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Gewalt im Fußballstadion : Ultra

Keine Seltenheit in deutschen Stadien: Pyrotechnik im Fanblock Bild: dpa

Für die Ultras zählt der schnelle, gegenwärtige Erfolg. Das zeigt sich, wenn ihr Team über Wochen verliert. Je schlechter die Ergebnisse der Mannschaft sind, umso größer wird ihre Macht.

          Wer in jüngerer Zeit ein sogenanntes Risikospiel zweier Fußballteams erlebt hat, kann schon einmal vergessen, dass viele Fußballfanatiker eigentlich ganz sympathisch sind: weil sie sich an etwas verschwenden - den Erfolg ihrer Mannschaft zumeist -, von dem sie selbst allenfalls mittelbar profitieren. Jedenfalls bekommen sie weder Prämien noch Angebote von besseren Vereinen. Auch gefeiert werden sie in der Regel nur von sich selbst.

          Am meisten verschwenden sich die Ultras, von denen - sicher zu Recht - behauptet wird, man könne sie nicht alle über einen Kamm scheren. Gemeinsam ist ihnen in jedem Fall, dass sie viel Zeit und Geld aufwenden, um Gesänge einzuüben, Fahnen zu nähen oder zu den Auswärtsspielen ihrer Mannschaft zu fahren. Mit ihren Aktionen, die Ende der neunziger Jahre die Stadien aus ihrer Lethargie gerissen haben, bereiten sie anderen Zuschauern auf den Sitzplatztribünen und in den Logen manchmal Angst und Schrecken, in der Regel aber doch Kurzweil - sicher mehr als Cheerleader oder Maskottchen, manchmal sogar mehr als das Spielgeschehen selbst.

          Das Geschehen auf dem Platz

          Aber darum geht es den Ultras nicht, im Gegenteil: Viele von ihnen verachten die Stadionbesucher, die den Fußball konsumieren wie Lachshäppchen oder ihn auch nur genießen wollen wie einen warmen Frühlingstag. Solchen Fans, deren innere Balance durch ein Spielergebnis selten nachhaltig gestört wird, werfen die Ultras vor, sie kämen nicht wegen des Fußballs zum Fußball, sondern wegen des Drumherums. Derselbe Vorwurf ließe sich auch gegen die Ultras richten. Anders ist kaum zu erklären, dass sich die Choreographien vielerorts vom Geschehen auf dem Platz gelöst haben und dass die Einpeitscher, die sich mehr als 90 Minuten an ihrer Macht über den Fanblock berauschen, die meiste Zeit mit dem Rücken zum Spiel verbringen. Einen wichtigen Unterschied gibt es aber doch: Während die Konsumenten und auch manche Funktionäre den Fußball als zum Drumherum gehörig betrachten, reklamieren die Ultras das Drumherum, ihr Drumherum, als einen Teil des Fußballs.

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          Ultras sagen, ihnen gehe es zuallererst um ihren Verein, der wiederum ihr Leben sei. Wie die Fußballkonsumenten pervertieren sie so die Idee des Spiels: Jene nehmen den Fußball nicht ernst genug, die Ultras nehmen ihn zu ernst. Die Sechzehn- bis Fünfundzwanzigjährigen, die, oft mit guter Schulbildung, das Gros der Ultras in Deutschland stellen, spannen dafür selbst noch die jeweilige Clubgeschichte ein und pflegen die Größen der Vergangenheit. Was sie dabei gerne vergessen: Früher war nicht alles besser. Im Übrigen zählt auch für die Ultras der schnelle, gegenwärtige Erfolg. Das zeigt sich, wenn ihr Team über Wochen verliert. Dann werden Mannschaftsbusse beschädigt, Spieler und Trainer zum Rapport bestellt oder, im Extremfall, "Hausbesuche" abgestattet. Bemerkenswert ist dabei, dass die Macht der Ultras - vor allem über den eigenen Verein - umso größer ist, je schlechter die Ergebnisse der Mannschaft sind. Es wäre zwar unlauter, ihnen deshalb zu unterstellen, sie nähmen billigend in Kauf, wenn ihrer Mannschaft aus ihrem Verhalten Nachteile wie etwa Punktabzug oder Geldstrafen erwachsen. Doch Misserfolge des eigenen Teams schweißen die Ultras zusammen, während andere Zuschauer den Spielen dann eher fernbleiben. Die Vereine, die Ausschreitungen gegnerischer Fans viel lieber verurteilen als die ihrer eigenen, wissen das nur allzu gut; die Ultras aber auch. Was diese unterschätzen: dass sie selbst die Zuschauer, die geschmähten Konsumenten, für ihre Aufführungen brauchen - nicht nur die auf Youtube.

          Ultra ist eine mächtige Jugendkultur, aber auch eine elitäre Ideologie, die dem Dogma folgt: "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns." Zur Entlastung der Ultras wird häufig angeführt, dass sie "Werte" vermittelten und sich sozial engagierten. Das stimmt, aber das tun Mafiosi auch. Korpsgeist und Schweigegelübde sind eine weitere Parallele. Das könnte eine Erklärung dafür sein, dass die Mehrheit die relativ kleine gewalttätige Minderheit weitgehend gewähren lässt. In der Wissenschaft wird dabei fein säuberlich unterschieden zwischen Ultras, Hooligans und Hooltras. Auch ist es eine kulturgeschichtliche Binse, dass Spiel, Kampf und Krieg aufs engste miteinander verwandt sind. Denen, die unverschuldet in eine Auseinandersetzung geraten, ist freilich relativ egal, von wem und vor welchem historischen Hintergrund sie eins auf die Mütze bekommen.

          Mit der Schadensbegrenzung ist bis auf weiteres die Polizei beschäftigt, deren Einsätze vom Steuerzahler, nicht von den Vereinen bezahlt werden. Ihre teils repressiven Methoden haben sich aus Sicht der meisten Fachleute als wenig erfolgreich erwiesen. Spätestens vor der Heim-WM 2006, als die Einheiten zu Übungszwecken massiv verstärkt wurden, ist die Polizei zum Feindbild der Ultras geworden. Diese legen den Beamten zur Last, Vorurteile zu haben. Wenn das stimmen sollte, dann tun sie mit ihrer Geheimniskrämerei freilich alles dafür, damit das so bleibt.

          Trotz allem ist die Stimmung in deutschen Stadien weiterhin so gut, dass sogar englische Fans hierherkommen, um noch dionysische Fußballfeste erleben zu können. Das hat nicht zuletzt mit den Ultras zu tun. Das hätte es allerdings auch, wenn die Feste immer mehr der Gewalt zum Opfer fielen.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

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