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Gerüchte im Internet : Wie Falschmeldungen die Terrorangst schüren

Trauer am Tatort in München: Ein Meer aus Blumen und Kerzen vor dem Olympia-Einkaufszentrum in München. Bild: dpa

Nach der Serie von Gewaltakten in Deutschland schießen in den sozialen Netzwerken Falschmeldungen und Gerüchte ins Kraut. Fakten spielen dabei keine Rolle, solange es gegen Regierung und Behörden geht.

          Würzburg, München, Reutlingen und jetzt Ansbach: Zum vierten Mal innerhalb nur einer Woche hat eine beispiellose Bluttat Deutschland erschüttert. Die Ermittlungen laufen in allen Fällen noch, die Taten hängen mit großer Sicherheit nicht miteinander zusammen – doch in dem aufgeheizten Klima der Verunsicherung gedeihen Verschwörungstheorien und Falschmeldungen wie selten zuvor.

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Schon am Freitagabend, als die Meldungen über eine Schießerei im Olympia-Einkaufszentrum in München sich verbreiteten und die Angst vor einem großen Terroranschlag mit jeder Minute größer wurde, gingen binnen kurzem unzählige Notrufe wegen vermeintlicher weiterer Schießereien bei der Polizei ein. Teils entsprangen sie echter, berechtigter Sorge, teils schürten sie womöglich auch bewusst Panik. Schnell verbreitete sich auch auf Twitter das Gerücht, am Karlsplatz sei ein „weiterer“ Anschlag geplant; auch dort habe es eine Schießerei gegeben, Panik sei ausgebrochen.

          Selbst wenn die Polizei wenig später Entwarnung geben konnte: Das vielstimmige Summen des Zweifelns und des Misstrauens, das Medien wie Twitter und Facebook in solchen Momenten kennzeichnet, verstarb auch danach nur langsam. Und die Polizei, die an jenem Abend ohnehin jenseits ihrer Kapazitätsgrenze arbeitete, war mit großem Personalaufwand einem falschen, vielleicht sogar bewusst gestreuten Alarm nachgegangen.

          Irgendwann an diesem schrecklichen Abend wurde es der Münchner Polizei schließlich zu bunt: „Mieses Spiel mit der Angst“, twitterte sie in ungewöhnlich scharfer Diktion – und kündigte ein hartes Vorgehen gegen Falschmeldungen an: „Personen, die solche Gerüchte in die Welt setzen, dürfen sich schon mal warm anziehen. Die Ermittlungen laufen.“

          „CNN straft deutsche Medien Lügen!“

          Wie schnell sich auch offensichtliche Falschmeldungen im Internet verbreiten und danach kaum noch aus dem Netzbewusstsein zu tilgen sind, zeigt auch der Fall CNN. In der wirren Nachrichtenlage des Amoklaufs von München vermeldete der amerikanische Sender am späten Freitagabend, der Täter habe in dem Schnellrestaurant „Allahu akbar“ gerufen und danach gezielt auf Kinder geschossen. Der Sender bezog sich auf eine angebliche Augenzeugin, die diesen Ausruf mitbekommen haben will – bestätigt wurde er bis heute nicht. In Deutschland nahmen zumindest die meisten Qualitätsmedien die Meldung nicht auf, weil es keine zweite Quelle für sie gab.

          Am Samstag bestätigten die Ermittler dann auch offiziell, dass es nach ihren Erkenntnissen keine Anhaltspunkte für eine islamistische Motivation der Tat gab. Doch davon ließen sich viele im Netz, die „dem System“ schon lange nur noch das Schlechteste zutrauen, selbst wenn es nur hypothetisch um Flüchtlinge geht, nicht beeindrucken. Viele fühlten sich sogar in ihrem Glauben bestätigt, dass die deutsche „Lügenpresse“ die wahren Hintergründe wieder einmal wissentlich vertusche. „Dummes Gequatsche in den deutschen Medien“ schrieb einer auf Twitter, „CNN straft deutsche Medien Lügen!“, ein anderer. Es dauerte nicht lange, bis die rechtspopulistische FPÖ in Österreich griff die Stimmung sogleich auf. „Schockierende Details auf CNN“, schrieb der Parteivorsitzende Heinz-Christian Strache auf Facebook. „Und noch immer gibt es die gefährlichen und unverantwortlichen Beschwichtigungsvertreter.“

          Polizei warnt vor „Panikmache auf Facebook“

          Es ist eine krude Allianz aus aufrichtig besorgten Bürgern, vom „System“ Enttäuschten und rechten Populisten, die die jüngste Serie von Gewaltakten nutzt, um Verschwörungstheorien zu streuen, Falschmeldungen zu verbreiten und Zweifel an der Rechtschaffenheit der Behörden zu säen. Und auch andere Beispiele aus den vergangenen Tagen zeigen, welche Mühe die Behörden haben, Falschmeldungen und gezielt gestreute Gerüchte im Internet wieder einzufangen – wenn es denn überhaupt gelingt.

          Auf Facebook machte nach dem Amoklauf in München ein Post mit einem Handyfoto die Runde, das die vermeintliche Festnahme eines Mannes in einem Linienbus in Wiesbaden zeigt. „Wie lange noch??“, hat der Nutzer darüber geschrieben, „will die Regierung die Gefahr tot schweigen??“ Und weiter: „Vor ungefähr drei Wochen hat die Polizei einen Bus der Linie 24 in Wiesbaden angehalten und einen Terroristen rausgeholt, der mit einem Sprengstoff Gürtel bestückt war.“ Und: “BITTE TEILEN TEILEN TEILEN!!!“ Der Post verbreitete sich rasend schnell, und viele in dem Netzwerk fühlten sich mal wieder in ihrer Ahnung bestätigt, dass „die Regierung“ ihren Bürgern bewusst etwas verheimliche und die „Terrorgefahr durch Flüchtlinge“ schönreden wolle.

          Doch das Foto war gefälscht, wie die hessische Polizei am Montag darlegte. „Vorsicht Panikmache – Falschmeldung auf Facebook“, schrieben die Beamten in dem sozialen Netzwerk, „man versucht die aktuellen Ereignisse in München für Angstmache in #Westhessen zu nutzen!“ Zwar habe der betreffende Einsatz auf dem Foto am 3. Juli tatsächlich stattgefunden, weil die Polizei eine Meldung erhalten habe, dass sich in einem Bus ein Mann mit Schutzweste befinde.

          Daraufhin sei der Bus angehalten und der Mann überprüft worden – es stellte sich heraus: Er trug keinen Sprengstoffgürtel, sondern tatsächlich eine Schutzweste, weil er für einen Sicherheitsdienst arbeitet. „Denkt bitte immer daran, dass es momentan leider viele Menschen gibt, die durch vielleicht sogar bewusste Falschmeldungen Panik in der Bevölkerung schüren wollen!“, schrieb die Polizei weiter.

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