https://www.faz.net/-gpf-7xwum

Geheimnisvoller FDP-Spender : Eine wahre Geschichte

  • -Aktualisiert am

Das Victoria Jungfrau Hotel in Interlaken ist das erste Haus am Platz. Bild: Reuters

Ein reich gewordener Straßenkehrer aus dem Berner Oberland findet Philipp Rösler gut. Jahrelang hat er ihm Briefe geschrieben, von Hand. Und plötzlich sitzt er neben dem Vizekanzler beim Dinner.

          8 Min.

          Um es vorwegzunehmen: Die folgende Geschichte ist nicht erfunden. Sie ist höchstens etwas ungewöhnlich, was so überraschend wiederum nicht ist, da sie von einer Partei in einer ungewöhnlichen Lage handelt und von einem ungewöhnlichen Menschen.

          Eckart Lohse
          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Die Partei ist die Freie Demokratische Partei, die FDP. Mehr als die Hälfte der Jahre, die es die Bundesrepublik gibt, hatte die FDP zwar immer Feinde. Aber sie hatte auch Freunde. Freunde aus Überzeugung und taktische Freunde, die nur wollten, dass die Partei von Bonn und Berlin aus das Land regiert, meistens mit der CDU. Es waren immer so viele Freunde, dass die FDP im Bundestag war. Über Jahrzehnte stellte sie den Vizekanzler. Einige Freunde der Freiheit haben die FDP nicht nur gewählt, sondern haben ihr auch Geld gespendet. Mancher Mittelständler unterstützte die FDP, weil er sie für die Partei hielt, die für den Mittelstand am meisten tut.

          Ein spendierfreudiger Straßenkehrer

          Die besonders großzügigen Freunde, die mehr als 50.000 Euro lockermachen, sind bekannt, denn ihre Spende muss veröffentlicht werden. So will es das Gesetz. Eine der jüngsten Meldungen von Bundestagspräsident Norbert Lammert, der nach Paragraph 25 Absatz 3 Satz 2 und 3 des Parteiengesetzes mitteilen muss, wer welcher Partei so viel Geld gespendet hat, verrät im Falle der FDP, dass diese am 13. November des Jahres 2014, also vor ein paar Wochen, 200.000 Euro von einer Firma aus Köln bekam.

          Kunstwerk: ein Rösler aus Nussholz
          Kunstwerk: ein Rösler aus Nussholz : Bild: Ferdinand T. Salverda

          Kein Spender muss sagen, warum er spendet. Grundsätzlich zu unterstellen, dass der ein oder andere von ihnen die Hoffnung hat, die FDP könne politisch so wirken, wie er das für nützlich hält, scheint allerdings plausibel. Es gibt Freunde der FDP, die nicht nur das inhaltliche Profil der Partei für richtungsweisend halten, sondern auch noch Sympathie für einige ihrer Führungskräfte hegen. Im vorliegenden Fall vor allem für eine, inzwischen eine ehemalige Führungskraft: für Philipp Rösler, den einstigen FDP-Vorsitzenden, Vizekanzler im zweiten Kabinett Merkel, Gesundheits- und später Wirtschaftsminister. In der Zeit, in der die Geschichte spielt, war Rösler eine große Nummer bei der FDP.

          Der Freund, um den es geht, heißt Bruno Stegmann. Kein einflussreicher Vorstandsvorsitzender eines Großunternehmens, kein Prominenter, nicht mal der Chef eines erfolgreichen mittelständischen Unternehmens. Stegmann ist Straßenkehrer in Interlaken in der Schweiz. Nein, nein, nicht Chef eines Entsorgungsunternehmens, sondern der Mann am Besen. Vermutlich ist er aber auch Millionär. Und Zugang zum Schweizer Bundesparlament hat er auch. Doch eins nach dem anderen.

          Mit Zugang zum Schweizer Parlament

          Das Treffen mit dem geheimnisvollen Eidgenossen findet in seinem Heimatort Interlaken im Berner Oberland statt. Auf den Bergen rundherum liegt der erste Schnee. Es ist frisch. Aber Stegmann trägt nur ein Sakko, hellblau, und ein Flanellhemd, braun-kariert, als er zum Treffpunkt am Bahnhof kommt. „Ich friere nicht so leicht“, sagt der 60 Jahre alte Mann unter Verweis auf seinen Beruf, der ihn fast täglich an die Luft bringt: Seit mehr als drei Jahrzehnten reinigt er die Straßen und Plätze seiner Stadt, jätet Unkraut, schippt Schnee. 4800 Franken verdient er damit im Monat, berichtet er. Und dann führt Stegmann seinen deutschen Besucher zum Gespräch in ein Hotel. Nicht irgendeins, es ist das erste Haus am Platz: das Victoria Jungfrau Grand Hotel.

