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Gewalt im Fußballstadion : Nicht heilig

Derby-Einsatz: Polizisten beim Spiel Hannover gegen Braunschweig im November 2013 Bild: Daniel Pilar

Fußball ist ein nationales Kulturgut. Doch das mindert nicht die Verantwortlichkeit der Vereine und der Liga. Für außergewöhnliche Polizeikosten Gebühren zu verlangen ist weder unbekannt noch anstößig.

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          „Fußball ist unser Leben“, trällerte die deutsche Fußball-Nationalmannschaft zur WM 1974. Das war damals die brave Version von „So gehen die Deutschen“. Swing und Mode waren etwas anders, aber der Titel des Liedes stimmt auch heute noch. Die Macht des Fußballs ist beachtlich. Dass Präsident und Kanzlerin seine Bühne suchen, ist da nur eine Nebensache. Wenn der DFB die Muskeln spielen lässt, dann wird die Politik ganz klein. Das musste jetzt der Stadtstaat Bremen erfahren. Dabei ist dessen Vorstoß keineswegs neu, die Vereine an den Kosten für Polizeieinsätze bei risikoreichen Spielen zu beteiligen. Doch hatte sich die Liga sicher gefühlt, nachdem sie sich vor vier Jahren mit den Innenministern in einem Zehn-Punkte-Plan auf umfangreiche Maßnahmen zur Prävention geeinigt hatte. Jetzt wird dem armen Bremen gar mit ewigem Länderspielentzug gedroht.

          Keine Frage: Die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung rund um Großereignisse ist Aufgabe des Staates. Aber natürlich ist auch und zunächst der Veranstalter in der Pflicht. Bei der notwendigen Debatte über die Kosten der Polizeieinsätze bei Fußballspielen geht es nicht um die Privatisierung von Sicherheit, sondern um Verantwortung. Es ist eben nicht so, dass die mit schlimmer Regelmäßigkeit auftretenden Ausschreitungen gar nichts mit Fußball zu tun hätten, wie immer wieder behauptet wird. Gute Stimmung und Gewalt liegen mitunter nicht weit auseinander.

          Dass Fußball ein nationales Kulturgut ist, für das etwa mit den Gebühren jedes deutschen Haushalts Hunderte Millionen Euro pro Saison für Übertragungsrechte im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ausgegeben werden, mindert nicht die Verantwortlichkeit der Vereine und der Liga. Natürlich sind nicht sie es, welche die öffentliche Ordnung stören. Aber es ist unserem Recht weder unbekannt noch ist es anstößig, für außergewöhnliche Polizeikosten Gebühren zu verlangen. Vorschläge wie die, einen „Sicherheitseuro“ oder eine Pauschale zu erheben, sollten nicht gleich auf kleinkarierte Weise verdammt, sondern vom DFB und der Liga als Aufforderung verstanden werden, noch mehr zur Verhinderung und Eindämmung der Gewalt zu tun. Diese Gewalt ist für einige Anhänger der schönsten Nebensache offenbar die Hauptsache. Fußball mag unser Leben sein, heilig ist er nicht.

          Reinhard Müller
          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

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