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Gewalt gegen Journalisten : Unter Feinden

  • -Aktualisiert am

Attacke mit Krücken: Ein Demonstrant und Reporter am Wochenende in Chemnitz Bild: Reuters

Bei der AfD-Demonstration in Chemnitz haben die Pöbeleien gegen Reporter eine neue Qualität erreicht. Woher kommt die Wut auf Journalisten? Ein Erfahrungsbericht.

          Neuerdings müssen Reporter zu einigen AfD-Veranstaltungen mit Leibwächtern und Helmen erscheinen. Ganz so, als würden sie von der Front berichten. Am Wochenende war ich in Chemnitz und habe über die gemeinsame Demonstration von AfD und Pegida berichtet. Schon vorher war ich als Reporter auf Veranstaltungen der AfD und anderen rechten Vereinigungen. Ich wurde dort unzählige Male beleidigt und angepöbelt. Das gehört gewissermaßen dazu, schon seit ich zum ersten Mal als Reporter für die „Oberhessische Presse“ über das Studierendenparlament berichtet habe und mich ein Abgeordneter des konservativen RCDS nach einer Plenarsitzung fragte, warum ich mich für die Presse verhure.

          Ich denke, Menschen aus dem rechten Lager tendieren besonders stark dazu, sich von der Presse eingeschüchtert zu fühlen. Aber von einer körperlichen Bedrohung war ich bisher doch immer weit entfernt gewesen. Und so fand ich es zunächst ein wenig lächerlich, als mir auf der AfD-Demo zwei Fotografen im Laufschritt entgegenkamen, Helme auf dem Kopf, mit geduckter Körperhaltung. Da hatte ich meinen Schreibblock und meinen Laptop noch in der Tasche, man konnte mich also noch nicht als Journalisten erkennen. Kurz bevor der Schweigemarsch losging, erkannte ich einen Reporter vom ZDF. Ich überlegte ihn anzusprechen, aber einer seiner Begleiter musterte mich schon mürrisch. Wer am Samstag in Chemnitz mit einer teuren Kameraausrüstung unterwegs war, hatte häufig auch einen grimmigen Muskelmann bei sich, um sich gegen aggressive Demonstranten zu versichern.

          „Aber IHR macht mich ja auch aggressiv!“

          Und das war alles andere als lächerlich: Keine zehn Minuten dauert es, bis ebenjener ZDF-Reporter von einem Demonstranten mit knallrotem Gesicht in ein „Gespräch“ verwickelt wurde. Das Gespräch bestand zunächst darin, dass der Demonstrant sich mit dem Rücken zum Reporter stellte und Witze über ihn machte. Mit dem Daumen zeigte er über seine Schulter auf den Reporter, vor ihm ein Kreis männlicher Demonstranten, die jeden flachen Witz mit höhnischem Gelächter quittierten. Der Reporter tat, als telefoniere er oder vielleicht telefonierte er auch wirklich. Bis der Mann mit dem knallroten Gesicht sich schließlich dem ZDF-Mann zuwandte und ihm irgendwas von Lügenpresse ins Gesicht brüllte. Morgen werde man ja wieder lesen, die Demonstranten seien aggressiv. Ja gut, er selbst sei jetzt auch aggressiv, räumt er ein. „Aber IHR macht mich ja auch aggressiv!“ Lachen.

          Was die Demonstration vom Samstag, die eigentlich ein Schweigemarsch hätte sein sollen, so unangenehm für Journalisten gemacht hat, war das Gefühl allein unter Menschen zu sein, die einen zum Erzfeind erkoren haben. Keiner der Demonstranten nahm den Mann mit dem roten Kopf zur Seite, nur Lachen über den Reporter, der scheinbar vor der Argumentationskunst eines Pöblers einknickte. Viele AfD-Sympathisanten nehmen für sich in Anspruch, besorgte Bürger zu sein und das mag vielleicht sogar stimmen. Aber zumindest am Samstag sind neben Bürgern auch viele grimmige Glatzköpfe mitgelaufen, die eindeutig verfassungsfeindliche Symbole getragen und sich mit Polizisten geprügelt haben. Das ist alles andere als bürgerlich und wenn diese Leute zu den üblichen „Lügenpresse!“, „Lügenpresse!“ – Rufen angesetzt haben, dann ist eine überwiegende Mehrheit der Demonstranten in das Grölen eingestiegen.

          Ohnehin: Dass Lügenpresse-Rufe die beliebtesten Sprechchöre auf einer Demonstration waren, die doch eigentlich dem Gedenken an einen Toten gewidmet war, ist schon skurril. Woher dieser Hass kommt, darüber kann man nur spekulieren, denn kaum einer der Demonstranten wollte mit mir sprechen, wenn ich mich als Journalist zu erkennen gegeben habe. „Schreiben Sie dann, dass ich einen dümmlichen Sachsen-Dialekt habe?“, fragte mich eine Frau, als ich mit ihr ins Gespräch kommen wollte. Vielleicht bringt ihre Frage das Problem auf den Punkt. Ich selbst wohne in Leipzig und kenne einige Journalisten in der Stadt – genau wie ich sind das alles gebürtige Westdeutsche. Und manchmal, im privaten Kreis, rutscht da tatsächlich mal ein billiger Witz über den sächsischen Zungenschlag raus.

          Ich habe zwar den Eindruck, dass die meisten Journalisten sehr gewissenhaft arbeiten, aber unter den AfD-Anhängern überwiegt das Gefühl, unverstanden zu sein. Vielleicht ist das ein Resultat der unterschiedlichen Lebenswelten, aus denen Journalisten und AfD-Anhänger so häufig kommen. Und so bekam ich am Samstag ständig zu hören: „Ihr verreißt uns hier“ oder „Ihr bezeichnet uns als Nazis.“ Auch unaufgefordert, wenn ich durch meinen Schreibblock als Reporter zu erkennen war. Die meisten waren höhnisch, einige aufgebracht. Reporter von „t-online“, des „MDR“, der „Zeit“, von „Stern-TV“ und des ARD-Magazins „Monitor“ wurden am Samstag in Chemnitz angegriffen. Meinen Laptop habe ich nur in der Nähe von Polizisten rausgeholt. Später, als die Demonstration bei der Karl-Marx-Statur stoppen musste, fragte mich ein Mann aus einem Grüppchen heraus, warum ich mich verstecken würde, wieder quittiert vom Lachen der Menge. 

          Und ja: das hat mich tatsächlich eingeschüchtert. Jeder Mensch hat Angst, wenn er umringt ist von Menschen, die einen ganz offen hassen. Das ist es, was einen tatsächlich besorgten Bürger umtreiben sollte: Wenn Journalisten in deutschen Großstädten Helme und Leibwächter brauchen, um zu berichten. 

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