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Gewalt im Fußballstadion : Polizeieinsatz mit Risiko

  • -Aktualisiert am

Randale nach 90 Minuten: Vermummte im Kölner Rhein-Energie-Stadion nach dem Bundesligaabstieg ihres Vereins am 5. Mai 2012. Polizisten sichern das Spielfeld. Bild: dpa

Muss die Polizei weiter alle Fußball-Spiele gebührenfrei vor brutalen Ausschreitungen schützen? Der nordrhein-westfälische Innenminister Jäger überrascht mit einem besonderen Erlass.

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          Der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) hatte eigentlich nicht vor, wegen eines Erlasses seines Hauses zum „Kräfteeinsatz beim Fußball“ zur Pressekonferenz zu bitten. Doch das Thema Fußball hat sich im Sommerloch 2014 zum bisher schönsten inländischen Aufregerthema entwickelt.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Seit der kleine und ewig klamme Stadtstaat Bremen in Erwägung zieht, den Vereinen verstärkte Sicherungsvorkehrungen bei Risikopartien in Rechnung zu stellen und dafür postwendend vom Deutschen Fußball-Bund ein geplantes Länderspiel entzogen bekam, schlagen die Emotionen hoch.

          Am Montag meldete dann die „Bild“-Zeitung unter Berufung auf einen „(noch) geheimen Erlass“, Nordrhein-Westfalen gehe nun viel weiter als Bremen. „Keine Polizei mehr in Bundesliga-Stadien!“ Nordrhein-Westfalen mache den Anfang. Und: „Spiele ganz ohne Beamte!“ Es las sich wie eine neue Eskalationsstufe.

          Jäger: Menschen können sich weiter auf Sicherheit verlassen

          Innenminister Jäger steht am späten Montagvormittag vor einer dichten Fernseh-Kameraphalanx und versucht gleich zu Beginn, Luft aus der Sache zu lassen. Die Polizei sorge auch in Zukunft für die Sicherheit beim Fußball, sagt der nordrhein-westfälische Innenminister. „Darauf können sich die fußballbegeisterten Menschen in unserem Land verlassen.“

          Um die Polizei aber weiterhin dort präsent zu halten, wo sie gebraucht wird, müsse man den Kräfteeinsatz optimieren. Das sei schon deshalb nötig, weil in der Saison 2014/2015 in den ersten drei Fußballligen 231 und damit 21 Spiele mehr als in der vergangenen Saison auf dem Programm stünden. Zudem sind zwei Westvereine in die erste Liga aufgestiegen.

          Polizei im Dauereinsatz

          Allein durch den Wiederaufstieg des 1. FC Köln kommt es zu insgesamt sechs weiteren Derbys (die Hin- und Rückspiele gegen Schalke, Dortmund und Mönchengladbach), bei denen die Polizei mit vielen Kräften präsent sein muss. „Das macht deutlich, wir müssen nicht weniger Kräfte einsetzen, sondern unsere Kräfte anders verteilen und Kosten begrenzen“, sagt Jäger und verspricht: „Wir sparen nicht.“

          Unterm Strich müsse man sogar mehr Kräfte einsetzen. Die „Einsatzdichte“ bei Risikospielen bleibe unangetastet, gegen Gewalttäter gehe die Polizei weiterhin konsequent vor. Zudem gehe es in dem Erlass seines Hauses lediglich um ein Pilotprojekt für die Dauer von vier Spieltagen.

          Will ein neues Konzept: Der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger
          Will ein neues Konzept: Der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger : Bild: dpa

          Tatsächlich soll die differenzierte Kräfteverteilung laut Erlass „bis vorläufig zum 27. September“ überprüft werden. Weniger Polizeikräfte sollen nur bei solchen Partien zum Einsatz kommen, bei denen es in den vergangenen drei Jahren friedlich geblieben ist. Als Beispiel nennt Jäger die Begegnungen von Bayer Leverkusen und Mainz 05.

          Stets eng einzubinden sind laut Erlass die sogenannten „polizeilichen Netzwerkpartner“ als die Verein und Fußballverbände und Fanclubs. Generell will Jäger Fußball-Vereine und Fans mehr in die Verantwortung nehmen. In den Stadien sollen die Sicherheitsdienste für Ruhe und Ordnung sorgen.

