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Politiker beim Gillamoos : Auf dem Jahrmarkt der Bierzeltduelle

  • -Aktualisiert am

Man hört, dass ursprünglich Weber (r.) die CSU-Hauptrolle auf dem Gillamoos zugedacht war – und, dass Söder das doch etwas zu viel des Guten schien. Bild: dpa

Auf dem niederbayerischen Gillamoos meldet sich ein bärtiger Manfred Weber zurück, Kevin Kühnert übt sich in Bierzeltreden – und die AfD in einfältigen Witzen.

          3 Min.

          Das Volksfest Gillamoos ist in Bayern traditionell die erste größere politische Veranstaltung nach der Sommerpause, die Parteien duellieren sich in benachbarten Bierzelten. Dem, der es nötig hat, bietet sie die Möglichkeit zum Neustart. Manfred Weber zum Beispiel. Der ehemalige EVP-Spitzenkandidat, dessen Ambitionen andersdemokratischen Erwägungen zum Opfer gefallen waren, dokumentierte in seiner niederbayerischen Heimat seinen Willen zum kämpferischen Blick nach vorne, und zwar nicht nur durch den neuen Vollbart. Vielmehr unterstrich er in seiner Rede auch, dass er an Kernprojekten seiner Europawahl-Kampagne, etwa einem Masterplan im Kampf gegen den Krebs, festhalten werde.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Mit der Vergangenheit hielt Weber sich nicht mehr lange auf; dass er aber den französischen Präsidenten Emmanuel Macron, der ihn als Kommissionspräsidenten mitverhindert hatte, als „einen Politiker aus Frankreich“ bezeichnete, ließ erahnen, von wem Weber sich unfair behandelt gefühlt hat. Das Publikum im vollen CSU-Zelt bewies ein feines Gespür dafür, dass Webers Seele ein bisschen Streicheln gut täte – er bekam den meisten Applaus, und das trotz der Konkurrenz durch den CSU-Vorsitzenden und bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder, der als Franke freilich einen strukturellen Nachteil hat.

          Söder konnte es dieses Mal locker angehen

          Man hört, dass ursprünglich Weber die CSU-Hauptrolle auf dem Gillamoos zugedacht war – und, dass Söder das doch etwas zu viel des Guten schien. Auf den Parteiplakaten zur Veranstaltung war die reale Hackordnung schon wieder deutlich ins Bild gesetzt, Söder im Vordergrund, sein Kopf doppelt so groß wie der von Weber. Und natürlich war er auch der Hauptredner. 2018, keine zwei Monate vor der Landtagswahl, stand Söder auf dem Gillamoos mit dem Rücken zur Wand. Ein Befreiungsschlag musste her. Er gelang, mit der scharfen Abgrenzung zur AfD.

          Verglichen damit konnte es Söder diesmal locker angehen. Ein bisschen Landwirte loben, ein bisschen SPD schelten, AfD-Abgrenzung erneuern. Die Beteuerung, die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer habe „die Rückendeckung“ der CSU, war eher höflich als feurig. Es ist kein Geheimnis, dass Söder, wenn er, wie am Gillamoos, sagt, Deutschland bewege sich zu viel um sich selbst und sei der Zukunft zu wenig zugewandt, auch die Schwesterpartei CDU meint.

          Während Weber für die Solidität der Staatsfinanzen eine Lanze brach, forderte Söder vor allem umfangreiche Investitionen, insbesondere in die Forschung. Als mahnendes Beispiel nannte er – den FC Bayern. Der habe sich noch vor einigen Jahren den enormen Summen, die etwa in England in den Fußball investiert wurden, verweigert. Jetzt müsse er sehr viel Geld bezahlen, um international Anschluss zu finden.

          Söders neue Begeisterung für Ökologie und Klimaschutz wird in seiner Partei zwar nicht von allen geteilt, sie stößt aber auch nicht auf nennenswerten Widerstand. Das zeigte ein offenbar selbst gedichtetes Lied, mit dem der gastgebende CSU-Landrat von Kelheim, Martin Neumeyer, Söder begrüßte: „Es grünt so grün, wenn Bayerns Wiesen blühen. Die mäht der Markus, der Söder Markus.“

          Bei den Grünen, die sich nur ein paar Meter von der CSU entfernt um ihre Fraktionschefin im Landtag, Katharina Schulze, sowie den Fraktionsvorsitzenden im Bundestag, Anton Hofreiter, versammelt hatten, empfinden sie derlei schon als Leier. Schulze sagte, „Markus Söder ergrünt, ohne rot zu werden.“ Er komme einem vor wie ein Heiratsschwindler. „Man kann sich nicht vorstellen, dass er wirklich die Liebe zur Umwelt entdeckt hat.“

          Beflügelt durch den Erfolg der Freien Wähler in Brandenburg

          Vielleicht noch besser wurde der politische Jahrmarkt-Charakter des Gillamoos von Hubert Aiwanger getroffen. Durch den politischen Achtungserfolg der Freien Wähler in Brandenburg war er, der ja auch deren Bundesvorsitzender ist, zumindest angeheitert. Die Grünen nannte er „Großstadt-Ökologen“ und Angehörige einer „Kiffer-Partei“. Ob auch der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert kifft, tut hier nichts zur Sache. Jedenfalls war er am Montag bei seiner angeblich ersten politischen Bierzeltrede sehr gut drauf.

          Während im vergangenen Jahr bei der Rede der SPD-Landesvorsitzenden Natascha Kohnen die Hände der SPD-Anhänger schwer wie volle Krüge auf den Bierbänken lagen, vermochte Kühnert im Land von BMW der Partei Hoffnung einzutrichtern, dass ihre Zeit womöglich doch noch nicht zu Ende ist.

          Kühnert sprach mehr über die Wahlen in Ostdeutschland als etwa die CSU-Vertreter. In Bezug darauf kritisierte er „politisches Gaffertum“. „Wir betrachten die Entwicklung im Osten wie einen Autounfall, wo alle vorbeifahren und traurig sind, was da passiert ist.“ Ein bisschen durfte man den Gaffer-Vorwurf aber auch auf die SPD beziehen. Wer eine bessere SPD wolle, so Kühnert, der dürfe ihren Zustand nicht nur bedauernd beobachten, sondern müsse selbst dafür arbeiten.

          Gottfried Curio, Gastredner der AfD, sieht das anders. Die SPD sei „die Partei, die niemand braucht“. Der Vortrag des Bundestagsabgeordneten zeugte angesichts der Wahlerfolge im Osten von Hochgestimmtheit – und großem rhetorischen Eifer. Wie ein Büttenredner reihte Curio Knallbonbon an Knallbonbon. Familiennachzug aus dem Orient, aus Afrika, bedeute, „dass die Mädchen endlich ihre achtzigjährigen Ehemänner nachholen“ könnten, „die Männer ihre vier Ehefrauen“ und „die unbegleiteten Minderjährigen ihre Enkel“.

          Er machte sich lustig über Greta Thunberg, die ihre „Panikattacken vergemeinschaften“ wolle, und er dichtete: „Nach Sea Watch und Sea Eye kommt See Hofer“. Curio sprach etwas abseits unter freiem Himmel. Seine Partei hatte in keinem Bierzelt Aufnahme gefunden.

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