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Schülerproteste in Berlin : „Greta ist die Beste“

Erst der Anfang? Greta Thunberg spricht am Freitag am Brandenburger Tor in Berlin. Bild: dpa

Greta Thunberg kommt nach Berlin und Tausende jubeln ihr zu. Auch die Umweltministerin haben sie auf ihrer Seite. Unser Korrespondent hat sich bei den Schülern umgehört – und dabei auch erfahren, warum sie auf Nutella und Fleisch verzichten.

          Franziska ist eine von Tausenden, die an diesem Freitag zum Brandenburger Tor gekommen sind. „Ich will was verändern in der Welt“, sagt die elf Jahre alte Schülerin aus Lichterfelde. Wenn Politiker und ältere Menschen längst gestorben seien, dann seien sie und ihre Freunde ja immer noch da. Und die Sache mit dem Klima, „das liegt dann in unserer Hand“. In der Klasse verzichteten viele Schüler auch auf Nutella, weil da Palmöl drin sei. Auch ihre Freundin Rim sagt, dass sie die Welt retten will. „Wir haben ja keine zweite im Keller.“ Sie ist zwölf, viele junge Schüler sind gekommen. Franziskas Mutter ist aber auch dabei.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Der 14 Jahre alte Ben, graue Schiebermütze und Lederjacke, sagt: „Es regt mich total auf, dass die Politiker nichts tun.“ Wählen könnten er und seine Klassenkameraden ja noch nicht, deswegen müssten sie auf die Demo gehen. In seiner Schule im Stadtteil Lichtenberg hat der Schulleiter in einem Elternbrief klargemacht, dass es keine Exkursionen der Schule zu den Freitagsdemos geben wird. Und wer freitags früher geht, der brauche nun ein ärztliches Attest, eine Entschuldigung der Eltern reiche nicht. Doch habe man einen Kompromiss gefunden. Zwar werden die Fehlstunden im Zeugnis aufgeführt, einen Verweis von der Schule aber gebe es nicht. Was halten sie von Greta Thunberg, die heute hier sprechen wird?

          „Greta ist die Beste“, sagt Ben. Sein Freund Maxim, ebenfalls 14 und mit etwas Grün in den blonden Haaren, sagt, es sei schon super, dass Greta das gemacht habe. „Jede Bewegung braucht ein Gesicht.“ Greta bleibt noch bis Sonntag in Berlin. Nach der Demonstration wollte sie das Institut für Klimafolgenforschung in Potsdam besuchen.

          Um Inhalte soll es gehen

          Schüler Maxim sagt, es müsse vor allem um die Inhalte gehen. Maxim sagt, er sei Vegetarier geworden. Es laufe am Ende auf persönlichen Verzicht hinaus. Doch der Verzicht reiche nicht aus, sagt Ben.

          Die Inhalte haben die Schüler auf Hunderte Pappschilder gemalt und geschrieben. Es geht um einen schnelleren Kohleausstieg, die Vermeidung von Plastikmüll oder vegane Ernährung. „Nicht nur ich brauche Schnee“, sagt ein Schneemann auf einem Plakat.

          Einer hat den Politikern ein Zeugnis aufgemalt: „Klimaschutz 6, Ethik 6, Verantwortung 6“. Die Oberstufe ist mit dem Spruch vertreten: „Zwischen Natur und Wirtschaft gehört kein oder.“ Auch Humor gibt es: Ein Plakat zeigt den kleinen Eisbären Lars auf einer Scholle im Meer treiben. „Ich schwimme in die USA, dort gibt es keinen Klimawandel“, sagt Lars.

          Eine Bläsergruppe, die sich „Funketeers for future“ nennt, heizt den Demonstranten ein. Der keineswegs jugendliche Sänger will die jungen Leute zur Systemgegnerschaft animieren. Auf die Melodie des Queen-Klassikers „We will rock you“ singt er „We want, we want system change“. Bitte mitsingen, und „lauter, das müssen die im Kanzleramt hören“. Doch die Schüler sind keine Systemgegner. Sogar die Politik lobt sie. „Es ist gut, dass eine angeblich unpolitische Generation den Mund aufmacht“, sagte Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) am Freitag.

          Leo, einer der Demonstranten, trägt einen Song auf Englisch zur Gitarre vor. „Lasst bitte die Kohle im Boden und das Meer blau. Ist es zu viel verlangt, Respekt vor der Natur zu haben? Ist es zu viel verlangt, auf die Kinder zu hören?“ Das scheint eher der Sound dieser Generation zu sein.

          Dann sprechen junge Leute aus ganz Europa. Hugo aus Frankreich kritisiert seinen Präsidenten, dass er nicht halte, was er versprochen habe. Am Ende seiner Rede sagt er: „Wenn ihr zu jung seid, bittet eure Eltern, bei den Wahlen für die Zukunft zu stimmen.“ Kira aus Belgien berichtet, dass dort Zehntausende Schüler schon zwölf Mal gestreikt haben und das Parlament dennoch nicht das geforderte Klimagesetz angenommen hat. Dabei müsse man nur auf die Wissenschaftler hören.

          Das sagt auch Luisa Neubauer, das deutsche Gesicht der Klimaproteste. „Wir machen nichts anderes als zu sagen: Liebe Politik, hört auf die Wissenschaftler.“ Eine von ihnen, Maja Göpel, spricht dann. Die Klimawissenschaftlerin hat sich mit anderen Wissenschaftlern für die Bewegung „Fridays for Future“ stark gemacht. Wenn den jungen Menschen auf der Straße die Kompetenz abgesprochen werde, „dann ist es unser Job zu sagen, dass das nicht stimmt“, sagt sie.

          „Ihr habt recht“, sagt die Hochschullehrerin. Klimaschutz sei kein weiches Thema, es sei längst ein Friedens- und Sicherheitsthema. Nun gebe es schon die Eltern, die Künstler und die Unternehmer, die sich der Bewegung anschließen würden. „Alle werden bestätigen, dass das Bildung ist, was ihr hier treibt“, sagt Göpel unter dem Jubel der Demonstranten.

          Es ist nach 14 Uhr, bis der Star der Bewegung die Bühne betritt. Greta Thunberg, violette Daunenjacke, Zöpfe, Handschuhe. Sie dankt den 25.000 Personen, die laut den Veranstaltern gekommen sind. Und sie verteidigt ihren Satz, dass man in Panik geraten müsse. „Wir müssen aus unserer Komfortzone heraus. In der Krise muss man sein Verhalten ändern.“ Sie spricht kurz. Nur eine Sache noch: „Das ist est der Anfang vom Anfang.“ Es bleibt nur wenig Zeit für ein paar „Greta, Greta“-Chöre.

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