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Corona-Massentest : Grevenbroicher Exempel

  • -Aktualisiert am

Ein Hochhaus in Quarantäne: Weil zwei erkrankte Familien sich nicht an die Quarantäne halten wollten, wurden in Grevenbroich 450 Anwohner in ihren Wohnungen isoliert. Bild: EPA

Ein Hochhaus-Komplex im nordrhein-westfälischen Grevenbroich wurde auf Corona getestet – weil dort zwei Familien die Quarantäne verweigert haben. Auch eine Leiche wurde gefunden.

          3 Min.

          Nordrhein-Westfalen steht derzeit bei manchem im Ruf, das Land der leichtfertigen Lockdown-Lockerer zu sein. Dabei haben manche anderen Bundesländer ihre Schulen für die Prüfungsjahrgänge schon früher geöffnet oder sind mit Regelungen für die Geschäfte großzügiger.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Der Eindruck ist im Zuge der von Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) initiierten Debatte über eine Rückkehr zu einer „verantwortungsvollen Normalität“ entstanden. Wie kein anderer deutscher Spitzenpolitiker warnt Laschet seit Wochen vor den sozialen und wirtschaftlichen Folgen eines wenig differenzierten monatelangen Stillstands. Er scheint damit gerade auch Parteifreunde aus der Union zu nerven. Seit Kanzlerin Merkel vor einer Woche vor „Öffnungsdiskussionsorgien“ warnte, gerät Laschet zunehmend in die Defensive. Hinzu kommen unglückliche Äußerungen des Ministerpräsidenten. Für einen Hallodri-Exit wirbt Laschet freilich nicht, und Nordrhein-Westfalen ist auch nicht das Land des Corona-Larifaris.

          Die Behörden an Rhein und Ruhr greifen bei Verstößen nicht weniger hart durch als anderenorts. Ein Beispiel aus Grevenbroich im Rhein-Kreis Neuss macht das deutlich. Dort organisierten die Behörden am Wochenende binnen weniger Stunden einen Corona-Massentest in einem Hochhauskomplex.

          Wie derzeit viele Gesundheitsamtsmitarbeiter in Deutschland telefonieren auch Mitarbeiter des Gesundheitsamts des Rhein-Kreises Neuss regelmäßig mit Bürgern, die unter häuslicher Quarantäne stehen. Dabei geht es zum einen darum, die Corona-Infizierten im Blick zu behalten: Verbessert oder verschlechtert sich ihr Zustand? Müssen sie ins Krankenhaus? Zum anderen wollen die Ämter aber auch herausfinden, ob sich Infizierte an die behördlich angeordnete Quarantäne halten.

          Bei Telefonaten mit zwei Familien, die in dem Grevenbroicher Hochhauskomplex leben, wurde den Mitarbeitern des Kreisgesundheitsamts am Freitag klar: Die insgesamt acht nachweislich Infizierten halten sich nicht an die Quarantäne, sondern haben weiter Kontakt mit zahlreichen anderen Bewohnern.

          Massentests bisher nur in kleinerem Maßstab

          „Nach Rücksprache beim Krisenstab der Bezirksregierung Düsseldorf haben wir uns gemeinsam mit der Stadt Grevenbroich dann für einen Massentest entschieden“, sagte Kreissprecher Benjamin Josephs. Solche Serientests gab es in Deutschland bisher in kleinerem Maßstab schon in Alten- und Pflegeheimen, aber noch nicht in einer ganzen Hochhaussiedlung.

          Der Einsatz begann damit, dass die beiden die Quarantäne verweigernden Familien an einem anderen Ort untergebracht wurden, „an dem sichergestellt ist, dass sie sich an die Quarantäne-Maßnahmen halten“, sagt Josephs. Es ist die freundliche Umschreibung dessen, was das Infektionsschutzgesetz in Paragraph 30 vorsieht. „Kommt der Betroffene den seine Absonderung betreffenden Anordnungen nicht nach“, heißt es dort, „ist er zwangsweise ... abzusondern“. Am frühen Sonntagmorgen begann schließlich der Serientest der Hochhausbewohner.

          Zunächst wurden die wabenartig angeordneten Gebäude, in denen 450 Mieter aus 25 Nationen leben, mit einem Sicherheitszaun abgesperrt. Während ein Sicherheitsdienst am Zugang patrouillierte, zogen Mitarbeiter des Gesundheitsamts, 100 Helfer des Roten Kreuzes und 15 Dolmetscher von Wohnung zu Wohnung. 377 der Bewohner unterzogen sich in einem der auf dem Parkplatz aufgestellten Zelte dann freiwillig einem Abstrich. Die restlichen 75 wurden vom Gesundheitsamt vorsorglich für 14 Tage unter Quarantäne gestellt.

          Auch für sie gilt nun: Verstoßen sie gegen die Anordnung, können sie nach Paragraph 75 Infektionsschutzgesetz zu einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren oder einer Geldstrafe verurteilt werden. Die getesteten Bewohner der Grevenbroicher Hochhaussiedlung dürfen ihre Wohnungen erst wieder verlassen, wenn feststeht, dass sie nicht mit dem Virus infiziert sind. Am Dienstag sollen die Ergebnisse vorliegen.

          Leiche im Hochhaus gefunden

          Ein Sprecher des nordrhein-westfälischen Gesundheitsministeriums lobte das Vorgehen. Nach den bisher zur Verfügung stehenden Informationen habe die untere Gesundheitsbehörde des Rhein-Kreises Neuss „zügig und angemessen gehandelt“.

          Landrat Hans-Jürgen Petrauschke (CDU) sagte im Gespräch mit der F.A.Z., entscheidend sei, „Infektionsketten so früh wie möglich zu erkennen und dann auch zu unterbrechen“. Unabdingbar sei zudem aber, dass sich auch die gesamte Bevölkerung an die Corona-Verhaltensregeln halte. „Wir dürfen nicht nachlassen und die hart erarbeiteten Lockerungen in den Einschränkungen im öffentlichen Leben wieder gefährden.“

          Am Montagnachmittag gab es in dem Hochhaus-Komplex zusätzlich noch einen Leichenfund. Hinter einer der 117 Wohnungstüren fand die Polizei eine tote Person. Zuvor hatten die Behörden einen Anruf erhalten, dass sich jemand nicht gemeldet habe, obwohl er zu Hause gewesen sein müsste. „Danach bestand der Verdacht auf einen medizinischen Notfall“, sagte Polizeisprecherin Daniela Dässel. Wie die „Rheinische Post“ berichtet, soll es sich bei dem Verstorbenen um eine natürliche Todesursache handeln.

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