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Gentechnik und die CSU : Ein Wunder der politischen Logopädie

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.-Greser&Lenz

Wie es dem CSU-Vorsitzenden und Ministerpräsidenten gelingt, seine Partei so zu positionieren, dass sie für und gegen die grüne Gentechnik ist, ist ganz großes Kino. Zugegeben: Seehofer stehen talentierte Nebendarsteller zur Seite.

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          Es gehört zu den journalistischen Todsünden, Politikern zu applaudieren - doch bei Horst Seehofer kann uns nichts mehr auf den Redaktionsstühlen halten. Wie es dem CSU-Vorsitzenden und bayerischen Ministerpräsidenten gelingt, seine Partei so zu positionieren, dass sie für und gegen die grüne Gentechnik ist, ist ganz, ganz großes Kino. Zugegeben, Seehofer stehen talentierte Nebendarsteller der CSU zur Seite: Ilse Aigner, die Bundesagrarministerin, und Markus Söder, der bayerische Umweltminister. Aber ohne „Magic Horst“, wie einer seiner ehrfurchtgebietenden Kampfnamen in der CSU lautet, wäre es nicht gelungen, die guten alten Drehbücher einer Volkspartei, in der sich alle heimisch fühlen, mit Leben zu erfüllen.

          Nehmen wir nur die Skeptiker, die den Verheißungen der Gentechnik in der Landwirtschaft einfach keinen Glauben schenken wollen, obwohl sich die CSU lange Jahre gemüht hat, sie ihnen in die Köpfe zu hämmern. Als „eine wichtige Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts“ feierte Aigner vor drei Jahren die Möglichkeit, das Erbgut in Pflanzen zu verändern. Damals war sie forschungspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, der Agrarminister hieß Horst Seehofer, und die CSU regierte in Bayern mit einer Zweidrittelmehrheit.

          Der Spielverderber

          Tempi passati: Jetzt tritt die Partei Seehofers mit einer Vehemenz als Befreiungsbewegung gegen die grüne Gentechnik auf, gegen die die globalisierungskritische „Attac“ als Honoratiorenverein erscheint. Als dramaturgischer Profi lässt Seehofer selbstverständlich nicht einfach die Agrarministerin das Verbot des kommerziellen Anbaus des Genmaises „Mon 810“ exekutieren, der resistent gegen den Maiszünsler, einen unscheinbaren Schmetterling ist, der große Schäden in Maiskulturen verursachen kann. Zur zaghaften Feststellung der Agrarministerin, es handele sich um eine bloße Einzelfallentscheidung, findet sich als Kontrapunkt die triumphalistische Geste Söders, der von einer Leitentscheidung gegen die grüne Gentechnik spricht. Den krönenden Abschluss bildet die Proklamation Bayerns zum „gentechnikanbaufreien“ Land: Seehofers neue Interpretation des Prädikats „Freistaat“.

          Mehrere Handlungs- und Motivstränge sind bei ihm in einer kunstvollen Weise miteinander verwoben, die viele Konkurrenten nicht erfühlen, geschweige denn erjagen werden. Wer die personalisierte Sichtweise auf die Politik bevorzugt - unter besonderer Berücksichtigung der Machtverteilung zwischen den Geschlechtern -, wird mit dem Dualismus Seehofer-Aigner nicht enttäuscht. Die junge Frau aus dem oberbayerischen Feldkirchen-Westerham, die vom elterlichen Handwerksbetrieb aus in die große Welt der Politik aufbricht, es bis zur Ministerin in Berlin bringt - und dann gleich bei ihrer ersten wichtigen Entscheidung auf den Machtwillen eines eisgrauen Regenten in München trifft: Allein das reicht für die große Abendunterhaltung aus, auch wenn Aigner fürs Erste in ihrem Amt bleiben dürfte, entgegen manchen Spekulationen.

          Selbstverständlich kommt in Seehofers großem Spiel auch der obligatorische „Bad Guy“ vor. Nein, es ist nicht Seehofer selbst, wie manche CSU-Feministinnen meinen, die sein Versprechen, die CSU werde unter seinem Vorsitz jünger und weiblicher, nicht in der notwendigen dialektischen Verschränkung, sprich Tagesopportunität, verstanden haben. Der Spielverderber ist Christoph Fischer, Landwirtschaftsberater in Söchtenau, einem kleinen Ort nahe dem oberbayerischen Simssee, der eine Bürgerbewegung namens „Zivil Courage“ gegen die grüne Gentechnik initiiert hat.

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