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Judenpogrome im Mittelalter : Undzer shtetl brent

  • -Aktualisiert am

Eine jüdische Kaufmannsfamilie wird verbrannt, weil sie Hostienfrevel begangen haben soll: Detail einer 1465 für eine Kirche in Urbino geschaffenen Altarpredella von Paolo Uccello. Bild: Picture-Alliance

Der Antisemitismus, der auch in Deutschland wieder für besorgniserregende Vorfälle sorgt, hat tiefe Wurzeln. Schon im Mittelalter kam es zu grausamen Judenverfolgungen.

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          Als die Daumenschrauben nicht zu den gewünschten Geständnissen führten, zog man daraus nicht etwa den Schluss, dass die Vorwürfe abwegig, sondern dass die Daumenschrauben unzulänglich waren. Man versuchte es also mit anderen, altbewährten Methoden. So schnitt man den verdächtigen Juden die Waden auf und goss heißes Pech hinein, man verbrannte ihnen die Fußsohlen, „bis das bloße Bein zu sehen war“, wie der Chronist vermerkt, und trieb die Malträtierten unter Hieben durch die Stadt. Kein Wunder, dass die Verhörten dann doch alles gestanden, was man ihnen vorgeworfen hatte: dass sie heimlich die Brunnen vergiftet hatten mit rotem, grünem und schwarzem Pulver, dass sie dazu von einem Rabbiner angestiftet worden waren und dass überhaupt alle Juden im Alter von sieben Jahren in das Geheimwesen der Brunnenvergiftung eingeführt werden.

          Die Judenverfolgungen, die im September 1348 in den Städten am Oberrhein begannen, waren nicht die ersten, unterscheiden sich aber in mancherlei Hinsicht von den früheren, stärker religiös motivierten Pogromen, etwa den Gewaltexzessen am Ende des elften Jahrhunderts, als die ersten Kreuzfahrer in religiösem Fanatismus die Juden, die sie auf dem Weg gen Süden in allen deutschen Städten antrafen, als „Gottesmörder“ umbrachten. 250 Jahre später war die Ausgangslage anders. Juden genossen in den meisten Fürstentümern und in allen Reichsstädten einen gewissen Schutz, der zwar nicht verhinderte, dass eine soziale und gewerbliche Ausgrenzung fortbestand, der ihnen aber doch Rechtssicherheit und begrenzte Freiheiten garantierte, seit Friedrich II. 1236 die Juden zu „Kammerknechten“ erklärt und sie damit unter seinen persönlichen Schutz gestellt hatte.

          Erkauft war dieser Schutz freilich mit einer zynischen Judensteuer, die in manchen Fällen einer Schutzgelderpressung gleichkam, vor allem dann, wenn der König, in chronischer Geldnot, das Recht zur Erhebung der Steuer an lokale Herrscher verpfändet hatte. In Rothenburg ob der Tauber etwa galten im 14. Jahrhundert für Juden achtmal höhere Steuersätze als für Christen. Lokale Abgaben für Wehranlagen und Stadtverwaltung konnte man den Juden zusätzlich abpressen, obwohl sie selbst weder Waffen tragen noch höhere Ämter bekleiden durften. Ihnen blieb nichts anderes übrig als zu zahlen, was immer verlangt wurde.

          Juden wurden für die Pest verantwortlich gemacht

          Doch die teuer erkaufte Sicherheit erwies sich als leeres Versprechen, als die Pest ab der Jahreswende 1347/48 von Südeuropa nach Norden zog und sich immer rascher ausbreitete. Erst in Marseille und dann in der Provence und Katalonien raffte die Krankheit in kürzester Zeit Tausende hin. Ein Drittel der etwa 15 Millionen Deutschen fielen in jenen Jahren dem „Schwarzen Tod“ zum Opfer. Noch schneller als die Krankheitserreger aber verbreiteten sich die Gerüchte, nach denen die Juden an der Seuche schuld sein sollten, vermutlich durch die Vergiftung der Brunnen. Dafür gab es zwar keinerlei konkrete Anzeichen, aber die rätselhafte, hochansteckende und tödliche Krankheit forderte eine Erklärung und schrie förmlich nach einem Sündenbock. Während die Geißler, die damals durch die Städte zogen, in der Krankheit eine Strafe Gottes sahen und zur Buße aufriefen, war die bequeme Erklärung, die Juden steckten hinter der Pest, ungleich populärer.

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