https://www.faz.net/-gpf-776db

Gewalt gegen Polizisten : Heule, heule Gänschen

  • -Aktualisiert am

Denn Behr bestreitet, was die Gewerkschaften seit Jahrzehnten predigen. Erstens: Die Gewalt gegen Polizisten wird immer schlimmer. Zweitens: Die finanzielle Not der Polizei wird immer größer. Alles ein großes, heulendes Elend. Behr versteht, dass Polizisten Sorgen haben. Hat ja schließlich jeder. Was ihn ärgert, ist das permanente Jammern der Gewerkschaften. Wer dauernd alle Welt auf seine Opferrolle hinweise, würde eben wie ein Opfer behandelt. Niemand will sich einem Loser unterordnen, erst recht nicht, wenn der dafür bezahlt wird, stark zu sein. „Instrumentell“ nennt Behr das Gegreine.

Nach dem Motto: Wer am lautesten lärmt, wird von den meisten gehört. Und Aufmerksamkeit bringt Geld. „Kollegen kämpfen für Kollegen“, wirbt eine Gewerkschaft. Womit keiner wirbt: Kollegen kämpfen auch gegen Kollegen, um Mitglieder. 170.000 hat die GdP, halb so viele die DPolG. Beide wollen mehr. Dafür müssen sie lärmen.

Als Rainer Wendt vor sechs Jahren Bundesvorsitzender der DPolG wurde, lautete einer seiner Dienstaufträge: Medienpräsenz erhöhen. Denn die DPolG war ja immer nur die Nummer zwei, sie ist es bis heute: später gegründet als die GdP, und weniger Mitglieder. Wendt will möglichst oft in die Medien. Er weiß, dass das Aufmerksamkeit bringt von Politikern, die etwas für ihn tun sollen, und von Polizisten. Gute Werbung.

Wenn Wendt braungebrannt aus dem Marokko-Urlaub zurück in sein Büro kommt, schmeißt er gleich am ersten Tag die Werbemaschine wieder an. Alle sollen wissen: Der Wendt ist zurück. Darum ruft er zum Beispiel einen Journalisten an und sagt: „Soll’n wir mal ’ne schöne Geschichte machen?“ Wendt fordert dann höhere Strafen für die Bösen oder mehr Personal für die Guten, und der Journalist hat eine Exklusiv-Story: „Und hinterher sind alle zufrieden.“ Fernsehjournalisten loben Wendt, weil er polemischer ist als der GdP-Chef. Der muss sehen, dass er trotzdem gehört wird.

Wendt sagt, dass der Respekt vor der Polizei bei vielen Deutschen weg sei, weil sogar Politiker das Handeln der Polizei öffentlich in Frage stellten. Deswegen soll niemand lautstark die Polizei kritisieren. Der Hamburger Professor aber hat das getan. Horror für die Gewerkschaften. Behrs Vorwurf macht ihnen das Geschäft kaputt.

Je größer die Gefahr, desto sicherer die Privilegien

Fast niemand in der Polizei traut sich, Tacheles zu reden. Kritik wird als Schwächung betrachtet, Kritik aus den eigenen Reihen gar als Hochverrat. Wenn sie dann noch auf das Jammern zielt, geht es schlimmer nicht mehr. Denn mal angenommen, es wäre alles gar nicht sooo furchtbar: Dann könnte ja bei der Polizei gespart werden. Die zwei wichtigsten finanziellen Privilegien von Polizisten sind aus der Gefährlichkeit ihres Berufs hergeleitet: die Polizeizulage und die freie Heilfürsorge. Die Zulage ist eine Pauschale, die jeder Polizist bekommt, der eine Waffe tragen darf.

Und freie Heilfürsorge bedeutet: kostenlose Krankenversicherung. Je größer die Gefahr, desto sicherer die Privilegien. Dafür wird auch schon mal bei der Beweisführung getrickst. Vor einem Jahr rief im Polizeimagazin „Streife“ der Inspekteur der Polizei von Nordrhein-Westfalen alle Kollegen auf, bei einer Befragung mitzumachen, Thema: „Gewalt gegen Polizeivollzugsbeamtinnen und -beamte“. Im Editorial nahm er das Ergebnis allerdings gleich mal vorweg: „Die Hemmschwelle zur Gewaltanwendung ist gesunken.“ Den „sehr geehrten Kolleginnen und Kollegen“ bescheinigte er vorsorglich schon mal ein „professionelles und deeskalierendes Einschreiten“.

Weitere Themen

Traumatisierte Kinder altern schneller

Spuren der Gewalt : Traumatisierte Kinder altern schneller

Gewalterfahrungen in jungen Jahren zeigen sich auf vielfältige Weise. Sie verursachen nicht nur psychischen Störungen. Sie lassen auch die Körperzellen schneller altern und hinterlassen bisweilen sogar Spuren im Gehirn.

Topmeldungen

Präsident Wladimir Putin nimmt am Freitag von seiner Residenz Nowo-Ogarjowo aus an einer Kabinettssitzung teil.

Proteste in Belarus : Droht eine Intervention Moskaus?

Für den Kreml ist die Lage in Belarus ambivalent – das zeigen auch die Reaktionen aus Moskau. Die große Frage ist, was Putin macht, wenn Lukaschenka ernstlich gefährdet ist.
Ermittlungen: Apotheker und Ärzte werfen dem Angeklagten vor, Verfahren gegen sie aufgebläht zu haben (Symbolbild).

Frankfurter Korruptionsaffäre : Mediziner erheben schwere Vorwürfe

In der Korruptionsaffäre um einen Frankfurter Oberstaatsanwalt sollen Ermittlungen nur geführt worden sein, um Geld zu generieren. Das könnte sich noch zu einem weitaus größeren Skandal auswachsen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.