          Stegmann wird freundlich begrüßt. Man kennt ihn. Bei einem Espresso in der Hotelbar spricht er offen über seine Leidenschaft: die Politik. Oder besser: über Politiker, denen er sich persönlich verbunden fühlt und denen er die Treue hält, erst recht, wenn sie gefallen sind. Er redet über Philipp Rösler und Christian Wulff.

          Stegmann ist gelernter Maurer. Er war früher einmal Mitglied in der nationalkonservativen Schweizerischen Volkspartei, der SVP, und saß im Gemeinderat von Interlaken. Auch heute ist er dieser Partei noch verbunden: Auf dem Ticket eines SVP-Politikers hat er Zutritt zum Schweizer Parlament. Es ist der Abgeordnete Hans Fehr aus Eglisau, der vor allem in der Flüchtlingspolitik immer wieder mit pointierten Äußerungen von sich reden macht, etwa vor dem „Asylchaos“ warnt. In der Schweiz darf jeder Abgeordnete zwei Personen Zugang zu den nichtöffentlichen Sitzungen des Parlaments verschaffen. Deren Namen und Funktion müssen in einem Register veröffentlicht werden. Die „Gästeliste für die National- und Ständeräte“ vom Juni 2009 nennt als Funktion Stegmanns: „Förderer der Wirtschaftsliberalisierung“. In der Liste für das Jahr 2011 steht lediglich „Gast“.

          Am Tisch des Vizekanzlers

          Aber das Herz des Schweizers Stegmann schlägt für die Liberalen. Nur nicht für jene in der Schweiz, sondern für die FDP in Deutschland. Vor 20 Jahren fing er an, Briefe an deutsche Politiker zu schreiben. Keine Standardschreiben. Stegmann hat weder Computer noch Zugang zum Internet. „Ich schreibe alle Briefe von Hand. Die persönliche Note in Form und Inhalt macht den Unterschied“, erzählt er. Die Antwortschreiben hat er alle archiviert. Zeigen will er sie uns nicht.

          Die jahrelange schriftliche Vorarbeit bringt Stegmann 2012 erstmals direkt an die Seite von Philipp Rösler, der damals noch Vizekanzler war. Die FDP hatte den Schweizer zu einem Fundraising-Dinner in das Hotel Ellington in Berlin eingeladen. Stegmann hatte ein normales Zimmer gebucht. „Doch an der Rezeption sagte man zu mir: Sie werden in einer Suite nächtigen.“ Die FDP hatte für ein Upgrade gesorgt. Und nicht nur das. „Eine Dame kam auf mich zu und erklärte mir, der Bundesvizekanzler wünsche sich, dass ich an seinem Tisch Platz nehmen solle. Das konnte ich kaum glauben. Da wusste ich, das Eis ist gebrochen“, sagt Stegmann und strahlt dabei über das ganze Gesicht. Nach dem Essen habe sich Rösler noch zwanzig Minuten nur mit ihm unterhalten. Hat Rösler ihn um Spenden für die Partei gebeten? „Nein“, entgegnet er, „es gab kein Wort in diese Richtung.“ Aber seine Möglichkeiten seien an dieser Front ohnehin beschränkt.

          Stegmann hat im Zuge seiner Annäherung an die FDP das deutsche Parteiengesetz kennengelernt. Dessen Paragraph 25 schreibt fest: „Ausgeschlossen sind Spenden von außerhalb des Geltungsbereichs dieses Gesetzes.“ Es gibt Ausnahmen, und eine davon konnte Stegmann nutzen. Als Ausländer darf er einer deutschen Partei maximal tausend Euro spenden. Das habe er etwa dreimal getan, sagt der Mann aus Interlaken. Hätte er zusätzlich zu dem der Schweiz noch einen deutschen Pass gehabt, wäre die Sache eine andere gewesen. Stegman hat sogar mal erwogen, nach Hamburg oder Hannover zu ziehen, den Gedanken dann aber verworfen.

          Finanzier von Fundraising-Dinner

          Philipp Rösler möchte heute nicht mehr über Stegmann sprechen, besteht jedenfalls darauf, dass nicht geschrieben wird, was er sagt. Wenn man in Berlin bei der FDP nach Stegmann fragt, ist sofort zu spüren, dass mancher nicht mehr viel von dem Schweizer wissen will. Einige erwecken den Eindruck, er sei etwas aufdringlich gewesen, etwas übereifrig. Beim Gespräch mit denjenigen, die entspannter reagieren auf den Namen Stegmann, ist jedoch zu merken, dass die FDP sich damals schon Mühe gegeben hat, zu klären, ob es nicht doch einen Weg gibt, Stegmann seinen Wunsch zu erfüllen, die Partei zu unterstützen.

