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Gesine Lötzsch : Die Kreisvorsitzende und der Kommunismus

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Wo bitte geht`s hier zum Kommunismus? Lafontaine, Gysi, Lötzsch und Ernst am Sonntag in Berlin Bild: REUTERS

Gesine Lötzsch hat einen Aufsatz geschrieben und auch ihre Parteifreunde irritiert. Seit Mai ist sie Vorsitzende der Linkspartei. Noch ist ihr nicht viel gelungen. Nun hat sie sich mit ihrem Auftritt „nicht koalitionsfähig“ gemacht.

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          Gesine Lötzsch kommt überpünktlich, sie ist die Erste. Sie hat es noch nicht raus, dass Spitzenpersonal andere grundsätzlich warten lässt. An den großen Kreuzungen im Berliner Osten wünscht ihr Konterfei von drehenden Reklametafeln herab „ein pantherstarkes 2011“. Nicht viele Bundestagsabgeordnete markieren ihren Wahlkreis wie ein Revier. Um zehn nach neun Uhr am Sonntag steht die Vorsitzende der Linkspartei mit ihrem kleinen Tross vor dem Zentralfriedhof Berlin-Friedrichsfelde, in einen schwarzen wattierten Mantel gekleidet, mit dickem weinrotem Schal.

          Am zweiten Januarsonntag ehrte die PDS und ehrt seit 2007 auch die Linkspartei in der „Gedenkstätte der Sozialisten“ Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Es ist ein „stilles Gedenken“. Aus den Lautsprechern schallt der russische Trauermarsch „Unsterbliche Opfer“, die Führungskräfte der Partei legen Kränze ab und geben vorher und nachher Interviews, während Zehntausende gemächlich herbeischlendern, rote Nelken niederlegen und danach bei Glühwein und Erbsensuppe die aktuelle Lage diskutieren. Wer das Milieu der alten PDS sehen will, trifft es bei „Karl und Rosa“. Üblicherweise ist es dann eiskalt. In diesem Jahr aber herrscht Tauwetter in Berlin.

          Als Metapher stammt „Tauwetter“ aus den kommunistischen Zeiten, unter Chruschtschow gab es Tauwetter, und gleich nach Ulbricht auch in der DDR. In der vergangenen Woche rief Gesine Lötzsch die Eiszeit in Erinnerung, indem sie sich zur Rosa-Luxemburg-Tagung der „Jungen Welt“ einladen ließ und vor ihrem Auftritt bei der Podiumsdiskussion zur Frage „Wo bitte geht's zum Kommunismus?“ einen Aufsatz publizierte, ohne darin ein Wort für dessen Opfer zu finden. An der Diskussion nahm sie am Samstag dann nicht teil. Aber sie erschien immerhin, was begeistert quittiert wurde.

          Gesine Lötzsch auf der Rosa Luxemburg Konferenz in der Urania in Berlin: Sie äußerte sich zu „sechs Fragen”

          Sogar Egon Krenz erhob sich ihr zu Ehren

          Sogar Egon Krenz, den die PDS 1990 aus der Partei ausgeschlossen hat, erhob sich ihr zu Ehren. Frau Lötzsch erfand dann noch ein neues Format: Sie äußerte sich zu „sechs Fragen“, stellte sie sich selbst und beantwortete sie sogleich, von heftigem Applaus unterbrochen. „Wir sollten ausgesprochen dankbar sein“, sagte die Bundestagsabgeordnete Ulla Jelpke zur Begrüßung, sie rechne es ihrer Parteivorsitzenden „hoch an, dass sie überhaupt hier ist“. Am Ende sagte Frau Jelpke: „Diese Fragen hätte ich ihr auch gestellt.“ Kaum war Frau Lötzsch abgetreten, hörte man, wer der wirkliche Star des Abends war: Der Beifall für Inge Viett, die frühere Terroristin, übertraf den für Frau Lötzsch bei weitem. Bevor die geplante Diskussionsrunde zusammentrat, wurde Brechts „Lob des Kommunismus“ vorgetragen, der „das Ende der Verbrechen“ sei, „das Einfache, das schwer zu machen ist“.

          Dass der Kommunismus die Begründung für Verfolgung, Unrecht und Mord war, darauf wiesen in den vergangenen Tagen Sprecher der Linkspartei, vor allem aus den ostdeutschen Landesverbänden, hin. Schon die PDS wollte keine kommunistische Partei mehr sein; vor der Gründung der Linkspartei wehrte sich die WASG sogar gegen den Begriff demokratischer Sozialismus, für den Frau Lötzsch in ihrem Aufsatz wirbt.

          So unausweichlich sieht sich Gesine Lötzsch

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