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Gegen Hetze und Ausgrenzung : Wir brauchen ein neues Miteinander!

  • -Aktualisiert am

Eine Kundgebung gegen rechte Gewalt im Juni in Berlin Bild: dpa

Momentan kommt es täglich zu Angriffen auf Menschen, weil sie als anders wahrgenommen werden – zum Beispiel auf Juden oder Muslime. Damit muss Schluss sein. Wir brauchen mehr als abgespulte Solidaritätsbekundungen. Ein Gastbeitrag.

          Vor zehn Tagen wurde ich, Rabbiner Yehuda Teichtal, gemeinsam mit meinem Kind auf der Straße bespuckt und auf Arabisch beschimpft, weil wir Juden sind. Vor genau einem Jahr wütete ein brauner Mob vor dem Restaurant „Schalom“ in Chemnitz, schmiss Steine und brüllte Hassparolen.

          Kurz vor Weihnachten 2017 pöbelte ein gut gekleideter älterer Herr einen jüdischen Restaurantbesitzer in Berlin-Schöneberg an: „Was wollt Ihr hier nach 1945?“ Dann das Unerträgliche: „Alle wieder zurück in eure blöden Gaskammern.“ In Berlin-Prenzlauer Berg wurde vor nicht langer Zeit ein Jude von einem syrischen Flüchtling mit dem Gürtel ausgepeitscht, weil er Kippa trug.

          Alle diese Vorfälle waren erschreckend und haben einen öffentlichen Aufschrei provoziert. Es gab breite Berichterstattung, Lichterketten, Gedenkminuten, Solidaritätsbekundungen. Und dann war so lange Ruhe, bis es zum nächsten Vorfall kam. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht in eine Betroffenheitsroutine verfallen.

          Natürlich ist es in einer Demokratie wichtig und zwingend notwendig, dass die Gesellschaft Zeichen setzt und ihre Missbilligung zeigt. Es hat gutgetan, dass der Bundespräsident deutliche Worte zu dem schrecklichen Vorfall vergangene Woche gesagt hat. Seine Aussage stimmt, dass jegliche Form des Extremismus Gift für unsere freiheitliche und offene Gesellschaft ist. Aber Worte alleine reichen eben nicht.

          Raed Saleh ist Vorsitzender der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus von Berlin.
          Yehuda Teichtal ist Gemeinderabbiner der jüdischen Gemeinde zu Berlin und der Vorsitzende des jüdischen Bildungszentrums Chabad.

          Momentan kommt es in Deutschland täglich zu Angriffen auf Menschen, weil sie als anders wahrgenommen werden. Durch Antisemiten, Rassisten, Fremdenhasser, Homo- und Islamophobe. Wie die Juden werden auch Muslime permanent und überall angepöbelt, ausgegrenzt und beschimpft. Kippas werden vom Kopf geschlagen und Kopftücher vom Kopf gerissen. Wegen tief sitzender Vorurteile. Damit muss Schluss ein. Wir brauchen mehr als regelmäßig abgespulte Solidaritätsbekundungen, die ohne Konsequenz bleiben.

          Wir brauchen einen Aufstand der Anständigen

          Wir brauchen eine Strategie, wie wir mit der wachsenden Ablehnung des anderen, des Ungewohnten umgehen wollen. Wir brauchen einen täglichen Aufstand der Anständigen. In den Kantinen, in den Fußballvereinen, beim Plausch nach dem Gottesdienst, in der U-Bahn, im Biergarten. Wenn jemand einen blöden Witz macht gegen Juden, gegen Muslime, gegen Flüchtlinge, seine verletzenden Vorurteile wie einen Kübel Gülle auskippt, wenn der bettelnde Roma-Junge bedroht wird, im Bus die Sitznachbarin beleidigt wird, weil sie ein Kopftuch trägt, wenn jüdische Jungen angepöbelt werden, weil sie Kippa tragen, dann gilt es aufzustehen und zu widersprechen.