          Man hat ihn gefunden. Es gibt in Deutschland die Möglichkeit, Parteien indirekt unter die Arme zu greifen. Durch die Bezahlung der schon erwähnten Fundraising-Dinner, bei denen in der Regel – aber ohne Verpflichtung – für die FDP gespendet wird. Rund zwanzig Mal im Jahr macht die FDP solche Veranstaltungen. Stegmann hat sich nicht lumpen lassen. Ein Essen im Anschluss an das Dreikönigstreffen der FDP am 6. Januar 2013 in Stuttgart habe er mit einem Betrag in der Größenordnung von 10.000 Euro unterstützt, erzählt er. In Berlin geht die Rede von einer zweiten Veranstaltung, wo er Gastgeber gewesen sei. Ein Teilnehmer erinnert sich, dass Stegmann eine kleine Rede gehalten habe. Über den Wert der Marktwirtschaft habe er gesprochen und die Sorge, dass diese unter die Räder kommen könne.

          Gerüchtehalber ist Stegmann Millionär

          Seiner großen Zuneigung zur FDP, vor allem aber jener zu Philipp Rösler hatte Stegmann zuvor schon auf künstlerische Weise Ausdruck verliehen: Er beauftragte den Künstler Beat Stähli, dem Politiker in einem Abbild aus Nussholz ein Denkmal zu setzen. 90.000 Franken bezahlte er für die lebensgroße Skulptur, die heute in Schloss Hünigen, einem Hotel in Konolfingen unweit von Bern, ausgestellt ist. Warum hat er das getan? „Der Herr Rösler hat ein herzliches Wesen, er ist mir einfach sehr, sehr sympathisch.“ Aus Sympathie eine Statue schnitzen lassen? Geht das nicht eher in Richtung Verehrung? Stegmann wiegt den Kopf. Nein, so weit würde er nicht gehen. Und wie hat er das finanziert? Gerüchtehalber ist der Straßenreiniger ein Millionär. Stimmt das? Stegmann druckst etwas herum. „Nun ja, ich habe geerbt, nach allen Steuern und Abzügen knapp eine Million Franken. Aber davon ist schon einiges weg.“ In Berlin ist zu hören, Stegmanns Vater habe eine große Baumarktkette besessen, habe dem Sohn sein Erbe ausgezahlt, ihn aber nicht ins Unternehmen gelassen.

          Der Spender, der Vizekanzler und der Künstler: Philipp Rösler gemeinsam mit Bruno Stegmann (links im Bild) und dem Bildhauer Beat Stähli (rechts im Bild)
          Der Spender, der Vizekanzler und der Künstler: Philipp Rösler gemeinsam mit Bruno Stegmann (links im Bild) und dem Bildhauer Beat Stähli (rechts im Bild) : Bild: privat

          Ein Schweizer, der sein Erbe oder zumindest einen Teil davon in ein Denkmal für Philipp Rösler investiert? Weiß der frühere Vizekanzler davon? Ja, sagt Stegmann, er habe damals eine Bilddokumentation des Holzwerks in Röslers Ministerium nach Berlin geschickt. Und dann dachte er sich, es wäre doch gut, wenn Rösler den Künstler persönlich kennenlernen würde. Also nahm er diesen mit zum Dreikönigstreffen der FDP nach Stuttgart, um ihn Rösler vorzustellen. Dieser, so erinnert sich Stegmann, reagierte begeistert: „Da kann ich endlich die Hände umfassen, die mich geschaffen haben!“, soll Rösler ausgerufen haben, als er dem Künstler begegnete. Angeblich hat Stähli das nächste Werk deutscher Politiker schon in Arbeit. Es soll für Aufsehen sorgen.

          Er bereut nichts

          Stegmann beeilt sich zu sagen, dass ihn auch Anlageüberlegungen zu dem Schnitzauftrag verführt hätten. Edelmetalle, Edelsteine und Kunst hält er für die besten Investitionsobjekte. Den Rösler in Nussholz würde er für 250000 Euro weiterverkaufen. Wenn ihm das gelänge, brächte die Statue in der Tat eine sagenhafte Rendite. Nur: Wer um Himmels willen stellt sich einen ehemaligen FDP-Politiker ins Wohnzimmer? Noch dazu für eine Viertelmillion Euro? Stegmann zuckt mit den Achseln. Über den Preis könne man ja noch verhandeln. Im Übrigen wäre es ihm natürlich am allerliebsten, wenn der leibhaftige Rösler selbst sein hölzernes Abbild erwürbe. Aber bisher hat er dazu keinerlei Anstalten gemacht.