          Und auch bei Spielen, bei denen noch Bereitschaftspolizisten eingesetzt werden, sollen sie sich „lageabhängig nach Möglichkeit verdeckt aufstellen bzw. insbesondere in der Begleitung von Fußballanhängern zurückhaltend eingesetzt“ werden, heißt es in dem Erlass.

          Fans sollen eingebunden werden

          Das geht offensichtlich auf die „guten Gespräche mit Fans“ zurück, von denen Jäger am Montag berichtet. „Sie haben mir gesagt, dass sie glauben, dass Spiele mit mehr Eigenverantwortung in der Kurve friedlicher bleiben.“ Deshalb heißt es im Erlass auch: „Bereitschaftspolizei wird anlassunabhängig nicht offen im Stadion gezeigt.“

          Brutal und stolz darauf: Anhänger der Frankfurter Eintracht feiern sich als „Deutscher Randalemeister 2011“
          Brutal und stolz darauf: Anhänger der Frankfurter Eintracht feiern sich als „Deutscher Randalemeister 2011“ : Bild: imago sportfotodienst

          Ausdrücklich lobt der Minister auch die Vereine. Warf er ihnen früher vor, sie verließen sich allzu oft auf „Rundum-Sorglospakete“ der Polizei, nähmen sich die Klubs des Themas Fussballgewalt an. Als „gutes Beispiel“ nennt Jäger den 1. FC Köln. „Der Verein hat intensiv in die Ultra-Szene kommuniziert, Jene Ultra-Vereinigung, die durch viele Straftaten auffiel, ist heute isoliert. Das zeigt, dass Vereine sehr viel Einfluss haben auf ihre Anhängerschaft.“

          Wie hoch die Wogen beim Thema Polizei im Stadion mitunter schlagen, war vor gut einem Jahr „auf Schalke“ deutlich geworden. Damals empfanden Schalke-Fans einen Polizei-Einsatz im Stadion unangemessen und griffen die Beamten heftig an.

          80 Verletzte „auf Schalke“

          Es kam zu einer verhängnisvollen Dynamik mit 80 Verletzten. Innenminister Jäger überraschte dann selbst Parteifreunde mit einem Schnellschuss: Die Polizei solle sich bis auf weiteres bei Heimspielen des FC Schalke 04 aus dem Stadion zurückziehen. Erst auf Vermittlung der Deutschen Fußball-Liga konnte der Streit zwischen Jäger und Schalke beigelegt werden.

          Seine jüngsten Pläne hat Jäger nach eigenen Angaben auch mit dem Liga-Präsidenten und dem Generalsekretär des DFB abgesprochen. „Ich erinnere daran, dass wir noch vor zwei Jahren eine Situation zwischen Innenministern und DFL sowie DFB hatten, in der die Luft bleihaltig war. Da sind wir inzwischen wesentlich weiter.“

          Jäger: Pläne in Bremen „rechtlich und politisch falsch“

          Dem Gesprächsklima ebenfalls zuträglich dürfte sein, dass Jäger, der derzeit auch Vorsitzender der Innenministerkonferenz ist, die Gebühren-Pläne Bremens am Montag zurückweist. Er halte den Vorschlag aus Bremen für „rechtlich und politisch“ falsch.

          Risikospiel: Gewaltbereite Anhänger des Hamburger SV werden von Polizisten daran gehindert zu Fans von Werder Bremen zu gelangen
          Risikospiel: Gewaltbereite Anhänger des Hamburger SV werden von Polizisten daran gehindert zu Fans von Werder Bremen zu gelangen : Bild: dpa

          Wenn man Gebühren für Polizeieinsätze bei Fußballspielen verlange, müsse man das auch bei Schützenfesten und jedem größeren Stadtfest tun. „In einem Rechtsstaat ist es Aufgabe der Polizei dafür Sorge zu tragen, dass Menschen im öffentlichen Raum friedlich und sicher feiern können.“ Der Bremer Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) wiederum fühlt sich durch das nordrhein-westfälische Pilotprojekt in seinem Kurs bestätigt: „Die Debatte zeigt, dass wir nicht alleine sind.“

          Zugleich übt Mäurer seinerseits Kritik an Nordrhein-Westfalen. Er sei aber dagegen, weniger Polizisten bei Spielen einzusetzen, sagt Mäurer der F.A.Z. „Wir wissen, dass das Risiko verletzter Beamten mit sinkendem Personaleinsatz steigt.“

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