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Generalsekretär Andreas Scheuer : Die Doktoren der CSU

Wie in einem CSU-Parteitraktat

In der 294 Seiten langen Arbeit finden sich lange referierende Passagen, die bestenfalls in losem Zusammenhang mit dem Thema stehen. Man stößt immer wieder auf „Erkenntnisse“, bei denen es Scheuer in mancher Hinsicht entlasten würde, könnte er nachweisen, dass sie nicht von ihm stammen. Zum Beispiel diese: „Obwohl die grundsatzpolitische Nähe der CSU zu den christlichen Kirchen unübersehbar ist, hat es die CSU dennoch geschickt verstanden, keine Klientelpartei der ,Besserverdienenden‘ zu werden.“ Repräsentieren die Kirchen die „Besserverdienenden“? Zeichnete sich die FDP etwa durch besondere Kirchennähe aus?

Es gibt aber auch Passagen, in denen ein engagierter Autor spricht und die CSU über den grünen Klee lobt. Da ahnt man schon, dass in ihm ein Generalsekretär steckt. Einmal schreibt er, die Parteipositionen würden aller Wahrscheinlichkeit nach dazu beitragen, „die ,Leidensspirale‘ der politischen Opposition in Bayern auch in den nächsten Legislaturperioden zu verlängern“. Scheuer macht sich allenfalls Sorgen darum, dass die Opposition ganz aus dem Landtag verschwinden könne. Das wäre nachteilig, befindet er, „fehlt der Vermittlung eigener politischer Inhalte gewissermaßen die Kontrastfolie zur Demonstration der eigenen Leistungsfähigkeit“. Man fühlt sich dann beim Lesen wie in einem CSU-Parteitraktat. Aber immerhin: Derartige Wertungen dürften kaum aus der wissenschaftlichen Literatur übernommen worden sein. Oberreuter kennt die Arbeit nicht. Er sagt: „Ich muss sie nicht kennen, und ich werde sie auch nicht lesen, weil sie keinen Beitrag zur Forschung leistet.“

Wie Scheuer den Brain Drain stoppt

Vermutlich ist es kein Zufall, dass mit Scheuer wieder ein Mann ins akademische Zwielicht gerät, der früh auf eine Karriere als Berufspolitiker spechtete. Guttenberg war schon Abgeordneter – freilich auf hinteren Bänken –, als er sich zu akademischen Großtaten aufraffte. Silvana Koch-Mehrin saß im FDP-Bundesvorstand, als sie promoviert wurde, ebenso ihr Parteikollege im Europäischen Parlament Jorgo Chatzimarkakis. Alle drei verloren später ihren Doktortitel. Beim SPD-Politiker Marc Jan Eumann läuft ein Aberkennungsverfahren. Der Staatssekretär in NRW soll seine Magisterarbeit kaum verändert als Dissertation eingereicht haben. „Es gibt offenbar eine Gruppe von Leuten, die frühzeitig ihre Karriere auf die Berufspolitik ausrichten und im Zweifel bereit sind, Titel zu erwerben, die am Rande der Rechtmäßigkeit liegen. Akademische Weihen sollen fehlende Berufserfahrung ausgleichen und den schnellen Sprung von der Schulbank ins Parlament legitimieren“, sagt Wissenschafts-Ombudsmann Löwer.

Scheuer selbst fühlt sich dieser Gruppe nicht zugehörig. Wer ihn zuletzt nach dem Grund für seinen ungewöhnlichen Promotionsort fragte, der bekam ein flammendes Plädoyer für ein Europa zu hören, in dem der Brain Drain, die Abwanderung potenter Wissenschaftler nach Deutschland, endlich einmal gestoppt werden musste. Zum Beispiel durch einen potenten CSU-Mann, der in Prag promoviert. Heinrich Oberreuter sieht die Sache nüchterner: „Scheuer wäre nie auf die Idee gekommen, den Umweg über Prag zu nehmen, wenn er sich davon nicht eine Beförderung seiner politischen Karriere versprochen hätte.“

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