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Globaler Klimastreik : „Stop Klimakrise, Stop GroKo“

  • -Aktualisiert am

Rund 60.000 Menschen sind am Freitag zur Kundgebung am Brandenburger Tor gekommen. Bild: Gloria Geyer

Der vierte globale Klimastreik in Berlin ist kleiner als noch vor zwei Monaten. Dennoch sind rund 60.000 Menschen zur Kundgebung am Brandenburger Tor gekommen. Vor allem eine Partei nehmen die Demonstranten in die Mangel.

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          „Ist das eigentlich unsere Demonstration oder eine globale?“ So ganz sicher ist sich eine Schülergruppe am Freitagmittag in der S-Bahn auf dem Weg zum Brandenburger Tor noch nicht. „Seeed tritt ja auf“, sagt ein Schüler und weist darauf hin, dass die Berliner „Fridays For Future“-Bewegung eine Großveranstaltung mit prominenten Gästen in Berlin Mitte geplant hat.

          Am Brandenburger Tor angekommen wird sichtbar, dass eine breite Masse dem vierten globalen Aufruf der Klimabewegung gefolgt ist: Eltern halten mit ihren Kleinkindern Schilder in die Höhe und Senioren diskutieren mit Studenten. Laut Veranstalter sind rund 60.000 Menschen zur Demonstration gekommen, bei der letzten globalen Aktion im September gingen je nach Einschätzung noch zwischen 100.000 und 270.000 Menschen auf die Straße. Neben Berlin waren in mehr als 500 weiteren deutschen Städten Aktionen geplant.

          Am Rande der Anfangskundgebung stehen einige Studierende des John F. Kennedy-Instituts der Freien Universität Berlin. Niclas Wilser ist das erste Mal als Student bei den Protesten vor Ort. „Wir haben im Kollektiv beschlossen, dass wir an dem Globalen Klimastreik teilnehmen wollen und unseren Professor in einer E-Mail informiert“, sagt der 20 Jahre Student der Nordamerikastudien. Er habe das Gefühl, dass viele Studierende unpolitisch seien. Seine Kommilitonin Kim Brune stimmt ihm zu. Bisher habe sie nur an den globalen Protesten teilgenommen.

          „Fridays For Future“ im Uni-Seminar

          Sie bereue es ein wenig, dass „nichts früher passiert“ sei, als sie noch Schülerin war. In der Universität fühle sie sich von den wöchentlichen Protesten bislang nicht richtig angesprochen. „Ich habe das Gefühl, dass die Klimaproteste mehr in Schulen thematisiert werden“, sagt die 20 Jahre alte Studentin. Aber ihr gefalle, dass sich die Bewegung breiter aufstelle: „Mittlerweile ist ja jeder hier dabei“, sagt Brune. Aber an den Universitäten würden sich oftmals nur diejenigen beteiligen, die politisch wirklich sehr engagiert seien. Es sei schließlich etwas anderes, wenn man bewusst nicht zu Veranstaltungen im Studium gehe, für das man sich selbst entschieden habe.

          Ihre Kommilitonin Pernille Grage wirft ein, dass sie sich deshalb an einen Politikprofessor gewandt haben: „Wir haben gefragt, ob wir ,Fridays For Future’ und den Klimawandel in einem Seminar behandeln können“. In der Diskussion sei es vor allem darum gegangen, welche Maßnahmen gegen den Klimawandel wie wahrscheinlich umsetzbar seien. „Einen wirklichen Konsens gab es nicht“, sagt Grage. Aber es sei deutlich geworden, dass vor allem wirtschaftliche Anreize gesetzt werden müssen, um den Kapitalismus klimafreundlicher auszurichten.

