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Große Erwartungen : Deutsche Alleingänge sind verpönt

Blickt die Welt auf Deutschland, blickt sie auf Angela Merkel. Bild: AP

Finnen und Balten bestehen mindestens ebenso sehr auf einer griechischen Sparpolitik, wie die Deutschen. Die Welt sieht aber in der Bundesregierung die Lenkerin Europas - oft durchaus mit Argwohn.

          Die Haltung der Bundesregierung in der griechischen Staatsschuldenkrise hat antideutsche Ressentiments in der Welt geschürt. Die Lawine der Entrüstung kulminierte während des Gipfels der Eurostaaten Mitte Juli in Brüssel. Unter dem Hashtag #thisisacoup („Das ist ein Staatsstreich“) geißelte die Twitter-Gemeinde den Kompromiss, den die Staats- und Regierungschefs nach mehr als 17 Stunden Verhandlungen gefunden haben, als Demütigung für Griechenland. Von Erpressung war die Rede. Auch Brüsseler Beamte bezeichneten Merkels resoluten Auftritt am Morgen nach dem Verhandlungsmarathon als unvereinbar mit dem europäischen Geist.

          Helene Bubrowski

          Politische Korrespondentin in Berlin.

          Das griechische Schuldendrama wurde häufig als Konflikt zwischen Bundeskanzlerin Merkel und Ministerpräsident Tsipras dargestellt. Dabei bestehen Finnen und Balten mindestens ebenso sehr auf einer Sparpolitik wie die Deutschen. Die Welt sieht aber in der Bundesregierung die Lenkerin Europas. Das ist ein zentrales Ergebnis einer Studie über die Stellung Deutschlands in der Welt, die von der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) verfasst wurde. Das Ergebnis einer qualitativen Befragung von Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft in 26 Ländern rund um die Welt hat ergeben: Deutschland übt über Europa eine „Hegemonie“ aus, und die Bundesregierung spricht für die EU.

          Auch das stärkere Engagement Deutschlands in internationalen Konflikten findet unter den Befragten große Beachtung. Deutschlands Rolle in der Ukraine-Krise, aber auch in den Iran-Verhandlungen und im Syrien-Konflikt zeige, dass Berlin seine früheren Verhaltensmuster überdacht und modifiziert habe, lautet das Fazit. Noch vor drei Jahren, als eine Vorgängerstudie erstellt wurde, lautete die primäre Forderung, Deutschland solle in der Welt endlich die Verantwortung übernehmen, die seiner tatsächlichen Bedeutung entspreche. „Die Erwartungen an Deutschland sind mit dem zunehmenden Engagement noch weiter gestiegen“, sagt der stellvertretende Vorstandssprecher der GIZ, Christoph Beier. So wünschen sich viele, dass Deutschland in den internationalen Beziehungen ein Gegengewicht zu den Vereinigten Staaten bilde. Man traut Deutschland zu, ein „ausgleichender Pol“ zu sein; hervorgehoben wird dabei insbesondere die deutsche „soft power“, ein Handeln kraft Dialogs statt mittels Waffen.

          Wahrnehmung der Deutschen von vielen Widersprüchen geprägt

          Das Ausland wünscht sich von Deutschland zudem eine Vision und eine langfristige Agenda für Europa. Es besteht weltweit ein recht großes Vertrauen darin, dass Deutschland strategisch überzeugende und weitsichtige Entscheidungen treffen werde. Die Ablehnung, die Deutschland für seine Rolle in der Griechenland-Krise entgegenschlägt, deutet sich jedoch ebenfalls in der Studie an. Der Bewunderung und der Hoffnung steht die Sorge vor zu großer Einflussnahme gegenüber. „Die Wahrnehmung der Rolle Deutschlands in der Welt ist heute von vielen Widersprüchen geprägt“, kommentiert Beier von der GIZ.

          „Einerseits wünscht man sich, dass Deutschland die Führung übernimmt, und gleichzeitig mahnt man, dass Alleingänge vermieden werden sollten.“ Das deutsche Engagement, die Stärke und die Leistungsfähigkeit müssten anderen nutzen, so die Forderung. Wann immer sich Deutschland global engagiere, will man im Ausland, dass dies nicht nur der Befriedigung deutscher Eigeninteressen diene. Wo man einerseits die Angst aufkeimen sieht, Deutschland werde seine Macht womöglich abermals missbrauchen, heißt es andererseits, die Bundesrepublik solle die historisch bedingte Befangenheit mit Blick auf militärische Interventionen aufgeben.

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