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Schwarzgeld in Deutschland : Geldwäsche im Möbelhaus

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Tausende Menschen in Deutschland werden nach Einschätzung des Bundeskriminalamtes (BKA) jedes Jahr von Kriminellen für Geldwäsche missbraucht. Bild: dpa

Deutschland will Geldwäsche stärker bekämpfen. Denn längst geht es nicht mehr nur um Banken. Auch im Kunsthandel, in Spielhöllen und Möbelhäusern fließt immer mehr Schwarzgeld – und die Kriminellen werden dabei immer kreativer.

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          Der Anrufer sprach nur gebrochen Deutsch. Aber was er wollte, machte er schnell klar. Er habe diese Warhol-Zeichnungen auf der Website der Galerie gesehen. Schön seien die. Er würde gerne direkt zwanzig Stück nehmen. Könne er heute noch vorbeikommen? Barzahlung sei sicher kein Problem, oder? Jede Zeichnung kostete 20.000 Euro. 400.000 Euro Cash wären das also. Die Mitarbeiterin der Galerie wimmelte den Anrufer ab. Zwar gibt es in der Kunstszene allerhand eigenwillige Gestalten, und die Verkäufer sind angewiesen, potentielle Kunden nie nur nach dem ersten Eindruck zu beurteilen. Der blutjunge Typ im Hoodie mit Flipflops kann – ein reales Klischee, sagt die Kunstverkäuferin – nämlich auch gut ein Start-up-Millionär mit einem Faible für kubistische Gemälde sein. Aber vor dieser Art von Anrufen werden die Verkäufer ebenso gewarnt. Denn bei solchen Angeboten geht es eigentlich immer um den Versuch, Geld zu waschen. Die Anrufe erreichen deutsche Galerien regelmäßig. Sie häufen sich sogar.

          Und die Kunstszene ist nur eine von vielen Branchen, in die immer mehr Schwarzgeld fließt. Auch bei Immobilienmaklern, Gold- und Juwelenhändlern, Autohäusern, Bootshändlern und Spielbanken wird viel Geld gewaschen. Mehr denn je. Darauf reagiert nun die Bundesregierung. Sie stockt das Personal in der zuständigen Abteilung, der Financial Intelligence Unit, auf: Dort kümmern sich bisher nur 25 Beamte um alle Verdachtsfälle von Geldwäsche im deutschen Finanzsektor. Ab Juli soll die Abteilung nach und nach auf 165 Mitarbeiter wachsen. Sie wird dem Zoll zugeordnet und untersteht dann dem Finanzministerium. Bisher ist die Einheit noch im Bundeskriminalamt angesiedelt und gehört somit zum Innenministerium. Künftig wird sie beim Hauptzollamt in Köln sitzen. Auch einen neuen Namen bekommt sie: Zentralstelle für Finanztransaktionsuntersuchungen. Und in Zukunft laufen alle Verdachtsfälle aus allen Wirtschaftsbereichen über sie – nicht nur die Fälle aus dem Finanzsektor.

          20 Milliarden Euro Schwarzgeld wird außerhalb von Banken gewaschen

          Gerade die Branchen außerhalb des Finanzsektors sollen genauer unter die Lupe genommen werden. Denn viele Kriminelle haben ihre Aktivitäten dorthin verlagert. Und zwar, weil schon seit Jahren Banken für die Gefahr der Geldwäsche sensibilisiert werden. Sie melden inzwischen von allen Wirtschaftszweigen die meisten Fälle an den Staat, wenn es um potentielles Schwarzgeld geht. Dazu sind sie verpflichtet. Aber eben nicht nur sie. Alle Branchen, in denen der Staat die Möglichkeit für Geldwäsche sieht, müssen Transaktionen, die ihnen verdächtig vorkommen, den Behörden melden. Die Zahl der Meldungen ist von 2013 bis 2015 insgesamt um ein Drittel auf etwa 30.000 pro Jahr gestiegen, fast alle kommen aus dem Finanzsektor. Falls die Jachtverkäufer, Spielhöllenbesitzer oder Art-Basel-Händler bei großen Bargeldgeschäften überhaupt skeptisch werden, behalten sie es für sich.

          Vergangenes Jahr erschien eine Studie im Auftrag des Finanzministeriums, die schätzt, dass ungefähr genauso viele Verdachtsfälle von außerhalb des Finanzsektors gemeldet werden müssten, wie der Finanzsektor selbst weitergibt. Da die Studie ihre Schlüsse vor allem aus einer Vielzahl von Interviews mit Kennern der jeweiligen Berufsfelder zieht, sind die Zahlen mit Vorsicht zu genießen. Doch auch bei konservativen Schätzungen geht es um astronomische Summen. Laut Studie dürften außerhalb des Bankwesens mindestens zwanzig Milliarden Euro im Jahr gewaschen werden. Das gesamte Geldwäschevolumen Deutschlands läge damit bei mehr als fünfzig Milliarden Euro. Wahrscheinlich bewegt es sich sogar in der Größenordnung von über hundert Milliarden Euro, „wenn man auch Schätzungen zu Unternehmen, die speziell zur Geldwäsche gegründet wurden“, einbezieht, heißt es in dem Bericht.

          Doch warum eigentlich behalten die Kriminellen das Bargeld nicht einfach, anstatt es in Dinge zu investieren, die sie nicht brauchen? Sie haben zwei Probleme: erstens, dass Behörden irgendwann auf größere Summen aufmerksam werden, deren Quellen unbekannt sind. Zum Beispiel, wenn sie bei Banken eingezahlt oder an jemanden überwiesen werden. Zweitens: Für den Fall, dass die Kriminellen doch einmal geschnappt werden, wollen sie sichergehen, dass sie nicht alles Geld verlieren. Gelingt es ihnen, ihr Geld aus dem Drogengeschäft, der Korruption oder dem Menschenhandel erst einmal in den regulären Wirtschaftskreislauf einzuspeisen, ist das Schwierigste geschafft. Danach wird die Herkunft des Vermögens immer schwieriger nachvollziehbar. Mit jedem weiteren Waschgang wird die Wäsche weißer.

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