          Einig ist sich die Studierenden-Gruppe jedoch, was nun politisch in Deutschland passieren muss: „Die Große Koalition muss abgewählt werden“, sagt Wilser. Die Studierenden sind enttäuscht von dem verabschiedeten Klimapaket, das hinter den Forderungen von „Fridays For Future“ zurückbleibt. Vor allem die Rolle der SPD kritisieren sie. „Eigentlich mag ich die SPD“, sagt Brune. Aber die Sozialdemokraten würden ihre Regierungsverantwortung nicht entschieden genug im Kampf gegen den Klimawandel einsetzen. Sie halten rote Stoppschilder Plakate mit der Aufschrift „Stop Klimakrise, Stop GroKo“ in die Höhe.

          Studierende des John F. Kennedy Instituts der Freien Universität Berlin halten rote Stoppschilder mit einer eindeutigen Botschaft.

          Demonstranten fordern SPD zum Handeln auf

          Die Gruppe von Nordamerika-Studierenden sind nicht die Einzigen, die die roten Schilder präsentieren. Viele Demonstranten halten die Stoppschilder-Plakate auf der Kundgebung vor dem Brandenburger Tor in den Händen. Verteilt hat sie die Nichtregierungsorganisation (NGO) Campact. „Wir haben absichtlich nicht unser Logo auf den Schildern abgebildet“, sagt Ruppert Richter, Organisator bei Campact. Man wolle die Schilder an eine breite Masse verteilen. Vor allem gehe es aber darum, Druck auf die SPD auszuüben: „Nächste Woche ist der SPD-Parteitag und wir wollen zeigen, dass es mit der GroKo nicht weitergehen kann.“ Richter spricht sich für das Duo Walter-Borjans/Esken aus, von denen er sich eine „progressivere Klimapolitik“ und ein Ende der GroKo erhoffe. Es müsse klar werden, dass der Klimawandel kein „Umweltthema“, sondern ein „Menschheitsthema“ sei, das alle betreffe – und dessen Auswirkungen in Deutschland heute schon spürbar seien. Die Große Koaltion würde diese Anliegen nicht ernst nehmen, die jedoch von einem großen Teil der Gesellschaft getragen würden.

          Dass vor allem die SPD nun handeln müsse, wird auch auf der Bühne vor dem Brandenburger Tor thematisiert. Die CDU habe bereits ihr Christliches „C“ verloren, sagt eine Aktivistin in Anspielung auf eine Greenpeace-Aktion, bei der Aktivisten den Buchstaben C aus dem Parteilogo klauten, ins Mikrofon. Nun laufe auch die SPD Gefahr, ihr „S“ zu verlieren. „Der Parteitag ist entscheidend“, sagt die junge Frau. Es müsse das Klima gerettet werden – und nicht die Große Koalition. Der Jubel in der Menge ist groß

          „Egal wie es nach der GroKo politisch weitergeht – Hauptsache das 1,5-Grad-Ziel wird eingehalten“, sagt „Fridays For Future“-Sprecherin Leonie Bremer.

          Zum Parteitag der SPD, der vom 6. bis 8. Dezember stattfindet und bei dem die neue Parteispitze verkündet werden soll, sind auch Aktionen von den Klimaaktivsten geplant. „Wir werden dort mit der Berliner Ortsgruppe demonstrieren“, sagt „Fridays For Future“-Sprecherin Carla Reemtsma. Man habe weiterhin die Hoffnung, dass das Klimapaket überarbeitet werde. Für Sprecherin Leonie Bremer gebe es persönlich alternativ zur Großen Koalition aber „kein Ideal“. „Egal wie es nach der GroKo politisch weitergeht – Hauptsache das 1,5-Grad-Ziel wird eingehalten“, sagt Bremer.

          Für „Fridays For Future“ liegt der Fokus in der kommenden Woche neben der Bundespolitik auch auf der UN-Klimakonferenz in Madrid, die vom 2. bis zum 13. Dezember stattfindet. Dort wolle man sich mit weiteren Aktivisten aus aller Welt treffen, sagt Bremer. „Wir wollen Präsenz zeigen.“ Den Verantwortlichen müsse klar sein, dass sie beobachtet werden.

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