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Gesundheitsamtschef Gottschalk : „Man kann kaum noch von einer pandemischen Welle sprechen“

  • -Aktualisiert am

Die ersten Urlaubsreisenden nach dem Corona-Lockdown auf dem Weg nach Mallorca am 15. Juni Bild: Reuters

René Gottschalk ist Leiter des Frankfurter Gesundheitsamtes. Im Interview spricht er darüber, warum er sich keine Sorgen um Urlaubsflieger macht – und Deutschland nicht einfach nur Glück gehabt habe.

          2 Min.

          Allmählich fliegen wieder mehr Leute in den Urlaub. Welche Rolle spielen Flughäfen bei der Verbreitung des Coronavirus?

          Julian Staib
          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Die großen Flughäfen in New York, Frankfurt und Heathrow sind für 75 Prozent der globalen Seuchenausbreitung verantwortlich. Je mehr Flugverbindungen es von und zu einem Flughafen gibt, desto besser kann sich die Seuche verbreiten. Allerdings findet die Übertragung kaum im Flugzeug statt. Als Beispiel: Anfang Februar kamen die ersten Rückkehrer aus Wuhan mit einer Militärmaschine in Frankfurt an. 126 Leute, die alle durch die Exits-Screenings der Chinesen gekommen waren. Sie wurden nach der Ankunft untersucht, es wurden Abstriche genommen. Danach kamen sie in Quarantäne nach Germersheim. Es stellte sich heraus: Zwei Personen wurden positiv getestet, auch wenn sie weitgehend symptomfrei waren. Jedoch fand keine Übertragung im Flugzeug statt. Es hatten alle einen Mund-Nasenschutz getragen.

          Abstand einzuhalten im Flugzeug ist unmöglich, die Menschen sitzen dort ja weiterhin dicht an dicht. Und beim Essen kann kein Mund-Nasenschutz getragen werden.

          Trotzdem ist die Ansteckungsgefahr äußerst gering. Das hängt auch mit den Lüftungssystemen in Flugzeugen zusammen, die sind exorbitant besser als in allen anderen Verkehrsmitteln. Die filtern mehr als 99 Prozent der Keime heraus. Ende der siebziger Jahre gab es mal den Fall, dass ein Flugzeug einen Zwischenstopp in Alaska machen musste. Die Filteranlage wurde ausgeschaltet, die Leute mussten lange im Flugzeug ausharren. Eine Person war an Grippe erkrankt, danach hatten sich 75 Prozent der Passagiere infiziert.

          Haben Sie keine Bedenken, wenn nun die Menschen wieder dicht an dicht in Urlaubsfliegern sitzen?

          Nein, da habe ich keine Bedenken. Die Masken wirken und die Filteranlagen sind gut. Schwierig beim Flugreisen sind viel eher das Anstehen am Schalter, bei den Sicherheitskontrollen, bei der Anfahrt. Aber das Flugzeug ist in dieser Phase ein sicheres Reisemittel. Die Übertragung im Land ist viel entscheidender, siehe die Fälle etwa nun bei Tönnies.

          Rene Gottschalk, Leiter des Gesundheitsamtes Frankfurt, im Juni
          Rene Gottschalk, Leiter des Gesundheitsamtes Frankfurt, im Juni : Bild: Lando Hass

          Sie haben ohnehin mehrmals öffentlich die Gefahr relativiert, die von dem Coronavirus ausgeht.

          Ja. Und dabei bleibe ich auch, obwohl es Shitstorms gegen mich gab. Die Wissenschaft gibt mir ja recht. Man kann zurzeit kaum noch von einer pandemischen Welle in Deutschland sprechen. In Frankfurt gibt es seit 1.2.2020 aktuell 1750 Erkrankte. Das ist verglichen mit einer Grippewelle sehr wenig. Und das Coronavirus ist durchaus vergleichbar mit eine heftigen Grippewelle. An der Grippewelle 2017/2018 starben bundesweit 25.000 Menschen. Das ist eine ganz andere Hausnummer. Damals waren alle Beatmungsplätze in Frankfurter Krankenhäusern belegt. Das war nun bei Corona nicht der Fall. Mit dem Virus kommen 80 Prozent der Menschen sehr gut klar. Die haben einen grippalen Infekt, manche nur einen Schnupfen, andere gar keine Probleme. 20 Prozent haben eine richtige Erkrankung, wahrscheinlich weniger als ein Prozent versterben. Und anders als bei der Grippewelle versterben junge Menschen allenfalls sehr selten.

          Haben Sie keine Sorge vor einer zweiten Welle?

          Natürlich kann es dazu kommen. Aber ich bin sehr zuversichtlich. Deutschland verfügt über ein exzellentes öffentliches Gesundheitswesen. Insbesondere die Gesundheitsämter haben dazu beigetragen, dass wir diese Herausforderung so gut meistern konnten. Was die Krankenhauskapazitäten angeht waren wir nie an irgendeinem Limit – anders als viele andere Länder auf der Welt. Wir werden weltweit um unser Gesundheitssystem beneidet.

          Hatte Deutschland nicht vor allem das Glück, dass das Virus hier vergleichsweise spät ankam und man am Beispiel andere Länder wie etwa Italien sehen konnte, was passiert, wenn man sich nicht früh rüstet?

          Das stimmt nicht. Die Fälle gerade bei Webasto in Bayern waren sehr früh. Aber man hat gut reagiert, die Kontaktketten aufgedeckt, die Menschen in Quarantäne geschickt. Wir hatten in Frankfurt Ausbrüche in Flüchtlingsheimen, in Altersheimen, in religiösen Gemeinden. Und die haben wir immer schnell stoppen können.

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