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Jasper von Altenbockum (kum.)

Generation Gauck : Wenn die Jungen alt aussehen

Applaus für den Älteren: Wulff überreicht Gauck im Jahr 2010 die „Goldene Victoria“ des Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger Bild: dpa

Mit Joachim Gauck wird der bisher älteste Bundespräsident dem jüngsten folgen. Es wirkt, als hole sich die Bundesrepublik den schon in Rente geschickten Erfahrungsschatz wieder aus dem Ruhestand. Sind die Jungen gescheitert?

          3 Min.

          Müssen immer wieder die Alten ran? Anfang der Woche ist ein Mann auf den Weg ins Schloss Bellevue geschickt worden, der als Bundespräsident seine vierte Karriere beginnt, nach Pfarrer, Behördenleiter und Vortragsreisender. Kein Bundespräsident war zu Beginn seiner Amtszeit so wacker-grau wie Joachim Gauck; keinem eilte so der Ruf voraus, ein lebenserfahrener, überparteilicher Kandidat zu sein, sozusagen ein Bundesältestenrat in einer Person. Keiner zeigte den Jungen so wie Gauck, wie alt sie aussehen.

          Joachim Gauck ist 72 Jahre alt. Karl Carstens verzichtete wegen seines Alters auf eine zweite Amtszeit - er war da nicht ganz siebzig Jahre alt. Carstens war auf den bis dahin jüngsten Bundespräsidenten gefolgt, Walter Scheel, der mit 55 Jahren das Amt antrat, da aber schon Parteivorsitzender, stellvertretender Bundestagspräsident und Minister in drei Kabinetten (Adenauer, Erhard, Brandt) gewesen war. Er folgte auf den bis dahin ältesten Amtsträger, Gustav Heinemann, der zu Beginn so alt war wie Carstens am Ende und aus gesundheitlichen Gründen auf eine zweite Amtszeit verzichtete.

          Jetzt also der älteste Bundespräsident nach dem jüngsten. Wulff war gerade 51 Jahre alt geworden, als er Ende Juni 2010 seinen Eid leistete, nur elf Jahre älter, als es das Grundgesetz für das Amt des Bundespräsidenten vorschreibt. Wulffs „Jugend“ war deshalb fast noch ungewöhnlicher, als es heute das Alter Gaucks ist. Damals fragte man sich, warum es denn sein müsse, dass in einer merklich alternden Gesellschaft die Verantwortung an immer Jüngere übergeben werde. Die SPD hatte da schon ein Jahr lang den jüngsten Parteivorsitzenden ihrer Geschichte; die FDP sollte ihr „Bambi“ noch bekommen. Eine neue politische Jugendbewegung brach sich mit der „Piratenpartei“ Bahn; die neue Familienministerin im Bundeskabinett war gerade einmal 32 Jahre alt - und der beliebteste Politiker war der jüngste Verteidigungsminister, den Deutschland je hatte.

          Der Spott über so viel Grün hinter den Ohren ist ungefähr so groß wie der Pessimismus, der jetzt den Sturz Wulffs begleitet. Denn zu den Begleitumständen der dramatischen Kür seines Nachfolgers gehört die Verlegenheit, dass es in der Altersgruppe Wulffs kaum noch jemanden gibt, der in Frage gekommen wäre. Töpfer, Huber, Voscherau, Dohnanyi - die meisten Namen, die vorher und nachher genannt wurden, passen in die Kategorie „Elder statesman“, nur Andreas Voßkuhle ragt als Youngster heraus, vielleicht auch ein Grund, warum er abgesagt hat.

          Man könnte sagen: Damit kehrt die Riege der Amtsträger wieder zum Senioritätsprinzip zurück - Präsident kann und soll eben nur werden, wer seine politische Karriere schon hinter sich hat, nicht wer gerade ihren Höhepunkt erreicht oder gar noch am Anfang steht. Nicht umsonst setzt das Grundgesetz eine Untergrenze von 40 Jahren. Doch Wulffs Sturz und Gaucks Nominierung wirken vielmehr so, als trete eine ganze Generation von Politikern ab, ohne es zum Bundespräsidenten geschafft zu haben, als hole sich die Bundesrepublik den schon in Rente geschickten Erfahrungsschatz wieder aus dem Ruhestand, als kapitulierten die Epigonen vor ihren Originalen, vor ihren Vätern und Großvätern.

          Die Väter und Großväter erzählen noch von existentiellen Kämpfen

          In Ost oder West erzählen diese Väter und Großväter eine andere Geschichte als die Kochs, Wulffs und Westerwelles. Sie handelt von Krieg und Frieden, Hunger und Not, von Schuld und Sühne, von Holocaust und „Wiedergutmachung“, Diktatur und Widerstand, in jedem Fall aber von existentiellen und ideologischen Kämpfen. Das verleiht eine Autorität, die nicht unbedingt durch politische Leistungen unter Beweis gestellt werden muss. Wer aber an diesen Kämpfen nicht teilnehmen konnte oder - im Westen als Gegner der Achtundsechziger - nicht wollte, dessen Erzählung steht unter dem Verdacht der langweiligen Phrasen und des Zynismus, noch bevor er den Mund aufmacht.

          Denn es ist die Erzählung der Ideologiekritik, es ist die Erzählung vom „Piecemeal engineering“, den kleinen, unspektakulären, anstrengenden, sich stets korrigierenden Schritten, die nicht im Glanze des Aufbaus, der Weltentwürfe und Gründungsmythen vollzogen werden, sondern im Modder des Fertigen. Sie werden nicht bestaunt und bewundert, sondern bedauert, beklagt und bejammert. Wer sie überhöhen will, landet tatsächlich in der Phraseologie. Die Suche nach einem „Narrativ“, wie sie in Europa allenthalben in Gang ist, hat hier ihre innenpolitische Entsprechung.

          Die Alten hatten Visionen, den Jungen wird Beliebigkeit vorgeworfen

          Anders als die alten Kämpen müssen sich die Epigonen deshalb aber auch fragen lassen, warum sie überhaupt Politik treiben. Mit anderen Worten: Wenn es nicht Ideologien oder wenigstens Visionen sind, dann bleibt doch nur Beliebigkeit, im schlimmsten Fall aber Egoismus, Machtverlangen und Geltungssucht. Dafür gibt es tatsächlich genügend Beispiele. Existentielle Lebenserfahrung lässt sich zudem in einer behüteten Welt des Wohlstands und der Sicherheit nicht herbeizaubern. Politik zu treiben, die nicht einfach die Haltung der Väter nachahmen will, setzt deshalb mehr voraus als nur Idealismus. Viele lassen es einfach ganz. Diesen Teufelskreis zu durchbrechen, hätte Joachim Gauck einiges beizutragen.

          Jasper von Altenbockum
          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

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