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Gleichstellung : Jede Familie selbst

Was bleibt von besonderem Schutz der Familie, wenn nichts mehr besonders sein darf? Bild: picture alliance / ZB

Nur Mut: Die Zukunft der Ehe hängt nicht von den Vorgaben des Zeitgeists, den Verrenkungen der CDU oder von den Vorstellungen des Gesetzgebers in Karlsruhe ab.

          Für die im Kampf gegen kleinbürgerliche Konventionen und Lebensentwürfe Ergrauten muss es ein schwerer Schlag sein. Da hat eine ganze Generation gegen den tausendjährigen Muff unter den Ehebettsteppdecken gekämpft, ihre besten Jahre in Kommunen dem Modell der freien Liebe geopfert, und nun das: Die Ehe ist wieder in aller Munde, und zwar nicht als ein mit den Ketten von Unterdrückung und Rollenzwang rasselndes Schreckgespenst, sondern als ein erstrebenswertes Institut des privaten wie gesellschaftlichen Glücks.

          Ihre Renaissance verdankt sie nicht heterosexuellen Langweilern, die den Errungenschaften der sexuellen Revolution zum Trotz weiter dem Herdentrieb folgen, manche, wie ein früherer Bundeskanzler und ein Außenminister, gleich vier- oder fünfmal. Nein, die Ehe ist gesellschaftspolitisch wieder en vogue, weil nun auch gleichgeschlechtliche Paare in ihren Hafen einlaufen wollen, den früher nicht nur progressiv denkende Heterosexuelle scheuten, als hole man sich dort Pest und Cholera. Selbst noch der Verführung des Ehegattensplittings scheinen sie zu erliegen, das doch als letzter Überrest aus der Zeit der Höhlenmenschen abgeschafft werden sollte; jetzt wird es bis hinauf zum Bundesverfassungsgericht eingeklagt.

          Allüberall lassen die Befürworter der Gleichstellung nun das Hohelied der Ehe und der Familie erklingen: Es gehe darum, Verantwortung füreinander und vorhandene Kinder zu übernehmen, bis über den Tod des Partners hinaus. Die Gesellschaft werde dadurch gefestigt, der Sozialstaat entlastet. Bürgerlicher kann man kaum denken und argumentieren. Auch die sexuelle Revolution scheint ihre Kinder gefressen zu haben.

          Jetzt jedenfalls fordert die Avantgarde des gesellschaftlichen Fortschritts: Die Ehe für alle! Eigentlich müssten die jahrzehntelang als Spießer Verhöhnten also auf den Straßen tanzen ob des späten Triumphs ihres Lebensmodells. Doch so weit lassen es diejenigen, die schon immer jeden Irrweg im Voraus erkannten, natürlich nicht kommen. Diesmal muss sich ducken, wer das Institut der Ehe nicht mit gleichgeschlechtlichen Paaren teilen will. Denn dann lebt er „in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts“ (Cem Özdemir, Grüne), verschließt „die Augen vor der Realität“ (Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, FDP) oder hat nicht begriffen, dass es um eine „Gerechtigkeitsfrage“ (Thomas Strobl, CDU) geht. So lauten die gemäßigten Kommentare zu solcher Rückständigkeit; selbstverständlich gibt es auch vor Wut und Geifer triefende.

          Die Würfel fielen schon unter Rot-Grün

          Die so Gezüchtigten ziehen, bis auf wenige Ausnahmen, wieder die Köpfe ein und sich selbst in ihre Ehe-Nischen zurück, in denen, so tolerant geht es hierzulande zu, jeder nach seiner Façon glücklich werden darf, wenn er die Weiterentwicklung der Gesellschaft nicht stört. Der Gesetzgeber in Karlsruhe hat den bestehenden Ehen versichert, dass ihnen gar nichts genommen werden soll. Einen Rückzug unter derart großzügigen Bedingungen kann man niemandem verübeln, denn zu gewinnen gibt es auch in dieser Schlacht für die „Traditionalisten“ nichts mehr. Die Würfel fielen schon unter der Regierung Schröder; das Verfassungsgericht folgt seither einer eindeutigen Linie. Die „Homo-Ehe“ wird über kurz oder lang auch in Deutschland kommen. In Zeiten, in denen gesellschaftlicher Fortschritt in den Maßeinheiten der Gleichstellung gemessen wird, kämpfen Politiker, die behaupten, es gebe auch noch Ungleiches in der Welt, auf verlorenem Posten.

          Mit einigem Recht wird daher auch den Beteuerungen der Union, die nicht schon wieder zu den Diskursverlierern gehören will, misstraut, sie werde dafür sorgen, dass „der besondere Wert der Ehe als Keimzelle der Familie“ (Volker Kauder, CDU) auch in Zukunft vom Staat noch kenntlich gemacht werde. Wie soll das gehen, wenn alle wesentlichen Unterschiede zur „Homo-Ehe“ eingeebnet sind? Was bleibt von besonderem Schutz und besonderer Förderung, wenn nichts mehr besonders sein darf, weil es ja um eine „Gerechtigkeitsfrage“, mehr noch: um eine Frage der Logik (Julia Klöckner, CDU) geht?

          Zum Glück ist das Überleben des traditionellen Leitbilds von Ehe und Familie aber weder von den Verrenkungen der CDU noch von den Vorgaben des sogenannten Zeitgeists und seines stramm mitmarschierenden Gefolges abhängig. Die schweigende Mehrheit wird sich zwar damit abfinden müssen, dass die Kluft zwischen dem Loblied auf die „Keimzelle der Gesellschaft“ und der in Euro und Cent daherkommenden „Anerkennung“ noch etwas größer wird, schon weil der Kuchen künftig in mehr Teile geschnitten werden muss. Doch auch das wird die Ehe von Mann und Frau und die von ihnen begründete Familie überstehen. Allzu leicht lassen sich diese Institute nicht abschaffen, das haben die hellsichtigen Väter des Grundgesetzes sichergestellt. Mit Leben erfüllt werden muss freilich auch dieses Grundrecht von den Bürgern selbst. Nicht ein Parteiprogramm, ein Steuersatz oder das Bundesverfassungsgericht - jede Familie entscheidet selbst darüber, ob die aus ihr hervorgehenden Kinder die Werte hochhalten, für die sie steht. Und ob sich auch die nächste Generation der Aufgabe stellt, ohne deren Erfüllung kein Volk eine Zukunft hat.

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