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Pegida in Dresden : Geert Wilders und die Außerhäusigen

  • -Aktualisiert am

Pegida in der Flutrinne: Geert Wilders lockte weniger Menschen ins Grüne als erwartet. Bild: AFP

Lutz Bachmann hatte sich für seinen Gast extra in Schale geworfen, aber Geert Wilders vermied in Dresden jede Verbrüderung mit dem Pegida-Personal. Dafür lobte der Niederländer die Anhänger der Bewegung.

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          Dunkler Anzug, blaue Krawatte, weißes Hemd: Lutz Bachmann, der sonst nur in Jeans und grauem Parka auftritt, hatte sich extra in Schale geworfen für Geert Wilders, seinen langersehnten Gast. Doch der niederländische Rechtspopulist vermied auffallend jegliche Verbrüderung mit dem Pegida-Gründer und seinen Helfern. Am Montagabend kurz vor 18 Uhr traf Wilders auf dem Veranstaltungsgelände, einer großen Wiese im Dresdner Westen, ein, und schon eine halbe Stunde später, unmittelbar nach seiner Rede, fuhr er wieder davon. Bachmann war es nur mit Mühe gelungen, noch ein privates Erinnerungsfoto mit seinem Idol hinter der Bühne aufzunehmen.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          So wenig Wilders offensichtlich mit dem Pegida-Personal zu tun haben wollte, so sehr lobte er die Bewegung selbst, der er bereits im Januar ein „Grußwort“ geschickt hatte. „Es ist wirklich fabelhaft, was in Dresden passiert. Ihr seid Teil von etwas ganz Großem“, ließ er ausrichten. „In meinen Augen seid ihr alle Helden“, rief er nun am Montagabend den Pegida-Anhängern zu, die jubelten und noch ein paar Fahnen mehr als sonst schwenkten.

          Dann kam Wilders schnell zur Sache und hielt die Rede, die von ihm erwartet worden war. „Unsere eigene Kultur ist die beste Kultur“, rief er, und die sei durch die Islamisierung in Gefahr, vor der Politik und Presse die Augen verschlössen. Nicht alle Muslime seien Terroristen, aber die meisten Terroristen seien Muslime, sagte Wilders, der einziges Mitglied der von ihm gegründeten, dezidiert islamkritischen „Partei für die Freiheit“ ist, mit der er in den Niederlanden drittstärkste politische Kraft wurde, in jüngster Zeit jedoch erhebliche Stimmverluste hinnehmen musste.

          Weil unter den verbliebenen Pegida-Anhängern in Dresden jedoch die angebliche Sorge vor einer Islamisierung vor allem mit der zunehmenden Zahl an Asylbewerbern verbunden ist, warnte Wilders zum Abschluss auch davor. „Wir stehen vor einer Katastrophe, und ich sage Ihnen: Es reicht!“ Zudem forderte er, das Schengener Abkommen zu verlassen und wieder Grenzkontrollen zu errichten. Das sorgte für Riesenjubel im Publikum, das mehrfach „Wir sind das Volk“ rief, jenen Spruch, mit dem ein Vierteljahrhundert zuvor Grenzen eingerissen worden waren.

          Nur wenige Stunden zuvor hatte der geplante Auftritt von Wilders bereits zu einer bemerkenswerten politischen Verbrüderung geführt. Am Montagmittag luden drei Kandidaten für die Dresdner Oberbürgermeisterwahl im Juni gemeinsam zu einer Pressekonferenz und verkündeten dort, nicht als Wahlkämpfer erschienen zu sein. „Keinem geht es heute darum, um Stimmen zu werben!“, sagte Dirk Hilbert, der amtierende Oberbürgermeister. Vielmehr gehe es heute „einzig und allein darum, wie wichtig uns die Stadt und ihr Ansehen, wie wichtig uns ihre Bürgerinnen und Bürger sind“.

