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Gewalt an der Schule : „Der Intensivtäter wird zum Vorbild“

  • -Aktualisiert am

Kein Mittel gegen Gewalt: „Perspektivisch auflösen” Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Lehrer werden gedemütigt, Schüler verweigern das Lernen. Die Berliner Rütli-Schule steht nach einem Hilferuf des Lehrerkollegs unter Polizeischutz. Alltag der Gewalt an einer Hauptschule in Neukölln.

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          Daß es in Berlin Problemschulen mit Problemschülern gibt, und zwar besonders in Gegenden mit hohem Einwandereranteil, ist für Bildungssenator Klaus Böger keine Neuigkeit. Doch der Hilferuf eines ganzen Lehrerkollegs mit der Bitte, die Hauptschule in dieser Form „perspektivisch aufzulösen“ hat den SPD-Politiker nun so überrascht und erschüttert, daß er zu drastischen Sofortmaßnahmen griff.

          Vor der Rütli-Hauptschule im Bezirk Neukölln stehen jetzt Polizisten, die Waffen und Wurfgeschosse einsammeln, zwei Schulpsychologen und zwei Sozialarbeiter werden eingesetzt, um Lehrer und Schüler zu therapieren, ein Schulleiter wird importiert, um „zivilisatorische Grundsätze durchzusetzen“. Das sagte Böger auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz, nach der ihm die Oppositionsparteien CDU und FDP vorwarfen, er habe mit dem Notstand an der Rütli-Schule sogar die „Spitze des Eisbergs“ übersehen.

          Lehrerschaft: „Wir sind ratlos

          Zur Diskussion steht wieder einmal, welche Perspektiven Hauptschulen bieten können, an denen schlechte und sozial auffällige Schüler konzentriert sind. Keine Katastrophe und kein Amoklauf hat sich an der Rütli-Schule ereignet, vielmehr geht es um den Alltag: Aggressivität, Respektlosigkeit und Ignoranz herrschten vor, Lehrer würden gezielt beworfen, müßten per Handy aus dem Unterricht Hilfe rufen.

          Hilferuf aus der Rütli-Schule
          Hilferuf aus der Rütli-Schule : Bild: dpa/dpaweb

          Viele Schüler lehnten jegliches Lernen ab und verhielten sich „menschenverachtend“, ein geordneter Unterricht sei vielfach nicht möglich. So steht es in einem Brief, den das Lehrerkolleg schon Ende Februar an verschiedene Stellen verschickt hat und von dem Böger nach eigenen Angaben erst jetzt aus der Presse erfahren hat. Ausgerechnet die Lehrer, die stets eine Antwort parat haben sollen, schrieben darin: „Wir sind ratlos.“

          Die Schule liegt nur wenige hundert Meter vom Paul-Linke-Ufer entfernt, wo Touristen gerne mit Blick auf den Landwehrkanal ins Cafe gehen und Betuchtere in Lofts wohnen. Doch bündeln sich hier die Probleme von Einwandererkindern aus islamisch geprägten Familien und von Lehrern, die ihnen durch Bildung eine Zukunft in Deutschland ermöglichen sollen so stark wie an nur wenigen anderen Orten in der Hauptstadt. 83,2 Prozent der Schüler kämen aus Familien „mit Migrationshintergrund“, rechnete die Lehrer vor, wobei Schüler aus arabischen Familien die größte Gruppe bildeten.

          „Machtkampf um Anerkennung“

          Von den Eltern komme keine Hilfe dabei, Normen und Regeln durchzusetzen. Der Auftrag der Schule, den Jugendlichen den Weg ins Leben zu ebnen, beschreibt das Lehrerkolleg als Utopie: „In den meisten Familien sind unsere Schüler die einzigen, die morgens aufstehen. Wie sollen wir ihnen erklären, daß es trotzdem wichtig ist, in der Schule zu sein und einen Abschluß anzustreben? Sie sind vor allem damit beschäftigt, sich das neueste Handy zu organisieren, ihr Outfit so zu gestalten, daß sie nicht verlacht werden, damit sie dazugehören. Schule ist für sie auch Schauplatz und Machtkampf um Anerkennung. Der Intensivtäter wird zum Vorbild. Es gibt für sie in der Schule keine positiven Vorbilder. Sie sind unter sich und lernen Jugendliche, die anders leben, gar nicht kennen. Hauptschule isoliert sie, sie fühlen sich ausgesondert und benehmen sich entsprechend.“

          Die Zusammensetzung der Schülerschaft und die alltäglichen Schwierigkeiten haben längst in einen Teufelskreis geführt: Von Lehrern und Schülern der benachbarten Realschule wird die Rütli-Hauptschule gemieden, die Lehrer sind häufiger krank als an anderen Schulen, der Posten des stellvertretenden Schulleiters konnte mangels Bewerbern seit Jahren nicht besetzt werden.

          Hauptschule „perspektivisch auflösen“

          Seit Anfang 2006 ist die Schulleiterin wegen einer schweren Krankheit ausgefallen, sie geht nun in den vorzeitigen Ruhestand. Böger will deshalb den Leiter einer anderen Hauptschule mit „Feuerwehrfunktion“ an der Rütli-Schule einsetzen, vom Sommer an soll eine neue Leitung stehen. Zudem müsse geprüft werden, ob es nicht besser sei, die Hauptschule mit der Realschule zu fusionieren, worauf auch das Lehrerkolleg mit der Bitte, die Hauptschule „perspektivisch aufzulösen“, hofft.

          Das Vorhaben dürfte auf Widerstand stoßen und würde das Grundproblem nicht lösen. „Eine schwierige Klientel kann man nicht organisatorisch beseitigen“, sagte Böger und beschwor Optimismus: An vielen der sechzig Berliner Hauptschulen sei die Lage besser, an manchen hätten Schüler und Lehrer Wunder vollbracht. Eine Entwicklung zum Besseren müsse auch an der Rütli-Schule möglich sein.

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