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Gefallene Bundeswehr-Soldaten : Die Standardisierung des Todesfalls

  • -Aktualisiert am

Vor der Trauerfeier für die drei getöteten Soldaten in der St. Lambertikirche in Selsingen Bild: APN

In Niedersachsen wird heute der drei an Karfreitag in Afghanistan gefallenen Soldaten gedacht. Nicht nur die Gesellschaft tut sich schwer im Umgang mit solchen Nachrichten. Auch die Bundeswehr hat lange gebraucht, bis sie die nötigen Schritte bis zur Trauerfeier katalogisiert hatte.

          Am frühen Nachmittag des Karfreitags wurde Oberst Heinz Krieb aus seinem Osterurlaub geklingelt. Ein Offizier des Einsatzführungsstabs im Verteidigungsministerium teilte ihm mit: „Wir haben drei Gefallene in Kundus.“ Krieb, Referatsleiter im Zentralreferat des Führungsstabes, musste sofort mit Hilfe eines kleinen Teams im Ministerium sowie der zuständigen Kommandobehörden in Deutschland einen komplexen Prozess in Gang setzen, so dass sieben Tage später, an diesem Freitagnachmittag, Familienangehörige, Kameraden, Bevölkerung und Politiker in der Sankt-Lamberti-Kirche von Selsingen Abschied nehmen können von den Soldaten Nils B., Robert H. und Martin A. Auch die Kanzlerin kommt.

          Zum Zeitpunkt des Anrufes bei Krieb waren der Verteidigungsminister und der Generalinspekteur der Bundeswehr bereits über die Ereignisse informiert worden. Doch diejenigen, die der Tod der drei Soldaten am meisten angeht, wussten noch nichts von den Geschehnissen in mehr als 6000 Kilometer Entfernung. So schnell wie möglich sollten nun die Familienangehörigen der Gefallenen erreicht werden.

          Was überhaupt kann man sagen - und wer sagt es?

          Welches Detail der letzten Momente eines jungen Lebens sollte einer Mutter, einem Vater, einer Ehefrau oder Freundin berichtet werden, wenn die Todesnachricht überbracht wird? Was überhaupt kann man sagen - und wer sagt es? Ein im Verteidigungsministerium erarbeiteter Maßnahmenkatalog gibt Hinweise. Die Bundeswehr hat einige Jahre benötigt, ehe sie den Umgang mit ihren Gefallenen auf diese Weise standardisiert hat. Sie war gezwungen dazu, denn der Tod gehört inzwischen zur Einsatzrealität.

          Gedenken an die gefallenen Kameraden

          „Wir entwickeln in unserer Gesellschaft erst noch eine Kultur der Trauer um unsere Gefallenen“, sagt Oberst Krieb. „Das ist ein laufender Prozess, der sich gewiss von der Kultur anderer Nationen, die bereits seit Jahrzehnten mit solch tragischen Ereignissen konfrontiert sind, unterscheidet. Uns kommt es neben der engen Betreuung der Angehörigen auch auf eine angemessene und würdevolle Trauerfeier für unsere Gefallenen an.“

          Immer im Wettlauf gegen die Medien

          In der Regel ist es der Bataillonskommandeur, der Kompaniechef oder der Kompaniefeldwebel eines gefallenen Soldaten, der den Familien in Begleitung eines Militärpfarrers und eines Truppenpsychologen persönlich die Todesnachricht überbringt. Stets steht er dabei in einem Wettlauf vor allem gegen die Medien, die mitunter den Namen eines Gefallenen veröffentlichen, noch ehe die Angehörigen informiert sind. „Hat es schon gegeben“, sagt Heinz Krieb und ergänzt, er möchte sich nicht ausmalen, wie es für eine Mutter sein müsse, wenn sie vom Tod des Sohnes aus den Nachrichten erfahre.

          „Das müssen wir unbedingt verhindern“, sagt auch Peter Schmidt, evangelischer Militärdekan in Bonn. Im Fall der gefallenen Fallschirmjäger aus Seedorf hat das geklappt. Die letzte der drei Familien konnte am Ostersamstag um zwei Uhr nachts erreicht werden. Auch die Überbringer der Todesnachricht werden diese Nacht nie vergessen. Dass ihr Mann oder ihr Sohn „für die Sicherheit Deutschlands gefallen“ sei, damit können die Hinterbliebenen im ersten Moment nichts anfangen.

          Stundenlang üben Soldaten den Ablauf der Trauerfeier

          Die Angehörigen sollen in die offizielle Trauerfeier der Streitkräfte einbezogen werden. Deshalb werden sie in den ersten Tagen nach Erhalt der Todesnachricht mehrmals von Vertretern der Streitkräfte aufgesucht, um Ort, Zeitpunkt und Ablauf der Trauerfeier zu besprechen. Meist folgen die Familien den Vorschlägen der Bundeswehr. Weil die drei Gefallenen vom Karfreitag aus dem Fallschirmjäger-Standort Seedorf in Oldenburg kamen, akzeptierten die Angehörigen den Vorschlag, die Trauerfeier im Nachbarort Selsingen zu organisieren.

          Die Veranstaltung gleicht einem Staatsakt. Stundenlang übten Soldaten am Donnerstag in der kleinen, beengten, etwa 400 Menschen Platz bietenden Sankt-Lamberti-Kirche den Ablauf. Totenwache in der Kirche, das militärische Geleit (Trauerkondukt) der Särge aus der Kirche, die Begleitmusik - „da sollte es keine Pannen geben“, sagt Peter Gellner aus der Abteilung Protokoll im Verteidigungsministerium.

          Eine Trauerfeier für gefallene Soldaten ist ein öffentliches Ereignis. Die Bevölkerung soll, das ist erklärtes Ziel des Verteidigungsministeriums, Anteil nehmen können am Schicksal „ihrer“ Gefallenen. Das Trauern um die Opfer eines Militäreinsatzes soll in der Gesellschaft verankert werden, so wie es in verbündeten Staaten selbstverständlich ist. Daher wird jede Trauerfeier für die Bundeswehr auch zum Spagat zwischen der Gewährleistung freier Medienberichterstattung und dem Wunsch der Angehörigen, in ihrer Trauer anonym zu bleiben.

          Zum Abschluss stets das Lied „Ich hatt' einen Kameraden“

          In Selsingen ist die Presse zugelassen in der Kirche. Manchmal aber, berichtet Oberst Krieb, sei es „schwer für die Angehörigen, die Medienpräsenz zu akzeptieren“. Mitunter bietet die Bundeswehr den Journalisten dann eine „Poolberichterstattung“ an: Sender und Redaktionen erhalten von Soldaten produziertes Film- und Bildmaterial. Doch selbst diese Praxis kann nicht verhindern, dass Fotos von trauernden Angehörigen in der Boulevardpresse auftauchen.

          Die Bundeswehr musste seit Beginn des Afghanistan-Einsatzes knapp ein Dutzend Trauerfeiern organisieren. Zum Abschluss erklingt stets das Lied „Ich hatt' einen Kameraden“.

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