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Organspenden : Es hakt in den Krankenhäusern

Eine Lebertransplantation im Klinikum der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main Bild: Wolfgang Eilmes

Nicht nur die Einstellung der Bevölkerung, sondern Engpässe in Krankenhäusern sind der Grund für die geringe Zahl der Organspenden. Die Politik hat daraus Konsequenzen gezogen – aber die wirken bisher kaum.

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          Die jüngsten Zahlen waren überraschend gut. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres verzeichnete die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) ganze 487 Spender, die nach dem Tod ihre Organe zur Verfügung stellten. Trotz Corona waren das etwa sieben Prozent mehr als zwischen Januar und Juni des Vorjahres. Die Zahl der entnommenen Organe stieg folglich auch, wenn auch nur um drei Prozent auf 1557. Es geht vor allem um Nieren, Lebern, Lungen, Herzen und Bauchspeicheldrüsen.

          Kim Björn Becker
          Redakteur in der Politik.

          Von einer „sehr positiven Entwicklung“ spricht Axel Rahmel, der Medizinische Vorstand der Frankfurter Stiftung. Die Organisation begleitet jede Organentnahme in Deutschland. Auch der Bundesgesundheitsminister nimmt die steigenden Spendezahlen erfreut zur Kenntnis. Man müsse, sagte Jens Spahn (CDU) Anfang Juni, den „Rückenwind aus der Debatte um die Organspende nutzen“.

          Im Bundestag hatte Spahn Anfang des Jahres eine schwere Niederlage hinnehmen müssen. Er trat sein Amt im Gesundheitsministerium mit dem Vorsatz an, die vielfach dürftigen Organspendezahlen zu erhöhen. In Deutschland werden seit Jahren deutlich mehr Spenderorgane benötigt, als zur Verfügung stehen. Viele Schwerkranke sterben, während sie noch auf der Warteliste stehen.

          Spahn wollte darum die Regeln für die Organentnahme grundlegend ändern. Doch sein Versuch, jeden Deutschen automatisch zum Spender zu erklären, solange dieser nicht aktiv widerspricht, scheiterte nach etlichen Diskussionen am Widerstand des Parlaments. Die Abgeordneten entschieden, dass es im Grundsatz so bleiben soll wie bisher: Wer Organe spenden will, muss das zu Lebzeiten so festlegen, etwa mit einem Organspendeausweis.

          Der Bundestag beschloss aber, dass ein neues Online-Register eingerichtet werden soll, in dem Willenserklärungen gleich welcher Art hinterlegt werden können. Insgesamt brachte die kontrovers geführte Debatte um die Widerspruchslösung dem Thema große Aufmerksamkeit ein. Aufmerksamkeit, die der Minister nun weiter nutzen will.

          Bis das geplante Online-Register da ist – dem die nicht unwichtige Funktion zugeschrieben wird, das Vertrauen der Bürger in die Verbindlichkeit ihrer Zustimmung oder Ablehnung zur Spende zu erhöhen –, wird es freilich noch etwas dauern. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen-Fraktion im Deutschen Bundestag hervor, die der F.A.Z. vorliegt.

          Die Engstelle in den Krankenhäusern

          Das Register soll beim Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte eingerichtet werden, einer Bonner Behörde im Geschäftsbereich von Spahns Ministerium. Dort wurde nach Angaben der Regierung bereits eine Projektgruppe geschaffen. Die Planungen des Registers befänden sich in der „finalen Konzeptionsphase“. Gerade werde eine Ausschreibung vorbereitet, die „im Herbst“ veröffentlicht werden soll. Tatsache ist aber: Für das wichtige Organspende-Register gibt es genau 3,5 Vollzeitstellen. Die Grünen sind unruhig. „Jetzt muss das Register zügig kommen“, mahnt ihre Ko-Vorsitzende Annalena Baerbock. Es sei ein „wichtiger Schritt“, um die persönliche Entscheidung jedes Einzelnen beim Thema Organspende zu wahren.

          Auch an einem anderen Punkt, an dem Spahn angesetzt hat, geht es nur langsam voran. Bevor er unter großem Geklingel zur Grundsatzdebatte aufrief, brachte er vergleichsweise geräuschlos ein wichtiges Gesetz durchs Parlament. Es basierte auf einer wichtigen Erkenntnis: Die Zustimmung der Deutschen zur Organspende ist in Umfragen seit Jahren hoch, trotzdem gibt es wenige Spender. Fachleute wiesen seit langem darauf hin, dass die Krankenhausstrukturen die eigentliche Engstelle im System sind.

          Einen Organspender als solchen zu erkennen ist medizinisch nicht trivial. Die erforderliche Diagnostik eines Hirntodes ist aus guten Gründen sehr aufwendig. Doch auf den Intensivstationen, wo in Frage kommende Patienten fast immer liegen, fehlte es oft an Personal. In der Hektik einer unterbesetzten Station konnten sich Ärzte und Pfleger oft nicht die nötige Zeit nehmen. Und ließen so vermutlich etliche Gelegenheiten verstreichen.

          Grüne fordern mehr Engagement von der Bundesregierung

          Dagegen wollte Spahn früh etwas tun. Bereits im Frühjahr 2019 trat ein Gesetz aus seinem Ministerium in Kraft, das die Krankenhäuser dazu verpflichtet, deutlich mehr Ärzte für das Thema Organspende freizustellen. Sogenannte Transplantationsbeauftragte sollen Patienten in Ruhe begutachten können, wenn diese möglicherweise als Spender in Betracht kommen. Zudem muss jede Klinik verbindliche Verfahrensabläufe festlegen, wie sie sich besser um das Thema Organspende kümmern kann. Es waren keine Bitten, die das Gesetz zur Zusammenarbeit und der Strukturen bei der Organspende (GZSO) formuliert. Die Vorgaben sind verbindlich, das Transplantationsgesetz wurde durch die Reform entsprechend geändert.

          Doch bei der Umsetzung der wichtigen Strukturreform hakt es gewaltig. Auch das geht aus der Antwort der Regierung auf die Anfrage der Grünen hervor. Von 1169 Krankenhäusern in Deutschland, die zur Organentnahme berechtigt sind, liegen der DSO detaillierte Angaben vor. Und die haben es in sich. Die gesetzlich vorgeschriebenen Verfahrensanweisungen sind mehr als ein Jahr nach dem Inkrafttreten des Gesetzes in 28 Prozent aller Kliniken noch nicht erstellt worden.

          In sieben Prozent der Häuser gibt es keine freigestellten Transplantationsbeauftragten, obwohl der Gesetzgeber etwas anderes verfügt hat. Insgesamt gibt es 1230 Entnahmekrankenhäuser. Zwölf Prozent von ihnen bekommen von der DSO keine finanziellen Mittel zur Freistellung von Ärzten als Transplantationsbeauftragte, weil sie keine oder unvollständige Informationen nach Frankfurt übermitteln.

          Diese Zahlen sind für Kirsten Kappert-Gonther, Gesundheitspolitikerin der Grünen, „mehr als unbefriedigend“. Die Möglichkeiten der Organspende würden auf diese Weise nicht voll ausgeschöpft, ist Kappert-Gonther überzeugt. „Wir brauchen optimal aufgestellte und entschlossen agierende Entnahmekrankenhäuser allerorts.“ Die Abgeordnete sieht die Bundesregierung in der Pflicht, mehr für die Umsetzung des Gesetzes zu tun. Diese müsse „deutlich mehr Engagement aufbringen“, um den positiven Trend bei den Spendezahlen zu verstärken.

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