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Aktuelle Statistik vorgestellt : 2018 fast 3500 Behandlungsfehler

Ärzte während einer Operation (Symbolbild). Bild: dpa

Die Prüfer der gesetzlichen Krankenkassen haben im vergangenen Jahr knapp 2800 Behandlungsfehler bestätigt, in deren Folge Patienten ein Schaden entstand. Einige medizinische Fachgebiete sind besonders häufig vertreten.

          Es sind Geschichten, die man sich gerne erzählt: Wie der Chirurg aus Versehen das falsche Knie operierte, wie bei einem anderen Eingriff ein Tupfer im Bauchraum des Patienten zurückblieb, wie zwei Patienten schlicht verwechselt wurden und ganz andere Medikamente erhielten als vorgesehen. Behandlungsfehler kommen in deutschen Krankenhäusern und Arztpraxen immer wieder vor, doch nur selten werden solch krasse Fälle verzeichnet.

          Kim Björn Becker

          Redakteur in der Politik.

          Die meisten Fehler sind weniger gravierend und weniger spektakulär, und doch können Patienten dadurch einen Schaden erleiden. Für das vergangene Jahr konnten die Krankenkassen das in fast 2800 Fällen nachweisen, wie am Donnerstag bekanntgegeben wurde.

          In Berlin hat der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) die aktuelle Behandlungsfehlerstatistik vorgestellt. Grundlage des Reports waren mehr als 14.000 Fälle, in denen die Kassen ein Gutachten anfertigen ließen, da ihnen von einem mutmaßlichen Behandlungsfehler berichtet wurde. In knapp jedem vierten Fall, also rund 3500 Mal, bestätigten die MDK-Prüfer den Verdacht der Versicherten, falsch behandelt worden zu sein. Doch nicht immer entstand den Patienten dabei auch ein Schaden. Dies konnten die Prüfer in etwa 2800 Fällen nachweisen.

          „Nur ein kleiner Ausschnitt“

          Das sei jedoch „nur ein kleiner Ausschnitt“, sagte Stefan Gronemeyer, der leitende Arzt des MDK. Allgemeine Aussagen über das Risiko eines Behandlungsfehlers ließen sich daraus nicht ableiten, da die Dunkelziffer hoch sei. „Wissenschaftliche Studien gehen davon aus, dass auf jeden festgestellten Behandlungsfehler etwa 30 unentdeckte Fälle kommen“, sagte Gronemeyer am Donnerstag in Berlin.

          Die meisten mutmaßlichen Behandlungsfehler beziehen sich auf Operationen, darum betrafen zwei Drittel aller Vorwürfe von Patienten die deutschen Krankenhäuser, nur ein Drittel aller Eingaben gründete auf der Behandlung in der Praxis eines niedergelassenen Arztes. Folglich zeigt auch die Verteilung auf bestimmte Fachgebiete eine klare Tendenz: Fast jeder dritte Vorwurf eines Behandlungsfehlers betraf die Disziplinen Orthopädie und Unfallchirurgie, 13 Prozent die Innere Medizin und die Allgemeinmedizin, jeweils neun Prozent die Allgemein- und Bauchchirurgie sowie die Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Acht Prozent aller Eingaben basierten auf zahnmedizinischen Eingriffen, fünf Prozent bezogen sich auf die Pflege.

          Zugleich warnte der MDK davor, aus dieser Verteilung darauf zu schließen, dass die Versorgung in bestimmten Bereichen generell risikobehafteter sei als in anderen. „In Fachgebieten, in denen häufig Behandlungsfehler vorgeworfen werden, werden anteilsmäßig nicht die meisten Fehler bestätigt“, sagte  Astrid Zobel, leitende Ärztin des MDK in Bayern. Häufungen von Meldungen würden vielmehr etwas darüber aussagen, wie Patienten die Behandlungen erlebten – und da seien Mängel bei chirurgischen Eingriffen oft leichter erkennbar als zum Beispiel Medikationsfehler.

          Statistik der Ärzte zeichnet ähnliches Bild

          Nicht nur die Krankenkassen erfassen über den MDK die Behandlungsfehler, auch die Ärzteschaft selbst hat das Thema im Blick. Anfang April hat die Bundesärztekammer eine eigene Statistik vorgestellt, der zufolge die einzelnen Kammern im vergangenen Jahr 1858 gemeldete Behandlungsfehler bestätigt haben. In knapp 1500 Fällen ist den Patienten dadurch ein Schaden entstanden, gaben die Ärzte zu Protokoll, in 88 Fällen starben die Patienten sogar.

          Bei der Struktur der Vorwürfe zeigen sich Parallelen zu der Statistik der Krankenkassen. Von den knapp 7000 Meldungen angeblicher Behandlungsfehler, welche die Kammern im vergangenen Jahr erreichten, betrafen mehr als 5200 die Krankenhäuser und nur knapp 1700 die niedergelassenen Ärzte. Auch in der Statistik der Ärzte mussten sich Unfallchirurgen und Orthopäden am häufigsten für die Ergebnisse ihrer Behandlungen rechtfertigen, gefolgt von Allgemeinmedizinern und Internisten.

          Die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, Maria Klein-Schmeink, sagte, die Zahlen der Krankenkassen seien nur „die Spitze des Eisbergs“. Nach wie vor fehle „echte Transparenz“. Die Grünen fordern, dass eine unabhängige Stelle in Deutschland alle mutmaßlichen Behandlungsfehler untersucht. Die Bundesregierung sei gefordert, „Strukturen der Fehlervermeidung einzuführen, damit Behandlungsfehler zum einen erkannt werden, und zum anderen aus diesen Fehlern gelernt wird“, sagte Klein-Schmeink. Auch die Hürden für Patienten bei der Durchsetzung von Schadensersatz seien weiterhin zu hoch. Die Beweislast müsse herabgesetzt werden, zudem solle ein Härtefallfonds geschaffen werden, der Patienten dabei unterstützt, ihre Rechte durchzusetzen.

          Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung des Textes hieß es, Maria Klein-Schmeink wolle die Beweislast bei mutmaßlichen Behandlungsfehlern umkehren. Sie setzt sich aber dafür ein, die Hürden herabzusetzen. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

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