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Genscherismus : Ausgleichende Vermittlung

Hans-Dietrich Genscher Bild: dpa

Hans-Dietrich Genscher, der die Freilassung von Chodorkowskij vorangetrieben hat, betrieb Außenpolitik stets als Friedenspolitik. Seine ausgleichende Vermittlung ist als „Genscherismus“ bekannt.

          Der frühere Außenminister Hans-Dietrich Genscher war derjenige deutsche Politiker, der das Amt bislang am längsten ausgeübt hat, nämlich von 1974, dem Jahr des Brandt-Rücktritts, bis 1992, also kurz nach der deutschen Einheit. Die Gelegenheit zur Vereinigung der Bundesrepublik mit der DDR verdankte sich auch Genschers Ausgleichsbemühungen in Richtung Osten, insbesondere gegenüber der damaligen Sowjetunion. So hatte Genscher bereits frühzeitig ein enges Verhältnis zu dem damaligen sowjetischen Außenminister, dem Georgier Eduard Schewardnadse, aufgebaut. Seine ausgleichende Vermittlungspolitik wurde mit dem anfangs kritisch, später überwiegend anerkennend gemeinten Begriff „Genscherismus“ bedacht. Seit seinem Ausscheiden aus der aktiven Politik ist Genscher unter anderem mit Unterstützung der FDP darauf bedacht, im Zusammenhang mit der deutschen Einheit neben Bundeskanzler Kohl seine Rolle als „Architekt“ und Wegbereiter hervorzuheben.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent in Berlin

          Der aus Halle gebürtige, 86 Jahre alte Genscher, der als junger Mann noch im Zweiten Weltkrieg gekämpft hatte, war nach seinen Angaben ohne sein Wissen und Zutun Mitglied der NSDAP gewesen. Seine aktive Politik betrieb er stets als Friedenspolitik und prägte damit noch das Handeln des Außenministers Guido Westerwelle, der Genschers Rat und Unterstützung in Anspruch nahm, ebenso wie zahlreiche andere Persönlichkeiten des internationalen öffentlichen Lebens, auch in den autoritär regierten Ländern Aserbaidschan und Kasachstan. Dieses Engagement haben Menschenrechtler scharf kritisiert.

          Noch einmal an alte Traditionen angeknüpft

          Erwerben kann man sich Dienstleistungen Genschers auch über die Referenten-Agentur Econ. Dort heißt es über Genschers Vorträge: „Mit Charisma, Leidenschaft und seiner Lebensleistung fasziniert er sein Publikum.“ Zur gründlichen Vorbereitung auf öffentliche Auftritte konsultiert er noch heute gelegentlich das Auswärtige Amt. Bei der Unternehmens- und PR-Beratung eines früheren Chefredakteurs der „Bild“-Zeitung ist Genscher „Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrates“. Zudem sind mehr als vierzig Orden, Ehrendoktorwürden und sonstige Ehrungen („Bambi“) verzeichnet, welche Genscher seit 1973 verliehen wurden. In 2013 kam der slowakische Orden des Weißen Doppelkreuzes, 2. Klasse hinzu.

          Jahrelang hatte der frühere FDP-Vorsitzende und Ehrenvorsitzende seiner Partei zudem einen überragenden Einfluss in der FDP und war bei allen Führungswechseln seit seinem eigenen Amtsverzicht 1985 beratend tätig. Der neu gewählte Parteivorsitzende Christian Lindner hat zuletzt Distanz zu Genscher erkennen lassen. Mit seinen Bemühungen um die Freilassung des früheren russischen Oligarchen Michail Chodorkowskij knüpfte Genscher nun noch einmal an Traditionen von geheimer Pendeldiplomatie und privat-politischer Vermittlungstätigkeit an.

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