          Dann erzählt Stegmann von seinem letzten Zusammentreffen mit Rösler Anfang 2013. Nach einer Wahlveranstaltung in Hannover habe dieser ihn im Publikum erkannt und sei, obschon in großer Eile, freudig auf ihn zugekommen. „Ich dachte, er will mir die Hand schütteln. Doch stattdessen hat er mich umarmt. Das war unglaublich, ich war außer mir vor Freude“, erinnert sich Stegmann, und dabei werden seine Augen hinter den Brillengläsern vor lauter Rührung ganz feucht.

          Den Absturz der FDP bei den Bundestagswahlen bedauert deren Schweizer Fan. Seinen finanziellen Einsatz bereut er nicht: „Die Partei war das wert.“ Heute hat er keinen Kontakt mehr zur FDP, der er wünscht, dass sie zu ihrem liberalen Kern zurückfinden möge. Bei Rösler, der inzwischen für das Weltwirtschaftsforum in Genf arbeitet, habe er sich in diesem Jahr etwa dreimal telefonisch gemeldet, einmal sei er auch zu ihm durchgestellt worden. Damit ist er zufrieden. „Es geht mir um das Zeichen, dass ich ihn weiterhin unterstütze.“

          FDP-Neustart ohne den Stegmann

          Persönliche Rückendeckung in schwierigen, stürmischen Zeiten – das ist es auch, was er Christian Wulff geben wollte, als er diesen inmitten der Turbulenzen vor und nach dessen Rücktritt als Bundespräsident kontaktierte. Wie er an Wulffs Telefonnummer kam, darüber will Stegmann nicht sprechen. Aber als er ihn anrief, so erzählt er es, kannte Wulff Stegmann schon beim Namen und legte nicht auf. Schließlich hatte der Schweizer ihm schon etliche Briefe geschrieben. Von Hand, wie immer. „Ich habe ihm Mut gemacht. Das braucht man doch, wenn man in Not ist.“ Im Oktober 2012, also acht Monate nach seinem Rücktritt, habe Wulff ihn zu einem Gespräch in seinem Berliner Büro eingeladen. Stegmann strahlt vor Glück. „Wir haben uns eine Stunde lang unterhalten.“ Worüber? „Persönliche Dinge. Herr Wulff sagte, er wisse meine Unterstützung sehr zu schätzen und sei dankbar dafür.“ Ach ja, an Angela Merkel hat Stegmann auch geschrieben. Eine Antwort blieb jedoch aus. Er nimmt’s gelassen, zeigt sogar Verständnis: „Frau Merkel hat ja sehr wenig Zeit. Da darf man nicht so viel erwarten.“

          Und die FDP? Die kämpft ohne Stegmann weiter. Die schlechten Ergebnisse bei der Bundestags- und der Europawahl haben ihr empfindliche Einnahmeausfälle eingetragen. Zwar hat sie 2014 einen „positiven Cash-Flow“ von knapp eineinhalb Millionen Euro erwirtschaftet, den sie zur Schuldentilgung einsetzen will. Das Reinvermögen liegt bei zehn Millionen Euro. Doch müssten auch 2015 und 2016 „erhebliche Tilgungsleistungen“ für Kredite erbracht werden, heißt es in Parteikreisen. Da sind Freunde in der Not willkommen. Kürzlich teilte Philipp Röslers Nachfolger im Parteivorsitz, Christian Lindner, erfreut mit, dass vierzig Persönlichkeiten aus der Wirtschaft, der Wissenschaft, der Kultur und der Politik die FDP bei ihrem politischen „Neustart“ unterstützten. Bruno Stegmann steht nicht auf der Liste.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier beim Abschluss des 3. Ökumenischen Kirchentages in Frankfurt

          Abschluss in Frankfurt : Der Kirchentag der Erschwernisse

          Mit einem Abschlussgottesdienst unter regnerischem Himmel endet der Ökumenische Kirchentag in Frankfurt, der pandemiebedingt digital stattfinden musste. Bundespräsident Steinmeier wirbt für den gemeinsamen Kampf gegen Hass und Polarisierungen.

          Finanzmärkte in Aufregung : Die Inflation lebt

          Die Preise steigen so schnell wie lange nicht mehr. Ist das der Beginn einer neuen Zeit mit Inflation und hohen Zinsen? Wie Anleger jetzt reagieren können.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.