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Gesetz zur Beschneidung : Nicht von dieser Welt

Trotz des mit großer Mehrheit beschlossenen Gesetzes wird eine Beschneidung in Deutschland nicht wieder normal sein, auch wenn sie erlaubt ist. Womöglich wird sich das Bundesverfassungsgericht damit beschäftigen.

          Nach Ansicht der Bundesjustizministerin führt das jetzt beschlossene Beschneidungsgesetz „in die Normalität zurück, die bis zum Mai dieses Jahres für alle selbstverständlich war“. Das ist sicherlich die Absicht von Regierung und Parlamentsmehrheit. Aber eine Beschneidung wird in Deutschland nicht wieder normal sein, auch wenn sie erlaubt ist. Zu viel ist im Verlauf einer Debatte nach oben gespült worden, die nach einer vermeintlichen Allerweltsentscheidung einer Kammer des Kölner Landgerichts begann und dann tatsächlich alle Welt erfasste.

          Freilich ist die Beschneidung für die betroffenen Gläubigen, also Muslime und vor allem Juden, nicht von dieser Welt, sondern göttliches Gebot oder eine daraus folgende mehrtausendjährige Übung, von der sie ihren männlichen Nachwuchs nicht ausnehmen wollen. Gerade das Wohl der Knaben wird für diesen nicht unerheblichen und nicht mehr rückgängig zu machenden Eingriff ins Feld geführt.

          Auf das Kindeswohl berufen sich freilich auch die zahlreichen Gegner der Beschneidung wie auch der jetzt beschlossenen Regelung. Bemerkenswerterweise knüpft sie die Entfernung der Vorhaut an Bedingungen, sieht aber von jeder Begründungspflicht ab. Religiöse Motivation ist also keine conditio sine qua non.

          Im Parlament fanden sich die Kritiker vor allem auf der politischen Linken. Nun gibt es auch dort wertkonservatives Denken, doch ist natürlich ebenso ein antireligiöser Reflex im Spiel - der auf der anderen Seite die Kirchen geschlossen auf die Seite der orthodoxen Juden und Muslime trieb und sie für die Beschneidung eintreten ließ. Denn indirekt kämpfen auch sie um eigene, womöglich überkommene Riten und Rechte, die sie durch fortschreitende Individualisierung und Säkularisierung bedroht sehen.

          Auch Rechtspolitiker geben hinter vorgehaltener Hand zu, dass das Beschneidungsgesetz nie so ergangen wäre und niemals die Entfernung der Vorhaut neugeborener Jungen durch einen Nichtmediziner erlauben würde, wenn eine fremde, neuartige Religionsgemeinschaft diese Praxis zu ihrem Gebot erklärte. Womöglich wird das Gesetz daher dereinst das Bundesverfassungsgericht beschäftigen. Aber die Politik handelt nicht im historisch und (außen-)politisch luftleeren Raum. Die körperliche Unversehrtheit des einzelnen Kindes muss hinter der Unantastbarkeit der deutsch-jüdischen Symbiose zurückstehen.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“, „Staat und Recht“ sowie Frankfurter Allgemeine Einspruch.

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