          Die Hetzer fühlen sich nur dann stark, wenn sie den Eindruck haben, dass ihnen jemand folgt. Stoßen sie auf Gegenwind, sind sie schnell still. Es ist immer leicht, aus der Gruppe Einzelne anzugreifen. Aber wenn ein Zugabteil aufsteht und zeigt, dass der Hass und die Attacken nicht geduldet werden, dann wirkt das. Ja, dafür braucht es Mut. Aber diesen Mut müssen wir endlich aufbringen.

          Das Bespucken und die Beleidigungen vor wenigen Tagen in Berlin waren kein Angriff auf den jüdischen Vater mit seinem Kind – es war ein Angriff auf unsere offene Gesellschaft. Es war ein Angriff auf das schwule Paar, auf den muslimischen Imam, den Querschnittsgelähmten im Rollstuhl, auf den buntgefärbten Punk, die schwarze Fußballspielerin, die obdachlose Roma-Familie, den kleinen Flüchtlingsjungen ohne Eltern in der Pflegefamilie.

          Die Werte der Verfassung vorleben

          Was uns alle vereint, sind unser Grundgesetz, unsere Werte, unsere Moral – unsere Verantwortung vor Gott. Der erhobene Zeigefinger alleine wird nicht helfen. Auch nicht allein harte Strafen für die widerlichen Hetzer. Wir brauchen ein Umdenken. Ein Umdenken durch ein größeres Miteinander.

          Anfangen müssen wir damit sehr früh. Wer keine Islamisten, keine Antisemiten, Neonazis und Linksradikalen will, der muss schon bei den Kleinsten beginnen, die Werte unserer Verfassung, die Vorteile einer vielgestaltigen, bunten, offenen, auch internationalen Gesellschaft (vor) zu leben. Wir müssen uns viel mehr um die Bildung kümmern, eine tolerante, demokratische Bildung. Von der Kita bis zur Volkshochschule.

          Vor anderthalb Jahren schlug ich, Raed Saleh, hier an selber Stelle vor, zum ersten Mal in der deutschen Geschichte eine Synagoge wieder historisch aufzubauen. Als Zeichen dafür, wie zentral das Judentum einmal in Deutschland war, und als Zeichen dafür, wo wir uns heute erneut verorten. Aus diesem Text ist inzwischen ein sehr konkretes Projekt geworden, über das von Washington bis Tokio berichtet wird und das auf dem besten Weg ist, bald umgesetzt zu werden.

          Die ersten zwei Millionen Euro sind zusammen. Einige Berliner Moscheen haben angekündigt, für den Wiederaufbau Spenden zu sammeln. Aus jüdischer Sicht eine beeindruckende Geste. In dem Gebäude soll auch eine Kita entstehen, in der jüdische Kinder gemeinsam mit muslimischen, christlichen und nicht gläubigen Kindern spielen und gemeinsam die wunderbaren Werte unserer Verfassung erlernen.

          Begegnung, Gespräch, Austausch

          Genauso auf dem jüdischen Campus, der gerade in Berlin-Wilmersdorf entsteht. Zusammen setzen wir beide uns seit Jahren dafür ein, dass dieses wichtige Projekt gedeihen kann und bald Wirklichkeit wird. Ein zweistelliger Millionenbetrag konnte so zusammenkommen, der Grundstein ist gelegt. Zwar fehlen noch sechs Millionen Euro, trotzdem wächst das Projekt täglich.

          Auf dem Campus werden sehr bald Jugendliche aus verschiedenen Religionen und Ländern in Kontakt treten, gemeinsam lernen, spielen, Sport treiben. Nur so kann aus der Unterschiedlichkeit ein Miteinander entstehen – durch Begegnung, durch Gespräch und Austausch.

          Fast achtzig Jahre nach dem Holocaust gibt es nur noch sehr wenige Betroffene, die diese menschliche Katastrophe erlebt haben. Nicht zuletzt ihnen sind wir es schuldig, mehr zu tun, als Worte und Gesten auf schreckliche Taten folgen zu lassen. Lassen Sie uns heute damit beginnen!

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