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Geschwister Scholl : Justizmord innerhalb von vier Tagen

Sophie Scholl verabschiedet am 23. Juli 1942 Freunde und Mitglieder der „Weißen Rose”, die in einer Studentenkompanie zum Sanitätsdienst an die Ostfront abkommandiert wurden. Bild: George (Jürgen) Wittenstein / a

Im Spätwinter 1943 war das Scheitern der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg abzusehen. In diesem Moment der Schwäche wurden die Geschwister Scholl – im Grunde schwache Gegner – zu hochgefährlichen Feinden.

          Der Widerstand während der Zeit des Nationalsozialismus hat viele Facetten. Während sich die Militärverschwörer, die schließlich am 20. Juli 1944 ein Attentat auf Adolf Hitler verübten, oft jahrelang mit der Frage gequält haben, ob Tyrannenmord zu rechtfertigen sei, welche Rolle der Eid spielte, den sie auf den „Führer“ 1934 geleistet hatten, haben andere sich einfach empört und sind aktiv geworden.

          Peter Sturm

          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

          Die einen planten eine neue Regierung für ein neues Deutschland, die anderen sehnten ein besseres, ein anständiges Deutschland herbei, ohne genau zu wissen, wer dieses repräsentieren solle.

          So unterschiedlich die Widerständler auch waren, war der nationalsozialistische Machtapparat allemal stark genug, die relativ wenigen Aufrechten aufzuspüren und erbarmungslos zu bestrafen. Auch im nationalsozialistischen Deutschland zeigte sich, dass solche Regime besonders dann extrem brutal vorgehen, wenn man sie in einem Moment der Schwäche angreift.

          Ein solcher war im Spätwinter 1943 gegeben. In Stalingrad war Anfang Februar eine ganze Armee untergegangen, mutwillig geopfert von der Führung. In Nordafrika war gleichzeitig die militärische Niederlage für die deutschen Truppen absehbar. Zwar ist nicht anzunehmen, dass im Grunde allen – wie nach 1945 oft und gern behauptet wurde – völlig klar war, dass der Krieg für Deutschland spätestens jetzt verloren war. Aber ein allgemeines Klima der Unsicherheit darf schon angenommen werden.

          Und so etwas ist für eine Regime, das zu einem guten Teil seine Reputation auf den Glauben an seine Macht und die Unfehlbarkeit des „Führers“ stützte, kurzfristig potentiell gefährlicher als viele militärische Aktionen der Gegenseite.

          Sie gehörten zu den Tapferen

          In einer solchen Situation werden im Grunde schwache Gegner zu hochgefährlichen Feinden. Sophie und Hans Scholl, Studenten aus München, und ihre Freunde, die sich unter dem Namen „Weiße Rose“ zusammengefunden hatten, waren – objektiv – schwache Gegner des Regimes. Aber sie gehörten zu jenen Tapferen, die es wagten, die Wahrheit nicht nur zu denken, sondern sie mit ihren bescheidenen Mitteln auf öffentlich zu machen. In ihrem letzten Flugblatt stehen beispielsweise die bitteren Sätze: „330.000 deutsche Männer hat die geniale Strategie des Weltkriegsgefreiten sinn- und verantwortungslos in Tod und Verderben gehetzt. Führer, wir danken dir!“

          Wer weiß, wie viele Deutsche zugestimmt hätten, wären ihnen diese Sätze bekannt gewesen. Das Regime jedenfalls war auf das Höchste alarmiert, denn solche Gedanken sollten sich auf keinen Fall verbreiten. Für die NS-Juristen erfüllten sie den Tatbestand der „Wehrkraftzersetzung“, ein angeblich todeswürdiges „Verbrechen“.

          1953, zehn Jahre nach der Hinrichtung der Mitglieder der „Weißen Rose“, wird vor der Aula der Münchner Universität der Toten gedacht.

          Sophie und Hans Scholl gehörten nicht zu den Menschen, von denen in der Rückschau gesagt wird, sie seien „von Anfang an“ gegen das nationalsozialistische Regime gewesen. Im Gegenteil. Beide engagierten sich in der Hitlerjugend beziehungsweise im Bund Deutscher Mädel. Aber sie ließen sich eben auch in Parteiuniform nicht das selbständige Denken verbieten. Das unterschied sie von der Masse der Deutschen.

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