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Getöteter Flüchtling : Ein falscher Verdacht mit Folgen

Beerdigung von Khaled Idriss Bahray auf einem Friedhof in Berlin. Bild: dpa

Nach der Tötung eines Flüchtlings aus Eritrea wurden vorschnell Rechtsextreme verdächtigt. Das hat die Stimmung in der Nachbarschaft vergiftet, beklagen andere Asylbewerber aus Dresden. Sie wollen weg.

          Im Wohnzimmer der fünf jungen Männer lässt sich das Drama nur erahnen, das sich vor wenigen Tagen im Hinterhof des Hauses abgespielt hat. Zwei Betten stehen in dem Gemeinschaftsraum, für Privatsphäre fehlt Samuel, Tesfay und den anderen der Platz.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Die Afrikaner sitzen um einen Holztisch und sprechen nur leise. Die Frauenstimme, die aus dem kleinen Fernseher in der Ecke tönt, verstehen sie nicht, an den Wänden hängen christliche Ikonenbilder im Postkartenformat. 

          „Wir sitzen den ganzen Tag in der Wohnung und gehen kaum raus“, sagt einer der Männer. Die Geschichte, die die Flüchtlinge aus Eritrea zu erzählen haben, handelt von falschen Verdächtigungen gegen angebliche rechtsradikale Mörder und einer vergifteten Stimmung in ihrer Nachbarschaft, unter der sie heute zu leiden hätten.

          Die Leiche von Khaled Idriss Bahray wurde im Hinterhof des Plattenbaus im Dresdner Stadtteil Leubnitz-Neuostra gefunden. Gut zwei Wochen ist das jetzt her. Die Männer im Wohnzimmer haben ihn gekannt.

          Wie sie stammte der 20 Jahre alte Flüchtling aus Eritrea, er wohnte nur ein paar Stockwerke tiefer in einer anderen Wohnung für Asylbewerber.

          Zunächst hatte die Polizei mitgeteilt, dass es keine Hinweise auf eine Dritteinwirkung gibt, aber eine Obduktion vorgenommen werden soll. Später gab sie dann bekannt, dass Khaled Idriss Bahray durch Messerstiche in Hals und Brust getötet worden ist.

          Danach ging alles Schlag auf Schlag. Der Asylbewerber war noch nicht beerdigt, da war das Urteil für viele schon gesprochen: Es kann nur ein Rechtsradikaler gewesen sein, der den Muslim erstochen hat.

          Die islamkritischen Pegida-Demonstrationen in der sächsischen Landeshauptstadt, Berichte über nicht von der Hand zu weisende rassistisch motivierte Übergriffe in der Stadt und Hakenkreuz-Schmierereien am Haus der Flüchtlinge – auf den ersten Blick passte all das gut zusammen.

          Im Internet machte sich Empörung breit. Am Samstag nach der Mord gingen in Dresden mehr als 3000 Menschen aus Solidarität mit dem Ermordeten und gegen Rassismus auf die Straße.

          Der Verdacht, dass Rechtsextreme hinter der Tat stecken, marschierte mit. Viele Demonstranten streckten Bilder des Getöteten in die Höhe, andere den Schriftzug „Je suis Khaled“.

          Aus dem fernen Berlin zeigte der Grünen-Bundestagsabgeordnete Volker Beck die Ermittler wegen möglicher Strafvereitelung im Amt an, da die Polizei erst 30 Stunden nach der Tat mit der Spurensicherung begonnen habe.

          Die Gewalttat war zu diesem Zeitpunkt längst ein Politikum und die Flüchtlinge aus Eritrea – die erst seit vier Monaten in Deutschland sind – mittendrin in einer innenpolitischen Debatte über Pegida, Rechtsradikale und Asylpolitik. „Wir wussten doch vor dem Mord gar nicht, was Pegida überhaupt ist“, sagt einer der jungen Männer am Wohnzimmertisch.

          Deutschland, das sei in ihrer Vorstellung immer ein sicheres Land gewesen und nach ihrer langen Flucht hätten sie sich in Dresden endlich „angekommen“ gefühlt.

          Der gewaltsame Tod eines Landsmanns sei auch deshalb ein Schock gewesen. Und plötzlich wollten alle mit ihnen reden, Behörden und Initiativen, Politiker und Journalisten. Bei allen Fragen und allem Interesse, das auf sie einstürzte, habe immer der Verdacht mitgeschwungen, dass hinter der Bluttat wohl rassistische Motive stecken.

          Ende vergangener Woche löste sich dieser Verdacht dann in Luft auf. Ein Mitbewohner des Flüchtlings wurde festgenommen und gestand nach Angaben der Staatsanwaltschaft Dresden die Tat. „Streit um die Haushaltsführung“ habe der mutmaßliche Täter als Motiv angegeben.

          Die Stimmung in der Siedlung ist vergiftet

          Für die wilden Spekulationen vor der Festnahme hat die Staatsanwaltschaft wenig Verständnis. „Die falschen Verdächtigungen haben unsere Arbeit erschwert“, sagt Staatsanwalt Jan Hille. Die kritischen Fragen und Vorwürfe von Politikern hätten rasch beantwortet werden müssen und unnötig Kapazitäten gebunden.

          Das habe verhindert, dass die Ermittler in Ruhe arbeiten konnten. Auch der aus der eher rechten Ecke geäußerte Verdacht, der Mord habe mit dem Drogenmilieu zu tun und das Opfer Rauschgift im Blut gehabt, sei falsch.

          Nicht nur die Staatsanwaltschaft ärgert sich. Die Vorverurteilung hat auch für sie Folgen, sagen die Flüchtlinge aus Eritrea, die im Haus verblieben sind. Sie fühlen sich dort nach eigenen Angaben nicht mehr wohl.

          Weil sich die Nachbarn durch die falschen Verdächtigungen angegriffen und beleidigt fühlten, würden sie jetzt „Hass spüren“. Gesät hätten diesen Hass diejenigen, die zu schnell über mögliche Täter und Tatmotive geurteilt hätten.

          Weil die Situation für sie kaum zu ertragen sei, wollen die Flüchtlinge nicht in dem Haus bleiben, sondern an einem Ort, an dem sie niemand kennt, am liebsten weg aus Dresden. Darum wollen sie nun an diejenigen im Sozialamt appellieren, die für ihre Unterbringung zuständig sind.

          Zur Wahrheit gehört, dass auch der mutmaßliche Täter und dessen Mitbewohner den Verdacht gegen rechte Täter geschürt haben. Er habe große Angst und vermute einen rassistischen Hintergrund, gab der Mann zu Protokoll, der nun in Untersuchungshaft sitzt.

          Die Mitbewohner des Opfers und des mutmaßlichen Täters wurden inzwischen auf andere Flüchtlingsunterkünfte verteilt. Auch die fünf Flüchtlinge aus dem Obergeschoss haben nach der Tat mitdemonstriert. Doch heute sagen sie, dass sie sich instrumentalisiert fühlen von denjenigen, die eine rechte Gewalttat vermutet haben. Sie seien überfordert gewesen von all den Fragen und Verdächtigungen gegen die angeblichen Täter.

          Nun sei die Stimmung in ihrer Umgebung vergiftet, sie fühlten sich alleine gelassen und verängstigt. Vergangenen Samstag wurde Khaled Idriss Bahray in Berlin beerdigt. Die fünf Flüchtlinge waren dabei, viele der Menschen, die in Dresden demonstriert haben, nicht. Es kamen nur rund 250 Menschen zu der Trauerfeier.

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