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Streit über Reformen : Bischöfe weisen Nazi-Vergleich von Kardinal Koch zurück

  • Aktualisiert am

Kurienkardinal Kurt Koch im Januar 2021 Bild: dpa

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bätzing, wirft Kurienkardinal Koch eine „völlig inakzeptable Entgleisung“ vor. Der hatte im Streit über Reformen eine Parallele zum Nationalsozialismus gezogen.

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          Ungewöhnlich scharf hat die Deutsche Bischofskonferenz einen Nazi-Vergleich des Schweizer Kurienkardinals Kurt Koch zurückgewiesen. „Die Vollversammlung der Bischöfe hat mit Entsetzen auf diese Äußerung reagiert, mit der sich Kardinal Koch in der theologischen Debatte disqualifiziert“, sagte der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Georg Bätzing, am Donnerstag in der Abschluss-Pressekonferenz zur Herbstvollversammlung der Bischöfe in Fulda. Es handele sich um eine „völlig inakzeptable Entgleisung“. Bätzing forderte eine umgehende öffentliche Entschuldigung von Koch und drohte andernfalls eine offizielle Beschwerde beim Papst an. Später teilte die Bischofskonferenz über einen Sprecher mit, Kardinal Koch habe Bätzing am Abend geschrieben. „Der Vorsitzende wird die Antwort von Kardinal Koch lesen und sich derzeit nicht äußern.“

          Koch ist ein einflussreiches Mitglied der römischen Kurie. In einem Interview der konservativen katholischen „Tagespost“ hatte der ehemalige Bischof von Basel dazu Stellung genommen, inwieweit die katholische Lehre gegebenenfalls aufgrund von neuen Erkenntnissen weiterentwickelt und angepasst werden kann. Er sagte dazu: „Es irritiert mich, dass neben den Offenbarungsquellen von Schrift und Tradition noch neue Quellen angenommen werden; und es erschreckt mich, dass dies – wieder – in Deutschland geschieht. Denn diese Erscheinung hat es bereits während der nationalsozialistischen Diktatur gegeben, als die sogenannten „Deutschen Christen“ Gottes neue Offenbarung in Blut und Boden und im Aufstieg Hitlers gesehen haben.“

          Bätzing sagte, Koch versuche schon seit einiger Zeit, das derzeitige Reformprojekt der deutschen Katholiken, den Synodalen Weg, zu delegitimieren. So habe er die Mitglieder der Synodalversammlung mehrheitlich als Funktionäre bezeichnet. „Im Sinne der Sache und im Sinne der Gläubigen der katholischen Kirche in Deutschland, die sich im Synodalen Weg engagieren, erwarte ich von Kardinal Koch eine öffentliche Entschuldigung für diese völlig unakzeptable Weise einer Formulierung“, sagte Bätzing. „Wenn diese öffentliche Entschuldigung nicht umgehend geschieht, werde ich eine offizielle Beschwerde beim Heiligen Vater einreichen.“

          Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, am 26. September in Fulda
          Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, am 26. September in Fulda : Bild: EPA

          Die Äußerungen von Koch – wiewohl im Ton beispiellose – stehen nicht für sich, sondern fügen sich in eine Serie von Angriffen des Vatikans gegen den Synodalen Weg ein. Zuletzt hatte der päpstliche Botschafter in Berlin, Nikola Eterović, die Bischöfe in einem Grußwort zu Beginn ihres Treffens in Fulda vor „Parlamentarismus“ gewarnt. Außerdem erinnerte er sie daran, dass der Vatikan kürzlich erklärt hatte, der Synodale Weg sei „nicht befugt“, die Leitungsstruktur oder die Lehre der Kirche zu verändern. Der Synodale Weg strebt Veränderungen in vier Bereichen an: der Rolle der Frau in der Kirche, der katholischen Sexualmoral, dem Umgang mit Macht und der priesterlichen Ehelosigkeit (Zölibat).

          Bätzing sagte, aus Kochs Äußerungen spreche letztlich „pure Angst, dass sich etwas bewegt“. Er könne jedoch versprechen: „Es wird sich etwas bewegen, und das wird auch Kardinal Koch – schon gar nicht durch solche Äußerungen – aufhalten können.“ Die deutschen Katholiken stünden mit diesen Anliegen auch keinesfalls allein. Die Eingaben für die von Papst Franziskus einberufene Weltsynode zeigten, dass diese Fragen auch in vielen anderen Ländern akut seien. Viele Jahrzehnte sei das alles nicht angesprochen und verdrängt worden, doch das ändere sich gerade: „Der Druck ist so groß, dass es dann auch so eine starke Emotionalität gibt, wenn der Pfropf endlich rausfliegt, ist doch eigentlich kein Wunder.“

          Bei der vierten Synodalversammlung Anfang dieses Monats in Frankfurt war einer der Grundtexte zur Erneuerung der katholischen Sexualmoral gescheitert, weil er nicht die nötige Zwei-Drittel-Mehrheit der deutschen Bischöfe erhalten hatte. Dass es unter den Bischöfen auch Konservative gebe, die die angestrebten Reformen nicht mittragen könnten, sei aber nicht verwunderlich, sagte Bätzing: „Wir sind doch als Bischofskonferenz nicht anders als die Gesellschaft insgesamt.“ Die Bischöfe hätten „eigentlich einen Konsens darüber, dass es Dissens gibt und dass wir damit gut umgehen möchten“.

          Mit dem Synodalen Weg lege man „mit all unserer argumentatorischen und geistlichen Kraft Vorschläge vor für Veränderungen des kirchlichen Lebens in unserem eigenen Land“, sagte Bätzing: „Dafür ist die Synodalität die entscheidende Türangel, an der alles hängt.“

          Im März soll das Reformprojekt mit der fünften Synodalversammlung abgeschlossen werden. Anschließend wollen die deutschen Katholiken einen Teil der Reformen in Eigenverantwortung selbst umsetzen und grundlegende Fragen zur weiteren Besprechung an die in Rom geplante Weltsynode weiterreichen. Das synodale Gespräch zwischen Bischöfen und Laien in Deutschland soll auf Dauer fortgesetzt werden.

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