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Gerechtigkeit : Gleichgewichtsstörungen

  • -Aktualisiert am

Kleidung, die nur Reiche und Schöne tragen sollen? Stecken wir doch mal Obdachlose da rein. Tolle Sache.

          3 Min.

          Für Sie war diese Woche ja vielleicht wieder nur so mittel: mittelgutes Wetter, mittelleckeres Schnitzel in der Kantine, Mittel-Metal im Radio. Im Kampf gegen die Ungerechtigkeit der Welt haben Sie sich wahrscheinlich auch nur mittelstark engagiert. Andere waren tapferer. Zwei Beispiele:

          Eine Grünen-Politikerin aus Berlin hat sich öffentlich gegen Schönheitswettbewerbe ausgesprochen. Sie findet es ungerecht, dass dort grundsätzlich Menschen ausgeschlossen werden, zum Beispiel Nichtsoschöne, Hundertachtjährige und - bei einer von ihr beispielhaft kritisierten Miss-Wahl in Berlin - Personen ohne deutsche Staatsbürgerschaft. Die Politikerin sagte, es entspreche nicht ihrem Menschenbild, dass anhand solcher Äußerlichkeiten selektiert werde.

          Und die amerikanische Modefirma Abercrombie & Fitch hat sich weltweite Proteste eingehandelt, weil bekannt wurde, dass einer ihrer Manager in einem Interview mal gesagt hat, nur schlanke und wohlhabende Menschen sollten Klamotten der Marke kaufen. Deswegen seien die Sachen teuer und nicht in XXL erhältlich. Viele fanden das ungerecht. Der Firmenchef bat nun demütig um Entschuldigung.

          In beiden Fällen, Miss-Wahl und Modemarke, setzten die Kritiker einen simplen Grundsatz voraus: Ungleichheit ist Ungerechtigkeit, und Ungerechtigkeit ist gemein. Es ist ja auch jeder der Überzeugung, einen normalen oder, wahrscheinlicher, sogar einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn zu haben. Keine Partei fordert „Mehr Ungerechtigkeit!“, das wäre in etwa so erfolgreich wie „Mehr Welpenquälerei!“.

          Das Problem ist bloß, dass mittlerweile andauernd Gerechtigkeit eingefordert wird, wobei eigentlich egal ist, was das sein soll, Hauptsache, etwas Verschiedenes wird gleichgemacht. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um die Konsequenz einer Entscheidung handelt (“Germanisten verdienen im Durchschnitt weniger als Mediziner - das ist ungerecht“) oder um ein Schicksal (“Kleine, dicke Mädchen sind bei Miss-Wahlen im Durchschnitt seltener erfolgreich als große, schlanke - das ist ungerecht“).

          Die Grünen-Politikerin aus Berlin kritisiert an Schönheitswettbewerben, dass Leute davon ausgeschlossen sind, die dem üblichen Schönheitsideal nicht entsprechen. Gutes Aussehen sei keine Leistung, die es zu honorieren gelte, sagt sie. Man fühlt sich gezwungen, sich sofort drei weinende Dicke vorzustellen, die - gerade, weil sie superschlau und supersensibel sind - ihre Nichtteilnahme an einem Wettbewerb nicht verkraften, in dem überdurchschnittliche Schönheit gefeiert wird. Wie es hübschen Dumpfbacken geht, die weder bei der Matheolympiade noch bei Jugend musiziert je weit kommen, weil sie zwar fleißig, aber null talentiert sind, interessiert kaum jemanden. Und was ist mit den hübschen dumpfbackigen Männermodels, die deutlich weniger Geld als Frauen für die gleiche Leistung kriegen?

          Besoffen vom Gerechtigkeitswahn

          Miss-Wahlen sind aus vielen Gründen meist üble Veranstaltungen. Aber nicht, weil dort festgestellt wird, dass manche Menschen nach manchen Maßstäben äußerlich attraktiver sind als andere. So ist es halt, man könnte auch sagen: Deal with it. Ein Menschenbild, in dem Normalos arme Schweine sind, nur weil sie niemals zur Miss Stupsnase gekürt werden dürften, hilft jedenfalls niemandem.

          Das Helfen ist aber leider eine große Leidenschaft der Gerechtigkeitsverfechter. Es soll dazu beitragen, irgendeine komische Art von Gleichgewicht wiederherzustellen (was nie gelingt, da die Leute, besoffen vom Gerechtigkeitswahn, chronische Gleichgewichtsstörungen haben). So war es auch im Falle von Abercrombie & Fitch. Nachdem bekanntgeworden war, dass die Firma sich reiche, schöne Kunden wünscht, besorgte sich ein Internetaktivist ein paar Klamotten der Marke und fuhr damit ins Armenviertel von Los Angeles. Dort nötigte er Obdachlosen die Sachen auf und filmte sie dabei, wie sie sich Pullis überzogen, die für Reiche und Schöne gemacht waren. Unter dem Motto „Fitch the Homeless“ stellte er das Filmchen ins Internet, wo es binnen vier Tagen mehr als sechs Millionen Mal angesehen wurde. Andere machten die Aktion nach und stellten Fotos von „ihren“ Obdachlosen ins Netz. Das sollte, äh, Gerechtigkeit herstellen.



          Ihre ekelhafte Selbstgerechtigkeit schien den Aktivisten nicht bewusst zu sein. Die Armen, deren Bedürftigkeit die Fairness-Visionäre ausnutzten, laufen nun in den ausgesprochen hässlichen Kleidungsstücken eines bescheuerten Unternehmens durch ihr Getto und müssen sich auch noch im Internet von aller Welt dabei zusehen lassen. Am einfachsten wäre es gewesen, das bescheuerte Unternehmen sein hässliches Zeug einfach weiter an die Leute verkaufen zu lassen, die es haben wollen. Im Übrigen kämpft weltweit kaum jemand dafür, dass es eine angemessene Auswahl schöner Damenschuhe in Größe 34 im normalen Schuhladen gibt. Sähe als Video bei Youtube wohl nicht so cool aus. Auch irgendwie ungerecht.

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