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Geschichte der Grünen : Die Erneuerbaren

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Rohkost währt am längsten: Winfried Kretschmann (l.) und Wolf-Dieter Hasenclever im Jahr 1983 auf einer Parteiveranstaltung Bild: picture-alliance / dpa

Nach zahllosen Häutungen ist aus den Grünen eine staatstragende Partei geworden. Am Donnerstag soll Winfried Kretschmann zum ersten Ministerpräsidenten der Parteigeschichte gewählt werden. Die Grünen sind also angekommen. Nur wollten sie auch dorthin?

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          „Ich hatte eine glänzende Karriere als Politiker vor mir“, hat sich Jahrzehnte später Wolf-Dieter Hasenclever erinnert. Als junger Mann war er, man schrieb das Frühjahr 1980, nach dem Ministerpräsidenten Lothar Späth der bekannteste aktive Politiker in Baden-Württemberg. Er war Sprecher der Grünen im Landtag geworden und galt als einer, von dem Zeitungen schrieben, dereinst werde er wohl Ministerpräsident werden können. Er war nicht linksradikal, hatte ein verbindliches Auftreten, freundliche Manieren und gute Kontakte zu Medien. Doch seine Bekanntheit wurde ihm geneidet. Seine Gegner in der Partei unterstellten, er sei von Daimler-Benz „gekauft“, weil er, was nicht stimmte, einen Dienstwagen jener Firma gehabt habe. „Basisgruppen“ nannten sich die Gegner. „Ich war empört.“ Und: „Ich habe es nicht durchgehalten. Ich habe es nicht durchhalten wollen.“ Später noch, als er längst die von ihm mitgegründete Partei verlassen hatte und in die FDP eingetreten war, sollte Hasenclever von „Schlammschlachten“ sprechen.

          Hasenclever war der erste Vorsitzende der Grünen im Landtag in Stuttgart, und er war der erste Grünen-Fraktionsvorsitzende in einem Flächenstaat der Bundesrepublik Deutschland überhaupt. Im März 1980 waren sie in den Landtag gekommen, wenige Wochen nachdem der Parteitag zur Gründung der Bundespartei zu Wahlkampfzwecken eigens in Baden-Württemberg abgehalten worden war. In der Rückschau dokumentierte der Ort des Geschehens (Karlsruhe) eine erste Anpassung an die von ihnen als „Altparteien“ bezeichnete Konkurrenz und deren Praxis, ihre Bundesparteitage gern in solchen Ländern abzuhalten, in denen Wahlen bevorstehen. Es war eine selbst für grüne Verhältnisse ziemlich wilde Veranstaltung gewesen, was der jungen Partei zwar schadete, den Einzug in den Landtag aber nicht verhinderte.

          Kretschmann und Hasenclever - Grüne Ausnahmeerscheinungen

          Geschichten aus grauer Vorzeit I: Frühjahr 1980. Stuttgart. Die Landtags-CDU wollte die Rechte der Grünen im Landtag beschneiden. Durch eine Änderung der Geschäftsordnung wurde eine Mindestzahl von Abgeordneten eingeführt, die zur Bildung einer Fraktion erforderlich sei und die, was das Ziel war, die sechs Grünen-Politiker nicht erreichten. Es ging um Finanzmittel, um die Zahl der Mitarbeiter und um parlamentarische Rechte – Redezeiten, das Stellen von Anfragen an die Landesregierung, Vertretung im Ältestenrat. Sogar Büros sollten die Grünen nicht bekommen, was Hasenclever mit der Drohung konterte, sie würden mit Zelten kommen und diese im Landtagsgebäude aufschlagen. Erwin Teufel, damals CDU-Fraktionsvorsitzender, war Hasenclevers Widerpart. Am Ende hatte die „Gruppe“ im Wesentlichen dieselben Rechte wie die Fraktionen. Immerhin: Auf den Dienstwagen verzichtete Hasenclever – ein Zugeständnis, wie er sich erinnert, damit Teufel die übrigen Verhandlungsergebnisse in seiner eigenen Fraktion durchsetzen könne.

          Winfried Kretschmann soll an diesem Donnerstag zum ersten Ministerpräsidenten der Grünen gewählt werden

          Auch Winfried Kretschmann gehörte zu Hasenclevers Gruppe. Die beiden waren Ausnahmeerscheinungen unter den Grünen – vergleichsweise bürgerlich, nicht in Freund-Feind-Kategorien denkend, aufgeschlossen sogar für eine Regierungsbeteiligung. Baden-Württemberger eben. Auch Kretschmann wurde Fraktionsvorsitzender. Auch er hatte, obwohl er ganz früher durch die Kaderschule der harten Auseinandersetzungen innerhalb des Kommunistischen Bundes Westdeutschland (KBW) gegangen war, nach vier Jahren innerparteilicher Auseinandersetzungen genug von der Landespolitik. Freilich: Kretschmanns Kreisverband hatte auch vergessen, dessen Wahlunterlagen rechtzeitig einzureichen. Er wurde (wieder) Lehrer, was er – womöglich – heute noch wäre, hätte ihn nicht Joseph Fischer, „Joschka“ genannt, 1986 als Referent für Grundsatzfragen in das hessische Umweltministerium geholt. Kretschmann also blieb in der Politik.

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