          Auf einem Videomonitor verfolgen Pegidaanhänger die Rede des niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders in Dresden. Bilderstrecke
          Rechtspopulist : Proteste gegen Wilders-Auftritt bei Pegida in Dresden

          Dabei war den Beteiligten und vor allem ihren Parteien bisher jenseits von Wahlkämpfen das Ansehen Dresdens weniger wichtig gewesen als mit noch so unwichtigen Details einen politisch-ideologischen Sieg über den Gegner zu erringen. Die Lage musste also sehr ernst sein, wenn sich nun Eva-Maria Stange (SPD), derzeit Wissenschaftsministerin in Sachsen, Markus Ulbig (CDU), Innenminister im Freistaat, sowie Dirk Hilbert, der trotz seiner FDP-Mitgliedschaft als unabhängiger Kandidat antritt, gemeinsam und in fast gleichem Sinne äußerten.

          Nach der Spaltung von Pegida Ende Januar verschwand deren moderater Teil in der Bedeutungslosigkeit, während Bachmann nun eine radikalisierte Version des Vereins anführt, dessen Anhänger mittlerweile unverhohlen gegen Flüchtlinge, Muslime und Politiker hetzen und auch vor Drohungen nicht haltmachen: Als am Ostermontag die Glocken der Kreuzkirche traditionell zum Friedensgebet riefen, stürmten Pegida-Anhänger herbei und drohten, Mitarbeitern die Kehle durchzuschneiden, sollte das Geläut weiterhin die Kundgebung stören.

          „Ich bin entsetzt darüber, was ich in den letzten Wochen erleben musste, nachdem sich Bachmann und Co. abgespalten haben“, sagte Oberbürgermeisterkandidatin Stange. Wer nun auch noch einem „europaweit bekannten Rechtspopulisten“ eine Bühne gebe, überschreite eine Grenze. „Das sind nicht mehr Menschen mit Sorgen und Ängsten“, sagte Stange. „Das ist ein schlechter Tag für Dresden“, sagte auch Markus Ulbig, „aber es könnte auch ein Wendepunkt sein.“ Niemand könne jetzt noch behaupten, nicht zu wissen, hinter wem er bei Pegida herlaufe. „Geert Wilders trägt Hass in sich, und er spaltet“, sagte Ulbig. Jeder sollte sich deshalb fragen, wie und mit wem er seine Demonstrationsfreiheit nutze.

          Anti-Islam-Bewegung : Geert Wilders bei Pegida in Dresden

          „Dresden wird missbraucht“

          Pegida und die Auswirkungen seien für Dresden „ein dramatisches Imageproblem“, sagte Hilbert. „Wir werden alles dafür tun, dass unsere Stadt kein Wallfahrtsort der europäischen Rechten wird.“ Dass Dresden überhaupt in die Gefahr gerate, ein solcher zu werden, liege auch daran, dass sich die Stadt „von der Quelle weg zur Kulisse entwickelt“ habe, sagte Stange. „Dresden wird missbraucht.“

          Warum die Teilnehmerzahlen von Demonstrationen für ein weltoffenes und tolerantes Dresden trotzdem überschaubar bleiben, konnte keiner der Kandidaten beantworten. Der Dresdner an sich sei eher „inhäusig“, sagte Hilbert, während Stange argumentierte, dass Leute eben leichter gegen als für etwas zu mobilisieren seien. Am Montagabend hatte dann ein breites zivilgesellschaftliches Bündnis unter dem Motto „Vielfalt vor Einfalt“ zu einem Sternmarsch und mehreren Gegenkundgebungen aufgerufen, an denen sich laut Polizei etwa 3000 Menschen beteiligten. Dem Pegida-Verein wiederum, der in den vergangen Wochen stark schwindende Zustimmung verzeichnete, brachte der prominente Gastredner nicht die erhofften 30.000 Zuhörer; am Ende wurden rund 10.000 Teilnehmer gezählt.

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