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Gekaperte AfD-Gruppen : Tag der Machtergreifung

Shahak Shapira (2. von links) und weitere „Funktionäre“ der Satirepartei Die PARTEI auf einer Pressekonferenz in Berlin. Bild: dpa

Im Namen der Satirepartei Die PARTEI kapert ein Team um den Webaktivisten Shahak Shapira 31 AfD-nahe Facebook-Gruppen. Bei den ehemaligen Administratoren ist der Ärger groß.

          Im Wahlkampf haben AfD-Mitglieder schon viele Formen von Diebstahl erlebt. Seit Wochen kursieren in den Ortsverbänden die abenteuerlichsten Geschichten. Zum Beispiel darüber, wie in manchen Stadtvierteln die AfD-Wahlplakate schon 24 Stunden nachdem sie aufgehängt wurden, von Linksautonomen wieder geklaut worden sind. Als würde wenigen Stunden nach dem Aufhängtrupp der AfD-Wahlkampfhelfer ein weiterer, ähnlich gut organisierter Abhängtrupp von Antifa-Aktivisten folgen.

          Justus Bender

          Redakteur in der Politik.

          Seit wenigen Tagen hat das AfD-Mitglied Gert Teska aus dem Kreisverband Bad Dürkheim eine weitere Geschichte dieser Sorte zu erzählen. Sie handelt aber nicht von Papierplakaten auf Hartholzscheiben, sondern von gestohlenen Bytes im Internet. Teska wurden nach eigenen Angaben 31 AfD-nahe Facebook-Gruppen „gestohlen“, in denen sich Zehntausende Anhänger der Partei organisiert hatten. Von allen Wahlkampfanekdoten seiner Parteifreunde dürfte Teska damit die ungewöhnlichste zu bieten haben.

          Alles begann mit einer Frau, die sich „Störenfrieda“ nannte. Sie meldete sich in einigen der Facebook-Gruppen an, in denen Teskas Frau Anne als Administratorin fungierte. Anne Teska war nicht die Gründerin dieser Gruppen, sie war selbst erst vor einigen Monaten von einem Bekannten in die Riege der Administratoren befördert worden. Selbst will sie die Geschichte nicht erzählen, das überlässt sie ihrem Ehemann. „Störenfrieda“ war am Anfang ein einfaches Mitglied, aber sie fiel positiv auf. „Die hat sich ordentlich verhalten, nette Posts gemacht und sich beliebt gemacht in der Gruppe“, erzählt Gert Teska.

          Islamischer Krummsäbel statt AfD-Logo

          Was in AfD-Kreisen als „netter Post“ zu verstehen ist, lässt ein Rückblick auf die Historie der Facebook-Gruppen erahnen. Dort wurden bisher üblicherweise Texte über „Asylschmarotzer“, die „Invasion“ muslimischer Einwanderer und Videos geteilt, auf denen zum Beispiel zu sehen ist, wie iranische Männer vor Schmerzen jaulende Hunde einschläfern. Vermischt wird dies immer wieder mit Werbeplakaten von AfD-Politikern und Parolen wie „Keine Salafistenmoschee in Mannheim“. Viele Gruppen trugen Namen von AfD-Funktionären wie „Dr. Frauke Petry-FanCLUB“, „Björn Höcke - FanCLUB“ oder „AfD 51% – das ist unser Ziel ! ! !“. Zehntausende Bundesbürger erhielten täglich über diese Gruppen ideologisch konforme Informationshäppchen. So lange jedenfalls, bis „Störenfrieda“ von Anne Teska zur Administratorin befördert wurde.

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          Administratoren haben weitgehende Rechte in Facebook-Gruppen. Sie können zum Beispiel aus einer vertraulichen Gruppe eine öffentliche Gruppe machen, die jeder einsehen kann. Sie können Nutzer in die Gruppen einladen oder sie ausschließen. Und: Sie können ihre Administratorenkollegen entlassen – was „Störenfrieda“ prompt tat. Und nicht nur das.

          Auf einmal trugen die Gruppen nicht mehr die Namen von AfD-Politikern, sondern waren nach Vertretern der Satirepartei „Die Partei“ benannt. Die neuen, von „Störenfrieda“ ernannten Administratoren gaben sich ein Logo, das dem der AfD täuschend ähnlich sah. Statt des geschwungenen roten Pfeils der AfD erinnerte ihr Logo jedoch an einen islamischen Krummsäbel.

          „Ein alberner Scherz, der die Wähler irritieren soll“

          Dann begann die Gegenpropaganda. Rund 180.000 AfD-Anhänger bekamen auf Facebook ein satirisches Video eines „Reichspropagandaleiters Shahak Shapira“ vorgespielt, der versicherte, die Nutzer müssten sich keine Sorgen machen. Sein Name sei von „altpreußischer Herkunft“. „Mein Team und ich haben die Gruppen vor elf Monaten infiltriert“, behauptete Shapira – „nun übernehmen wir die Macht.“ Shapira witzelte, es gebe nun „neue Regeln“ in den Gruppen. „Hetze gegen Muslime ist ab sofort immer gen Mekka auszurichten. Außerdem gilt eine Mindestflüchtlingsquote von 18 Prozent für diese Gruppe und jede andere Gruppe. Kritik am Gender-Irrsinn muss immer geschlechtsneutral formuliert werden.“ Der Humor der Aktivisten wurde nicht von allen in der AfD geteilt.

          „Das ist ein alberner Scherz, der die Wähler und uns irritieren soll. Offensichtlich hat diese Partei keine Lust auf eigenen, seriösen Wahlkampf, sondern beschäftigt sich lieber damit, andere Wettbewerber auf illegale Weise zu beschädigen“, sagte der für soziale Medien zuständige AfD-Bundespressesprecher Christian Lüth der F.A.Z.. Lüth selbst trägt keine Verantwortung für die gekaperten Facebook-Gruppen. Die wurden von Freiwilligen wie Anne Teska gepflegt. Trotzdem scheint der Schaden enorm für die AfD. Mit Facebook-Gruppen, die 180.000 Mitglieder haben, können die Parteimitglieder eine hohe Reichweite erzeugen. Reagieren etliche der 180.000 Bürger auf eine AfD-Wahlwerbung, wird diese im Schneeballprinzip allen ihren Freunden angezeigt. Eine solche Wahlwerbung kann Millionen von Menschen erreichen – ohne Kosten zu verursachen.

          Auch Gert Teska war nicht amüsiert. Der Aufbau der 31 Gruppen habe „sehr viel Mühe“ gekostet – „das ist natürlich jetzt zum großen Teil umsonst gewesen. Es ist nicht schön.“ Wie Lüth spricht auch Teska im Vokabular einer Straftat. „Geklaut, gestohlen“ seien die Gruppen, er wolle juristisch gegen die Verletzung von Persönlichkeitsrechten vorgehen. Ob die Teskas nun ein neues Netzwerk aufbauen wollen, haben sie noch nicht entschieden.

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