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Gecancelter Vortrag : Humboldt-Uni ist Namen nicht wert

Ort der Freiheit? Teilnehmer einer Demonstration gegen den Vortrag der Biologin Vollbrecht in einem Hörsaal der Humboldt-Universität im Rahmen der Langen Nacht der Wissenschaften am 2. Juli 2022. Bild: dpa

Der Umgang mit dem Gender-Vortrag an der Humboldt-Uni zeigt: Universitäten verteidigen die Freiheit nicht mehr, sondern sind Orte des Einknickens und Duckmäusertums geworden.

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          Der Vortrag mit dem Titel „Geschlecht ist nicht (Ge)schlecht, Sex, Gender und warum es in der Biologie zwei Geschlechter gibt“ wäre vor nicht allzu langer Zeit womöglich deshalb „gecancelt“ worden, weil die These als allzu selbstverständlich gegolten hätte. Aber für selbstverständlich sollte man eher nichts nehmen. Dazu ist Wissenschaft da. Doch Universitäten verteidigen diese Freiheit nicht mehr, sondern sind Orte des Einknickens und Duckmäusertums geworden.

          Es geht ja im Fall der Berliner Humboldt-Universität nicht um die Abwehr einer Verfassungsfeindin, die unter dem Deckmantel der Wissenschaft die heiligen Hallen der Freiheit nutzt. Sondern um eine Angestellte der Universität selbst, die sich in einer „Langen Nacht der Wissenschaft“ zu einem kontro­versen Thema äußern wollte. Wer hier „Sicherheitsbedenken“ geltend macht, gibt jedem Störer die Möglichkeit, Grundrechte auszuhebeln – und handelt selbst verfassungswidrig. Aber die Uni hat offenbar auch inhaltliche Bedenken – was das Ganze noch schlimmer macht.

          Ist die Doktorandin also doch eine Verfassungsfeindin? Was soll eine Ersatzveranstaltung mit den Wissenschaftsministerinnen von Bund und Land? Haben Minister die besseren Argumente? Ist die HU so obrigkeitshörig? Weiß sie überhaupt, worum es hier geht? Wenn die Humboldt-Universität ihren eigenen Sinn und den der Grundrechte nicht begreift, ist sie Status und Namen nicht wert.

          Reinhard Müller
          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

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