Zeiten wahrscheinlich nicht einmal angeschaut, geschweige denn genutzt hätte. Das Kennzeichen lautet HH, in Worten Haha. Riecht sehr nach Leihwagen. Besser als Dienstwagen. Die „Institutionen“, also Europäische Zentralbank, Internationaler Währungsfonds und EU-Kommission, müssten das eigentlich als Schritt in die richtige Richtung werten. Vielleicht sagen sie aber auch: Geliehenes Auto – typisch! Dehm meint: „Ich dachte, man hätte die Griechen dazu verpflichtet, nur noch mit dem Fahrrad zu fahren.“

          „Europa vergisst sich langsam selbst“

          Bevor die Pressekonferenz beginnt, begrüßt Kotzias, der einst in Gießen studiert und später in Marburg als Professor gelehrt hat, einen seiner ehemaligen Studenten, ebenfalls ein Grieche. Er ist extra aus Frankfurt nach Marburg gekommen, um den alten Bekannten, den er einen „offenen Geist“ nennt, wiederzusehen. Dass er „Adonis“ heißt, ist Zufall. Kotzias, der besser Deutsch spricht als der durchschnittliche mittelhessische Abiturient, erläutert sodann, wo der Hund begraben liegt. Deutschland habe die falschen Schlüsse aus seiner Geschichte – Brüning, Hitler, Marshallplan – gezogen. Namentlich: die Austeritätspolitik. Im Übrigen gehe es der EU mehr um abstrakte Zahlen als um Menschen. Die Herrschaft des Rechts, die Europa einst ausgezeichnet habe? Dahin! Die Fähigkeit, Kompromisse zu machen? Verloren! Das sehe man schon daran, dass Griechenland „80 Prozent“ des Weges auf die Partner zugegangen sei und diese sich trotzdem nicht bewegten. Kurz: „Europa vergisst sich langsam selbst.“

          Kotzias ist ein charmanter Mann, der Austerität auch in körperlicher Hinsicht nicht für alternativlos hält. Das zeigte sich schon in Gießen, wo er 1969 begann, Volkswirtschaftslehre zu studieren und laut einem Weggefährten von damals „auf dem erotischen Markt der Universität eine unschlagbare Aktie“ war. „Den hätten Sie bei den Teach-ins sehen müssen, wie da die Studentinnen leuchtende Augen bekamen.“ In Marburg scheint sich das in den neunziger Jahren im Prinzip fortgesetzt zu haben. Jedenfalls hält Kotzias viel von der Stadt, zumindest mehr als von Berlin, denn das bezeichnet er im Verlauf des Nachmittags als „das neue Rom“. Das politikwissenschaftliche Institut in Marburg habe „Weltniveau“, hier herrsche eine „echte wissenschaftliche Atmosphäre“. Aber selbst die scheint durch Deutschland massiv in Gefahr zu sein. Wenn junge Leute, so Kotzias, den Eindruck hätten, dass es kein Morgen gebe, dann sei es immer schwieriger, „sie davon zu überzeugen, dass es sich lohnt, zu träumen und sich Kenntnisse anzueignen“.

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