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Gewalt in Beziehungen nimmt zu : Jede dritte Frau ist betroffen

  • -Aktualisiert am

Gewalt gegen Frauen wird oft vom Umfeld nicht bemerkt. Dabei soll jede dritte Frau betroffen sein. Bild: dpa

Mehr als ein Mal pro Stunde wird eine Frau in Deutschland durch ihren Partner oder Ex gefährlich verletzt. Familienministerin Giffey bewilligt deshalb 120 Millionen Euro für Frauenhäuser. Aber auch Männer werden Opfer.

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          Jede dritte Frau: In einer 1,8-Millionen-Stadt wie Hamburg sind rechnerisch 300.000 Frauen von Gewalt betroffen. In Frankfurt sind es rund 125.000, in Augsburg knapp 50.000. Auf einem ganz normalen Elternabend, an dem – sagen wir – 18 Mütter und sieben Väter teilnehmen, werden statistisch betrachtet sechs der anwesenden Frauen in ihrem Leben Gewalterfahrungen gemacht haben oder machen. Auf jedem Selfie mit drei Freundinnen betrifft es durchschnittlich eine.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Es sind sehr alarmierende Zahlen“, sagte Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD), als sie am Montag in Berlin die neue Statistik zur Partnerschaftsgewalt vorstellte. Im Jahr 2018 haben mit 140.755 Personen sogar mehr Menschen in ihrer Beziehung Gewalt erlebt als im Jahr zuvor. Ob dieser Anstieg allerdings tatsächlich mit einem wachsenden Ausmaß an Gewalt zu tun habe, sei unklar. Womöglich seien einfach mehr Taten zur Anzeige gebracht worden, so die Ministerin. Denn das Dunkelfeld sei weitaus größer.

          Viele Opfer zwischen 30 und 40 Jahre alt

          Schon die Taten, die in der polizeilichen Kriminalstatistik erfasst worden sind, sind allerdings erschreckend. Demnach sind im vergangenen Jahr 122 Frauen von ihrem Freund, ihrem Ehemann oder einem früheren Partner getötet worden. Das ist im Durchschnitt jeden dritten Tag eine. Zählt man die Fälle hinzu, in denen die Frauen versuchte Tötungsdelikte überlebt haben, kommt man auf 324 Taten im Jahr 2018. Wie die Ministerin klarstellte, sind auch Männer von Partnerschaftsgewalt betroffen: In der Kategorie versuchter oder vollendeter Mord und Totschlag gab es laut Statistik im vergangenen Jahr 97 männliche Opfer.

          „Immer noch ein Tabu“: Familienministerin Franziska Giffey (SPD) präsentiert die Kriminalstatistik zur Partnerschaftsgewalt.

          Allerdings sind Täter und Opfer ungleich verteilt. Während 81,3 Prozent der Betroffenen Frauen sind, wenn man alle Deliktarten von Mord über Freiheitsberaubung bis Stalking zusammen nimmt, liegt bei den Sexualstraftaten der Anteil der weiblichen Opfer sogar bei 98,4 Prozent. Die meisten Opfer sind zwischen 30 und 40 Jahre alt.

          Petra Söchting, Leiterin des bundesweiten Hilfetelefons „Gewalt gegen Frauen“ erklärte diese Konzentration von Fällen auf Frauen in der Lebensmitte damit, dass Gewalt sich allmählich entwickele und eskaliere. Außerdem benötigten Frauen oft mehrere Anläufe, um sich aus einer gewalttätigen Beziehung zu lösen.

          Laut Statistik gibt es auch Fälle, in denen Opfer und Täter mehr als 60 Jahre alt sind. Wie das Bundesfamilienministerium ausgerechnet hat, wird statistisch gesehen mehr als ein Mal pro Stunde eine Frau durch ihren aktuellen oder ehemaligen Partner gefährlich körperlich verletzt.

          Eine Auswertung der Gewalttaten nach Staatsangehörigkeit macht deutlich, was Fachleute schon lange wissen: Gewalt in Beziehungen hat nichts mit der Herkunft zu tun. Natürlich gebe es Zuwanderung auch von Männern, deren Frauenbild nichts mit Gleichbehandlung und gewaltfreier Erziehung und Beziehung zu tun habe, so die Ministerin. Der Statistik zufolge sind hierzulande jedoch vor allem Deutsche Täter und Opfer von Beziehungsgewalt, der Abstand zu den folgenden Gruppen – Türken, Polen, Syrer, Rumänen und Italiener – ist groß. Die Gewalt ziehe sich quer durch alle Schichten und habe weder mit dem Einkommen noch mit der Bildung zu tun, sagte Söchting.

          Seit 2016 wird die Kriminalstatistik mit dem speziellen Fokus auf Partnerschaftsgewalt ausgewertet, aber erst im vergangenen Jahr hatten die schon immer hohen Zahlen in der Öffentlichkeit für große Empörung und Betroffenheit gesorgt. Damals hatte die Familienministerin versprochen, die Frauenhäuser auszubauen. Jetzt kündigte sie an, in den kommenden vier Jahren stünden dafür jeweils 30 Millionen Euro aus dem Bundeshaushalt bereit.

          Es fehlt an sicheren Unterkünften: Eine Frau blickt in einem Frauenhaus aus dem Fenster.

          Darüber hinaus seien Länder und Kommunen gefragt, mit denen man an einem „Runden Tisch“ zusammenarbeite. Giffey zufolge verfügt Deutschland derzeit über 7000 Unterbringungsmöglichkeiten für Frauen, die aus einer akuten Gewaltsituation fliehen müssen. Benötigt würden jedoch 20.000. Ein Rechtsanspruch auf einen Frauenhausplatz sei insofern „wünschenswert“, könne aber derzeit noch nicht erfüllt werden. Auch das Beratungsangebot müsse gestärkt werden.

          Zugleich will das Familienministerium die Themen Gewalt gegen Frauen und Partnerschaftsgewalt mit der neuen Initiative „Stärker als Gewalt“ noch stärker in die Öffentlichkeit rücken. Die dazugehörige Internetseite bündelt Hilfsangebote nicht nur für Betroffene, sondern auch für Nachbarn, Freundinnen und Verwandte, die sich um eine Frau aus ihrem Bekanntenkreis Sorgen machen.

          Dunkelfeldstudien zufolge ist jede dritte Frau in Deutschland mindestens einmal in ihrem Leben von Gewalt – nicht nur Partnerschaftsgewalt – betroffen. „Überlege mal“, heißt es deshalb auf der neuen Homepage. „Wie viele Freundinnen hast du? Mit wie vielen Kolleginnen arbeitest du zusammen? Mit wie vielen Frauen bist du über Twitter oder Facebook verbunden?“ Um sich vor Augen zu führen, wie präsent Gewalt vermutlich auch im eigenen Umfeld ist, reicht dann eine einfache Rechnung: die jeweilige Zahl geteilt durch drei.

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