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„Gorch Fock“ in Kiel : De Maizière: „Gorch Fock“ nicht leichtfertig aufgeben

  • Aktualisiert am

Bild: reuters

Ein halbes Jahr nach dem Tod einer Kadettin ist die „Gorch Fock“ zurück in Kiel. Verteidigungsminister de Maizière (CDU) will an dem Marine-Schulschiff festhalten. Der suspendierte Kommandant Schatz will zurück an Bord gehen.

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          Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) hat die Absicht signalisiert, trotz der Vorfälle auf der „Gorch Fock“ am Marine-Schulschiff festzuhalten. Dem ARD-Hauptstadtstudio sagte er am Freitag: „Wir sollten nicht leichtfertig eine so schöne Tradition über Bord werfen.“ Zugleich verwies er auf den großen Zuspruch aus der Öffentlichkeit und der Politik „für unsere 'Gorch Fock'.“

          Zur Zukunft des Segelschulschiffes, das nach dem Unfalltod einer Kadettin an Bord und angeblichem Fehlverhalten von Vorgesetzten in die Schlagzeilen gekommen war, sagte er: „Es bleibt bei dem Zeitplan, das heißt, die Berichte müssen erst vorliegen.“ Der Minister hatte angekündigt, spätestens im Juni Stellung zu den Vorkommnissen zu nehmen. Die „Gorch Fock“ war am Freitag nach einer mehr als acht Monate langen Südamerikareise in den Heimathafen Kiel zurückgekehrt. Die Ausbildung war wegen des Todes der Kadettin im November abgebrochen worden; gegen die Stammbesatzung wurden Drangsalierungsvorwürfe laut.

          Der Wehrbeauftragte des Bundestages, Hellmut Königshaus (FDP, hat sich für eine bessere Regelung der Ausbildung auf der „Gorch Fock“ stark gemacht. „Es muss eben klar sein, was die Kadetten tun müssen und was sie freiwillig tun sollen“, sagte Königshaus dem Fernsender N-tv. Zudem gehe es darum, weitere Risiken zu vermindern. So solle ein Übungsmast errichtet werden. „Ich glaube, das ist schon mal ein vernünftiges Signal.“

          „Gorch Fock”: Rückkehr in den Heimathafen in Kiel nach mehr als acht Monaten
          „Gorch Fock”: Rückkehr in den Heimathafen in Kiel nach mehr als acht Monaten : Bild: dpa

          Am Freitag begrüßten viele hundert Angehörige, Freunde und Kollegen im Marinestützpunkt bei strahlendem Sonnenschein den Dreimaster mit rund 180 Mitgliedern der Stammbesatzung und der Segelcrew an Bord. Das Schiff wurde wie stets mit militärischen Ehren empfangen.

          Nach dem tödlichen Sturz der 25 Jahre alten Offiziersanwärterin Sarah Lena S. aus der Takelage war das Segelschulschiff in die Kritik geraten. Sie war am 7. November vergangenen Jahres im brasilianischen Hafen von Salvador da Bahia im Rahmen der Segelvorausbildung aus 27 Meter Höhe auf das Deck gestürzt. Zudem gab es Vorwürfe, an Bord würden Kadetten drangsaliert. Vorwürfe über angebliche Schikane und unwürdige Rituale hatte eine Kommission der Marine im Wesentlichen nicht bestätigt.

          „Unvermeidliche Risiken“

          Der Wehrbeauftragte forderte zu prüfen, ob die Ausbildung geändert werden müsse. Zwar habe die bisherige Form auch Vorteile. „Aber die sind eben verbunden mit unvermeidlichen Risiken, nämlich in Form des Aufenterns, in Form des Umsteigens dann in großer Höhe, wo man sich nicht sichern kann.“ Darum baue die Marine derzeit einen Übungsmast für junge Marinesoldaten.

          Auch sei die Sicherung gegen das Überbordgehen verbessert worden. Zudem müssten die Rettungswesten mit GPS-Sendern ausstattet werden, damit über Bord gegangene Besatzungsmitglieder schnell wieder geortet werden können.

          Dem ZDF sagte Königshaus am Morgen, es werde „noch weitere Veränderungen geben. Insgesamt haben wir keinen Grund jetzt, das Schiff zu verdammen.“ Es müsse allerdings geprüft werden, welchen Wert die traditionelle Segelausbildung heutzutage habe.

          Zuletzt mehrten sich die Signale, dass die traditionsreiche Ausbildung auf der „Gorch Fock“ fortgesetzt werden kann. Damit soll sich eine Kommission befassen, die ihre Arbeit in der nächsten Woche aufnimmt. Das Verteidigungsministerium will Stellung nehmen, nachdem die Ermittlungen der Kieler Staatsanwaltschaft abgeschlossen sein werden. Dies wird noch im Mai erwartet. Außerdem läuft bei der Marine voraussichtlich bis dahin ein Havarieverfahren, um die Unfallursache zu klären.

          Kommandant Schatz vor Rückkehr?

          Der suspendierte Kommandant der „Gorch Fock“, Norbert Schatz, kehrt möglicherweise auf diesen Posten zurück. „Er ist gewillt“, sagte Marineinspekteur Axel Schimpf am Freitag in Kiel nach Rückkehr des Segelschulschiffes mit Blick auf Schatz. Schimpf fügte hinzu: „Er weiß, dass wir uns noch ein paar Tage in Geduld üben müssen.“

          Der zurückgetretene Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) hatte Schatz von seinem Posten abberufen und die „Gorch Fock“ nach Deutschland zurückbeordert.

          Noch ist über die Zukunft des Schiffes nicht entschieden. Marineinspekteur Schimpf sprach sich aber für den Erhalt aus. „Das Schiff ist seinen Preis wert“, sagte er mit Blick auf die Kosten für den Unterhalt. Er habe keinen Grund, das Schiff als solches in Frage zu stellen.

          „Gorch Fock“ wird nicht außer Dienst gestellt

          Der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Stefan Paris, wies darauf hin, dass die „Gorch Fock“ entgegen anderslautenden Berichten nicht aus der Fahrbereitschaft genommen werde. Dies wäre der erste Schritt zu einer Außerdienststellung und würde bedeuten, dass das Schiff nicht mehr seetüchtig gehalten werde. „Das wollen wir eben nicht. Werten Sie das als Signal“, sagte Paris. Die „Gorch Fock“ werde zwar bis zur vollständigen Aufklärung der Vorfälle nicht wieder zur See fahren, aber dennoch weiter voll gewartet und einsatzfähig gehalten.

          Bereits am Mittwoch hatte Verteidigungsminister de Maizière ausdrücklich die Leistung der Mannschaft gewürdigt. „Nach über 23.000 Seemeilen und 250 Abwesenheitstagen hat die Besatzung im Verlauf der Reise seemännische Herausforderungen angenommen, auf die sie zu Recht stolz sein kann“, heißt es in einer Grußbotschaft, die Marineinspekteur Schimpf den Soldaten an Bord überbrachte. Auch de Maiziere sprach von „unserer 'Gorch Fock'“. In der Marine wurde die freundliche Wortwahl als Zeichen gewertet, dass der Minister trotz der jüngsten Vorwürfe hinter dem Betrieb des Segelschulschiffs steht.

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