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Asylrecht : Gesundheitskarte für alle

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Gesundheitsschädliche Zustände in den Unterkünften

„Das Leben in der Gemeinschaftsunterkunft macht krank“, sagt eine der Ärztinnen. Für Menschen mit geschwächtem Immunsystem oder chronischen Krankheiten kann es sogar gefährlich sein: Ein Tumorpatient, der eine Chemotherapie bekommt, muss sich dort die Toiletten mit vielen anderen teilen. Dabei würde er penible Sauberkeit benötigen. Oder ein Diabetiker, der im Sechs-Bett-Zimmer lebt: Er muss sich regelmäßig Spritzen setzen, schämt sich aber vor den anderen. Also schludert er. Die Folge sind schlechte Zuckerwerte. Für manchen Kranken hat das Team der Missionsärztlichen Klinik erreicht, dass er früher als vorgesehen in eine Sozialwohnung ziehen durfte.

Manchmal kann das Team der Flüchtlings-Sprechstunde allerdings nur wenig tun. Zum Beispiel für den kräftigen Mann in Jogginghose und Muskel-Shirt, der jetzt in das Arztzimmer kommt. Die Arzthelferin kennt ihn schon, er kommt regelmäßig. Der Mann stammt aus Aserbaidschan, er ist etwa Mitte 40. Er zeigt auf rote Flecken an den Armen und an seinem Bauch. „Ich Schmerzen, ich nicht schlafen, ich alle Tage sitzen und so machen.“ Er zeigt, wie er sich kratzt. Er ist ungehalten: „Hautarzt sagt, geht wieder weg, aber geht nicht weg.“ Er ist sauer: „Ich warten schon so lange. Wenn ich noch länger warten, ich tot.“ Die Arzthelferin besänftigt ihn. Heute kann sie ihm nur eine Salbe geben. Es war schon eine Ausnahme, dass der Mann überhaupt eine Überweisung zum Hautarzt bekam. Der Mann ist immer noch ungehalten. Er redet weiter, schwer verständlich. Jetzt stellt sich heraus, was er eigentlich will: Er bekommt nur durch ein Nasenloch Luft. Früher war er Boxer. Im Kampf wurde seine Nase verletzt. Jetzt will er sie richten lassen. Das Sozialamt trägt die Kosten nicht. Mit der Krankenkassen-Karte wäre das jedoch kein Problem.

Die eingeschränkte medizinische Versorgung kann aber auch schlimme Folgen haben. Das zeigte sich beim Masern-Ausbruch im Winter in Berlin. Asylbewerber aus Bosnien-Herçegovina und Serbien, die in ihren Heimatländern nicht geimpft worden waren, brachten die Krankheit mit. Die schnelle Ausbreitung gefährdete auch die einheimische Bevölkerung, ein Kleinkind starb. Zwar bezahlen die Kommunen Asylbewerbern die Impfung gegen Masern. Doch wenn sie nicht wegen akuter Schmerzen ohnehin zum Arzt gehen oder der Arzt die Impfung vergisst, findet sie nicht statt. Routine-Impfungen in allen Erstaufnahme-Einrichtungen gibt es bisher nicht.

Zugleich wird der Missbrauch des hiesigen Gesundheitssystems mit der Versichertenkarte für Asylbewerber leichter. So kommt es vor, dass Menschen aus Osteuropa Asyl beantragen, weil sie hoffen, dass ein krankes Familienmitglied in Deutschland besser behandelt werden kann. Das gelingt auch, zumindest für die Dauer des Verfahrens. Ein marodes Gesundheitssystem im Herkunftsland kann aber kein Asylgrund sein. Sonst müsste Deutschland Kranke aus vielen Staaten der Welt aufnehmen.

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